Patriarch: Libanesische Führung muss Gewalt beenden

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Das Oberhaupt der maronitischen Kirche, Kardinal Bechara Rai, erhebt schwere Vorwürfe gegen die politische Führung des Libanon. Das gewaltsame Vorgehen gegen die Massenproteste mit ihren „berechtigten Forderungen“ behindere die dringend nötige Regierungsbildung, sagte der Patriarch laut dem Nachrichtenportal „Asianews“ in einer Predigt. Am Wochenende waren bei den seit Oktober anhaltenden Protesten rund um das Parlament in Beirut mehr als 370 Menschen verletzt worden, als Sicherheitskräfte mit Tränengas und Projektilen gegen Demonstranten vorgingen.

Ende Oktober hatte Ministerpräsident Saad Hariri wegen des öffentlichen Drucks infolge von Korruptionsvorwürfen seinen Rücktritt erklärt. Die Regierungsbildung ist seinem designierten Nachfolger Hassan Diab bislang nicht gelungen. Die wochenlangen Proteste haben die Zedernrepublik in die schwerste politische und wirtschaftliche Krise seit 30 Jahren gestürzt, zu einer starken Inflation geführt und das Bankensystem an den Rand des Zusammenbruchs gebracht.

Kardinal Rai zufolge trägt die derzeitige politische Führung mit ihrem „unmenschlichen Vorgehen“ die „Schuld an der Schande und der Misere“ des Landes. Sie habe dem Ansehen der Politik schwer geschadet. Die Proteste der Menschen auf den Straßen seien „legitim“.

Rai stellt selbst vier Forderungen: Die Staatsführung dürfe die von Jugendlichen getragene Protestbewegung nicht unterschätzen und müsse auf Repressalien verzichten. Die mit der Bildung einer neuen Regierung Beauftragten sollten „ihren Auftrag wahrnehmen, das Land zu retten“. Die Sicherheitskräfte müssten Zusammenstöße zwischen Bürgern verhindern und die Ruhe im Land gewährleisten. An die internationale Gemeinschaft appellierte der Kardinal, die Libanon-Frage ernsthaft mitzuverfolgen; das Land habe große Bedeutung für den gesamten Nahen Osten.

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