Pakistan auf der Landkarte
Missio-Expertin über Zwangskonvertierung von Mädchen in Pakistan

„Ein Fall für Baerbocks feministische Außenpolitik“

Aachen ‐ Frauen und Mädchen religiöser Minderheiten in Pakistan werden immer wieder Opfer von Entführung und Zwangskonversion zum Islam. Die Justiz geht nicht dagegen vor, auch weil radikalislamische Hardliner dies verhindern.

Erstellt: 24.09.2022
Aktualisiert: 23.09.2022
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Am Montag startet die katholische Hilfsorganisation Missio eine Petition an die Bundesregierung. Berlin soll Druck auf die pakistanische Führung machen, den Schutz für die Opfer zu verbessern. Missio-Expertin Katja Voges berichtet im Interview über das Schicksal der jungen Frauen in einem Land, das Probleme mit radikalem Islamismus hat.

Frage: Frau Voges, Sie berichten über rund 1.000 Fälle von Entführung und Zwangskonversion jährlich in Pakistan. Wie muss man sich diese Taten vorstellen?

Voges: Zunächst mal handelt es sich dabei nur um die von pakistanischen Menschenrechtsorganisationen geschätzten Fälle. Die Dunkelziffer kann weit höher sein. Betroffen sind vorwiegend minderjährige Mädchen aus den Minderheiten der Christen, Hindus oder Ahmadis, manche nicht älter als 12. Sie werden auf dem Weg zur Schule, beim Einkaufen oder sogar zuhause entführt, vergewaltigt und zur Heirat gezwungen. Damit einher geht die Zwangskonversion zum Islam. Oft sind die „Ehemänner“ deutlich älter. Die Opfer erwartet seelische und körperliche Gewalt.

Frage: Wer sind die Täter und was sind ihre Motive?

Voges: Die Entführer stammen oft aus denselben Vierteln. Mache kennen ihre Opfer gut. Es vermischen sich wirtschaftliche, sexuelle und religiöse Motive. Die Täter bekommen sexuell verfügbare Partnerinnen. Aus ihrer Sicht können sie dies auch noch als gute Tat deklarieren, für die eine himmlische Belohnung vorgesehen ist. Manchmal werden die Opfer auch weiterverkauft. Es gibt kriminelle Strukturen, die solche Entführungen als Geschäftsmodell betreiben. Der Boden, auf dem so etwas gedeiht, ist die weitverbreitete Frauenverachtung in der Gesellschaft, in der Frauen und Mädchen generell wenige Rechte haben.

Gesetze werden nicht umgesetzt

Frage: Welche Hilfe können Opfer und ihre Familien von Polizei und Justiz erwarten?

Voges: In den meisten Fällen gar keine. Offiziell dürfen Frauen in Pakistan zwar erst mit 16 heiraten, auf Vergewaltigung steht sogar die Todesstrafe. Doch Verstöße gegen diese Gesetze werden in der Regel nicht ordentlich verfolgt, wenn die Betroffenen religiösen Minderheiten angehören. Auf Anzeigen der Familien folgen Gegenanzeigen der Täter und vor Gericht sind Nichtmuslime im Nachteil. Wenn die Entführer eine Heiratsurkunde vorweisen können, reicht das vielen Richtern. Die Opfer schweigen aus Angst, ihre Familien werden bedroht, wenn sie protestieren. Aber auch der Druck auf die Politik und die Justiz durch radikalislamische Gruppierungen ist extrem – das ist ein wichtiger Grund dafür, dass die Gesetze nicht umgesetzt werden und diese Fälle deshalb in Pakistan besonders zahlreich sind.

Frage: Gibt es im Islam denn eine Rechtfertigung für solche Taten?

Voges: Islamische Strömungen, die die Zwangskonversion erlauben oder begünstigen, sind als extremistisch zu bezeichnen. Aber genau solche extremistischen Strömungen mit ihren eigenen Auslegungen des Islam sind in Pakistan sehr stark vertreten. Für sie haben die rund 3 Millionen Hindus und 2,6 Millionen Christen wenige Rechte, so auch die Ahmadis, die als Häretiker gelten. Damit treiben sie die gemäßigten Muslime und die Politik vor sich her. Letztes Jahr haben sie es mit ihren lauten Protesten geschafft, ein Gesetz zum Schutz von Minderheiten vor Zwangskonvertierung zu verhindern. Menschenrechtler und progressive Politiker werden von diesen Gruppen regelmäßig mit dem Tod bedroht und nicht selten ermordet.

Zwangskonvertierungen zur Sprache bringen

Frage: Was kann eine Petition in Deutschland da bewirken?

Voges: Missio will mit der Petition die Bundesregierung dazu bringen, das Thema in Pakistan zur Sprache zu bringen. Die Führung in Islamabad muss den gesetzlichen Schutz für Minderheiten verbessern und vor allem dafür sorgen, dass Justiz und Polizei diese Gesetze auch befolgen. Wir wünschen uns, dass der Beauftragte der Bundesregierung für Religionsfreiheit, Frank Schwabe (SPD), die Entführungen in Pakistan in seiner Arbeit aufgreift, denn wir haben es hier mit massiven religiös begründeten Menschenrechtsverletzungen zu tun. Und wenn Außenministerin Baerbock (Grüne) es ernst meint mit der angekündigten „feministischen Außenpolitik“, muss auch sie die Verbrechen gegen Frauen und Mädchen in dem Land laut und deutlich verurteilen.

Von Christoph Schmidt (KNA)