Misereor: Deutschland muss beim Klimaschutz liefern

  • Klimawandel - 20.09.2019

Der weltweite Klimastreik am Freitag, die Beratungen des Klimakabinetts in Berlin und der bevorstehende UN-Klimagipfel in New York: Der Klimaschutz beherrscht in diesen Tagen die Schlagzeilen. Im Interview erläutert die Klima-Expertin von Misereor Anika Schroeder, was das Hilfswerk von der Politik der Bundesregierung hält. Und wie die Hitzerekorde des Sommers mit dem Klimawandel zusammenhängen.

Frage: Frau Schroeder, am Wochenende beginnt der UN-Klimagipfel in New York – das x-te Spitzentreffen zu dem Thema. Haben Sie noch irgendwelche Erwartungen an die Zusammenkunft?

Schroeder: Der Klimaschutz tritt auf der Stelle, keine Frage. Die Staatengemeinschaft hatte sich 2015 mit dem Pariser Klima-Abkommen auf Ziele verpflichtet, um die Folgen des Klimawandels einigermaßen beherrschbar zu halten. Inzwischen haben alle Regierungen gemeldet, welche Klimaziele sie sich setzen und welche Maßnahmen sie umsetzen wollen. Wenn man nun die Ziele der Staaten hochrechnet – wobei fraglich bleibt, ob diese Maßnahmen auch tatsächlich umgesetzt werden – würde die durchschnittliche Temperatur auf der Erde nach allem, was wir wissen, immer noch um 3,5 bis 4 Grad Celsius zum Ende dieses Jahrhunderts ansteigen.

Frage: Wozu dann immer neue Gipfel?

Schroeder: Solche Gipfel setzen immerhin die Regierungen unter Druck, ihre Hausaufgaben endlich zu machen. Niemand will mit leeren Händen da stehen. In New York wird es zudem darum gehen, Partnerschaften zwischen Regierungen, Städten, Unternehmen und der Zivilgesellschaft zu schließen, um beispielsweise die Anpassung an die Folgen des Klimawandels zu unterstützen.

Klimawandel - 19.09.2019

Nicht nur Schüler und Grünenpolitiker fordern zum Handeln beim Klimaschutz auf. Auch Ökonomen sagen: Klimaschutzmaßnahmen jetzt zu ergreifen, ist allemal billiger, als die Folgen zu bezahlen. Wie das konkret gehen kann, erklärt Prof. Johannes Wallacher, Wirtschaftsethiker und Mitglied der Scientists for Future, welche die globalen Klimaproteste in den kommenden Tagen aktiv unterstützen.


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Frage: Was könnte das heißen?

Schroeder: Maßnahmen für eine gesündere Landwirtschaft, in der weniger Düngemittel und Pestizide eingesetzt werden und durch höhere Vielfalt und Bodenschutz klimatische Risiken besser aufgefangen werden.

Frage: Tut die Bundesregierung genug?

Schroeder: Das meiste ist reine Symbolpolitik. Ich würde mir wünschen, dass alle politisch Verantwortlichen sich dessen bewusst werden, dass der Menschheit nur noch wenige Jahre bleiben, um zu verhindern, dass die Emissionen zu einer Erderhitzung führen, bei denen sogenannte Kippschalter im Klimasystem umgelegt werden. Einer davon ist zum Beispiel das Austrocknen des Amazonas-Regenwaldes. Es sind also ihre eigenen, heutigen Entscheidungen, die das Leben und die Lebensqualität ihrer Enkel und Urenkel beeinflussen.

Frage: FDP-Chef Christian Lindner setzt auf Innovation und die Kräfte des Marktes. Er hält wenig von Verboten oder Verzicht. Wie sehen Sie das?

Schroeder: Die eigene Freiheit hört da auf, wo die Freiheit anderer gefährdet ist. Die Erfahrungen zeigen, dass der Markt beim Umweltschutz wirksam sein kann – aber nur, wenn er sich in einem engen, gesetzlich definierten Rahmen bewegt.

Klimawandel - 19.09.2019

Die mehrheitlich katholischen Philippinen sind vom Klimawandel stark betroffen. Besonders die Bistümer engagieren sich für erneuerbare Energien und mit einer Kampagne für die „Rechte der Natur“.


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Frage: Bedeutet das auch, über Verbote nachzudenken?

Schroeder: Die Politik hat zum Schutz der Gesundheit das Rauchverbot in Gasthäusern durchgesetzt. Beim Klimaschutz geht es ebenfalls um die Gesundheit und das Überleben von Menschen. Und um die Bewahrung von Allgemeingut. Natürlich muss man ausloten, was gesellschaftlich tragfähig ist und sicherstellen, dass eventuelle Belastungen sozial umverteilt werden. Häufig sind es aber ohnehin die ärmeren Haushalte, die sich klimafreundlicher verhalten, weil sie zum Beispiel kein dickes Auto vor der Tür stehen haben oder nicht fliegen.

Frage: Auf was könnten wir in Deutschland verzichten?

Schroeder: Zum Beispiel auf Inlandsflüge. Das denkt ja sogar der deutsche Flughafenverband ADV. Wir bei Misereor machen das schon seit längerem. Es geht auch ohne.

Frage: In diesem Sommer gab es hierzulande neue Hitzerekorde. Ein Zeichen dafür, dass der Klimawandel bei uns endgültig angekommen ist?

Schroeder: Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer – viele Schwalben aber zeichnen einen Sommer aus. Einzelne Hitzerekorde sind sicher kein Beweis für den Klimawandel, sehr viele sehr heiße und sehr trockene Monate aber sehr wohl. Die 20 wärmsten Jahre seit Beginn der Wetteraufzeichnungen wurden in den vergangenen 22 Jahren registriert.

Frage: Für viele klingt das trotzdem noch reichlich abstrakt.

Schroeder: Machen wir es konkret: In den Großstädten Indiens stapelten sich in diesem Jahr die Leichen von Hitzetoten. Die Bestatter kamen nicht mehr hinterher, die Menschen zu beerdigen. Das Leben in einigen Metropolen Asiens oder Afrikas stellt der Klimawandel zusehends infrage.

Klimawandel - 18.09.2019

Bei dem für Freitag geplanten weltweiten Klimastreiktag schließen sich auch die Kirchen und Hilfswerke an. Neben Misereor, Caritas und Brot für die Welt rufen auch katholische Bistümer zur Unterstützung der Klimaproteste auf.


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Frage: In Brasilien brennt unterdessen der Amazonaswald, den dortigen Präsidenten Jair Bolsonaro schien das anfangs nicht weiter zu bekümmern. Unter welchen Bedingungen arbeiten die Partner von Misereor?

Schroeder: Brasilien ist seit langem eines der gefährlichsten Länder für Aktivisten. Unter Bolsonaro hat sich die Situation allerdings weiter zugespitzt. Der Präsident reitet Attacken gegen alle, die sich für Menschenrechte, Solidarität und Umweltschutz einsetzen. Davon ist übrigens auch die katholische Kirche betroffen. Unsere Partner fürchten um ihr Leben und das ihrer Familien. Inzwischen haben viele von ihnen selbst bei internationalen Konferenzen Angst, offen zu sprechen. Was den Amazonas anbelangt: Die Brände dort sind politisch gewollt.

Frage: Wie meinen Sie das?

Schroeder: Alles begann mit einem Aufruf von Viehhaltern zum sogenannten Tag des Feuers. Polizei und Behörden haben nicht interveniert, im Gegenteil: Unter Bolsonaro haben Farmer und Goldsucher einen Freibrief, immer tiefer in den Amazonas und den Lebensraum von indigenen Völkern vorzustoßen. Gleichzeitig setzt Bolsonaro Nichtregierungsorganisationen massiv unter Druck und streicht Gelder und Zuständigkeiten beim staatlichen Umweltschutz.

Frage: Deutschland und andere europäische Staaten haben Brasilien Hilfe beim Kampf gegen die Brände angeboten und zugleich Kritik an der Regierung geübt.

Schroeder: Das ist zu wenig. Die Bundesregierung und ihre Partner müssten endlich das Handelsabkommen zwischen der EU und den Mercosur-Ländern, zu denen auch Brasilien gehört, begraben. Solange wir weiter Soja aus Brasilien importieren, um es hier an unsere Tiere zu verfüttern, machen wir uns mitschuldig an Umwelt- und Menschenrechtsverletzungen.

Frage: Was macht Ihnen Mut?

Schroeder: Die Schüler-Proteste von Fridays for Future. Anstatt den Kopf in den Sand zu stecken, gehen die jungen Menschen in Europa für ihre Zukunft auf die Straße und setzen sich für das Wohl Aller ein. Ich hoffe, sie geben nicht auf.