Armenbischof aus Guatemala zum Kardinal ernannt

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  • Vatikan - 04.10.2019

Morddrohungen hat Alvaro Ramazzini schon viele bekommen. Doch die schrecken den Bischof von Huehuetenango nicht ab. In Guatemala nennen sie ihn den „roten Bischof“ – für sein kompromissloses Menschenrechtsengagement.

Immer wieder hat Papst Franziskus betont, wie er die Verleihung der Kardinalswürde und das Kardinalsrot als Farbe des Gewandes versteht: Von einem Kardinal sei zu erwarten, dass er für seine Kirche mit seinem ganzen Leben steht – und notfalls mit seinem Tod. In unseren friedlichen Breiten denkt man heute kaum mehr in der Kategorie der Blutzeugenschaft. Alvaro Leonel Ramazzini Imeri aber schon. Der Bischof von Huehuetenango kämpft seit vielen Jahren für die Armen und Rechtlosen in Guatemala – und er hat dafür schon zahlreiche Morddrohungen erhalten.

Ramazzini ist ein engagierter Streiter für die Menschenrechte in seinem Land. Der 72-Jährige wendet sich gegen Drogenkriminalität und Gewalt, Ausbeutung und Umweltzerstörung durch Bergbau-Großprojekte; er streitet für die Rechte der Landarbeiter und sucht Lösungen für die aktuelle Migrationskrise. Beim Fußball würde man sagen: Ramazzini geht dahin, wo's wehtut; und er macht die Option der Kirche für die Armen geltend – auch wenn die Oberklasse dann einen „Generalangriff“ auf die Kirchenleitung startet.

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„Wie kann man als Christ, als Christin inmitten von Armut und Ungerechtigkeit leben?“ Dies ist die Ausgangsfrage, aus der in der 1960er und 1970er Jahren eine bedeutende theologische Strömung entsteht, die bis heute weltweiten Einfluss ausübt: die Theologie der Befreiung.


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Als Ramazzini 2006, damals als Bischof von San Marcos, einer der ärmsten Diözesen des mittelamerikanischen Landes, zum Vorsitzenden von Guatemalas Bischofskonferenz gewählt wurde, sprachen die Medien von einem „Linksruck“ durch den „roten Bischof“. Doch solche Etiketten scheren ihn wenig. Auch nach vielfachen Drohungen strahlt er neben seinem Elan vor allem eines aus: Gelassenheit.

Mehrfach stellten ihm die Regierungen des Landes Leibwächter – denn sollte ihm etwas geschehen, stünden auch sie im Kreuzfeuer der Kritik. Denn auch Guatemalas Präsidenten tritt der streitbare Bischof auf die Füße, wenn er ihnen Führungsschwäche attestiert oder die Verfolgung von Menschenrechtsverletzungen anmahnt. Für sein Engagement erhielt Ramazzini 2005 den österreichischen Konrad-Lorenz-Preis. 2011 folgte der US-Friedenspreis „Pacem in Terris Peace and Freedom Award“. 2006 nahm er am EU-Lateinamerika-Gipfel 2006 in Wien teil.

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Die Kirche weiß sich der Menschenwürde verpflichtet, die in unveräußerlichen Menschenrechten politisch-rechtlich Anerkennung und Schutz findet.


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Oft bekommt er, auch als Leiter der nationalen Caritas, zu hören: Die Kirche solle predigen und sich ansonsten aus Agrar- und Menschenrechtsfragen heraushalten; die Hühnerpreise hätten nichts mit dem Evangelium zu tun. Ramazzini antwortet darauf: „Wenn die Kirche nur ihre Botschaft verkündet und dabei die Lebensprobleme der Menschen außer Acht lässt, wird sie zur Komplizin der Ungerechtigkeit.“

Besonders gefährlich: der Einsatz des Bischofs für die Landlosen. Guatemala gilt als der Staat mit der ungerechtesten Verteilung von Land in ganz Lateinamerika. Wenige Großgrundbesitzer verfügen über rund zwei Drittel des Bodens. Ihnen kann Ramazzinis Engagement nicht schmecken: für die Campesinos, die auf den Fincas der Reichen ausgebeutet werden, und für die Umwelt, die etwa durch riesige Goldminen gnadenlos verwüstet zu werden droht.

Auch ein anderes Szenario wäre zumindest denkbar: ein Auftrag der früheren Militärmachthaber. So wie 1998, als Juan Gerardi Conedera, Weihbischof in Guatemala-Stadt, in der Garage seines Hauses ermordet wurde. Gerardi hatte schonungslos die Zehntausenden Menschenrechtsverbrechen des Bürgerkriegs (1960-1996) bilanziert; dafür musste er sterben. Wirklich aufgeklärt wurde der brutale Mord bis heute nicht.

Mit der Erhebung in den Kardinalsstand wird Ramazzinis Stimme nun noch mehr Gewicht bekommen. Und womöglich bietet ihm die zusätzliche Bekanntheit und Öffentlichkeit auch zusätzlichen Schutz vor dem Zugriff krimineller Drahtzieher. Der „rote Bischof“ erhält den Kardinalspurpur – in der Logik von Papst Franziskus ist das durchaus stimmig. Und zudem ist Ramazzini auch unbedingt ein „Typ“, der dem durch Skandale angekratzten Image des Kardinalskollegiums ein neues Gesicht geben kann.