Regierung in Lima fährt drastische Maßnahmen gegen Corona

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  • Corona-Pandemie - 15.04.2020

Die Peruaner finden es gut, dass ihre Regierung schnell und beherzt rasche Maßnahmen gegen das Coronavirus ergriffen hat. Überrascht davon wurden Tausende deutsche Touristen und Freiwillige.

Eine Epidemie ist für Vilma Villanueva nichts Neues. Vor 19 Jahren wütete in Peru die Cholera. „Damals lernten wir, Gemüse und Salat zu desinfizieren“, erinnert sich die heute 59-jährige Buchhalterin aus Lima.

Vielleicht ist es dieser Erinnerung zu verdanken, dass die Peruaner in der großen Mehrheit die drastischen Maßnahmen unterstützen, die die peruanische Regierung gegen das Coronavirus eingeleitet hat: praktisch von einem Tag auf den anderen eine „obligatorische soziale Isolierung“, sprich Ausgangssperre für die gesamte Bevölkerung. Kurz danach wurden auch Flughäfen gesperrt; in den Straßen patrouilliert Militär.

Seit dem ersten Auftreten im November 2019 hat sich das Virus Sars-Cov-2 weltweit ausgebreitet. Partner und Hilfswerke berichten über die aktuelle Situation.


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Davon überrascht wurden nicht nur die Peruaner, sondern auch Touristen und Freiwillige. Bis 3. April hat das Rückholprogramm des Auswärtigen Amtes 2.400 Deutsche aus Peru ausgeflogen. Bis heute in Cusco verbleiben dagegen die jungen Touristen, die ihre Quarantäne in einem Backpacker-Hostel in der Andenstadt Cusco aussitzen müssen. Da in dem Hostel zwei Corona-Infizierte registriert wurden, haben die Behörden ihre Quarantäne nicht gelockert. Das ist unangenehm und beängstigend für die meist jugendlichen Touristen. Ihre dramatischen WhatsApp-Botschaften gingen um die Welt.

„Die Regionalregierung von Cusco hat zu spät darauf reagiert, dass so viele Touristen in Hostels ihre Ausgangssperre absitzen müssen“, erklärt Tourismusexperte Boris Santos. „70 Prozent der Touristen, die nach Peru kommen, sind unter 40 Jahre“, so der Experte. „Und viele reisen möglichst billig oder per ‚work and travel‘. So helfen sie etwa in Hotels aus und kommen dafür gratis unter.“

Cusco mit seiner Touristenattraktion, dem Berg Macchu Picchu, ist ein Hotspot für Traveller aus aller Welt. Sie nehmen Mehrbettzimmer in Kauf, wenn sie dafür wenig zahlen müssen. Zu Beginn der Corona-Krise reagierte die Bevölkerung teils feindselig auf Touristen, die sich trotz Ausgangssperre in den Straßen aufhielten oder in den Hostels Corona-Partys feierten. Damals galt das Virus noch als eine von Europäern eingeschleppte Krankheit.

„Jetzt rächt sich, dass die Bevölkerung von Cusco nie über die Bedeutung und den Umgang mit Touristen aufgeklärt wurde“, meint Santos. Zudem habe die Krise die Prekarität des Tourismussektors in Peru offengelegt. Schlechte Arbeitsbedingungen, Steuerhinterziehung, kein einheitliches Meldesystem seien die Regel, obwohl 40 Prozent aller Jobs in Cusco direkt am Tourismus hängen.

Santos hofft, dass der Image-Schaden für Cusco mit einer öffentlichen Entschuldigung längerfristig gering bleibt. Für 2020 allerdings sieht er schwarz: „Die Touristen aus Europa, Asien und Nordamerika werden dieses Jahr wohl wegbleiben“.

Keine Touristen, aber ebenfalls stark betroffen von Covid-19 waren die 200 bis 300 jugendlichen Freiwilligen, die sich mit dem von der Bundesregierung finanzierten „weltwärts“-Programms in Peru aufhielten. Ihr Dienst bei einem der peruanischen Projektpartner dauert normalerweise von September bis Juli. Dieses Jahr fand er wegen Corona im März ein abruptes Ende.

„Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit hat uns Trägerorganisationen am 16. März mitgeteilt, dass wir alle Freiwilligen zurückholen müssen“, berichtet Claudia Debes. Sie leitet die Fachstelle Internationale Freiwilligendienste bei der Erzdiözese Freiburg und betreut die 19 Freiwilligen der Erzdiözese in Peru. „Zuerst waren sie eher erbost, dass sie zurück mussten; aber je drastischer die Maßnahmen wurden, desto erleichterter waren sie dann, dass sie zurück durften“.

Internationale Freiwilligendienste sind für junge und jung gebliebene Menschen, die sich auf die Herausforderungen dieses Dienstes wirklich einlassen, eine einmalige und einzigartige Chance, geglücktes Leben zu entdecken.


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Drei Wochen und viel Einsatz von allen Beteiligten waren nötig, bis am 7. April die letzte der 19 Jugendlichen aus Freiburg mit dem Rückholprogramm der Bundesregierung in Deutschland ankam. „Unsere Projektpartner haben sehr verständnisvoll darauf reagiert, dass ihre jungen Mitarbeiter aus Deutschland zurückflogen“, berichtet Debes. „Einigen Freiwilligen wurde bewusst, welche Privilegien sie haben, zurückfliegen zu können und notfalls auch mehrere hundert Euro für eine Taxifahrt zahlen zu können.“

Während das Freiwilligenjahr 2019/2020 abgebrochen wurde, bereiten sich bereits neue Freiwillige auf einen Dienst in Peru vor. „Wir gehen noch davon aus, dass die nächste Gruppe 2020 ausreisen wird, wenn auch vielleicht später als geplant“, so Debes.

Peru hat für seine 30 Millionen Einwohner gerade mal 500 Intensivplätze mit Beatmung, erklärte Staatspräsident Martin Vizcarra in einer seiner täglichen Pressekonferenzen. Peru bleibt nichts anderes, als strikte Quarantänemaßnahmen durchzusetzen. Die meisten Bewohner verstehen das ─ auch wenn das wirtschaftliche Einbußen bedeutet und viele ihre knappen Reserven antasten, um sich mit dem Nötigsten versorgen zu können. Bei der Cholera-Epidemie 1991 starben fast 3.000 Peruaner. Die Zahl der Covid-19-Toten lag am 7. April noch bei 107.

Vilma Villanueva vergleicht das Coronavirus mit einer anderen drohenden Katastrophe, mit der die Peruaner zu leben gelernt haben: „Stell dir vor, Covid-19 wäre ein Erdbeben. Da ist das wichtigste, dass du überlebst.“

Von Hildegard Willer 
© Text: KNA

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