Krämer zieht Bilanz zum Abschied von Missio und Sternsingern

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Frage: Prälat Krämer, Sie standen rund zehn Jahre an der Spitze zweier großer katholischer Hilfswerke. Was hat sich verändert in dieser Zeit?

Krämer: Auf alle Fälle die Rahmenbedingungen in Kirche und Gesellschaft – nicht nur wegen der Vertrauenskrise durch den Missbrauchsskandal. Auch bei den Spenden macht sich das bemerkbar. Die Kollekten gehen zurück, allein schon wegen der sinkenden Zahl der Kirchenbesucher. Wir müssen uns also mehr um Einzelspender bemühen, wobei wir feststellen, dass die meisten für ganz konkrete Projekte spenden und genau wissen wollen, was mit dem Geld geschieht.

Frage: Fangen wir mit Missio an, dem „Päpstlichen Missionswerk“. Hört sich etwas altbacken an. Was heißt Mission für Sie heute?

Krämer: Natürlich ist der Begriff vorbelastet, aber er ist auch weiterhin ein zentrales Element des Christseins. Wir setzen bei Missio vor allem auf das Beispiel beeindruckender Glaubenszeugen: Menschen, die nicht fromm daherreden, sondern sich aus dem Glauben heraus für andere einsetzen und dadurch überzeugen. Ein anderes Thema, das immer wichtiger wird, ist die Religionsfreiheit. Die gerät immer mehr unter Druck weltweit, weshalb wir uns mit Informations- und Lobbyarbeit engagieren, aber auch durch ganz praktische Solidarität. Da geht es um Christenverfolgung, aber auch um Angehörige anderer Religionen, die wegen ihres Glaubens in Not geraten.

„Mit Missio sind wir beim Thema Religionsfreiheit auch ein wichtiger Partner für die Politik geworden.“

— Prälat Klaus Krämer, ehemaliger Leiter von Missio und Sternsingern.

Frage: Welche Reaktionen erhalten Sie auf diese neue Positionierung?

Krämer: Überwiegend Zustimmung. Wir sind dadurch beim Thema Religionsfreiheit auch ein wichtiger Partner für die Politik geworden, unter anderem weil wir Informationen aus erster Hand aus unseren Partnerländern zur Verfügung stellen können, die es sonst so nicht gibt. Das hilft den verfolgten Christen vor Ort. Gleichzeitig gibt es natürlich schon einmal Diskussionen, wenn wir uns auch gegen islamfeindliche Tendenzen in unserer Gesellschaft stellen, was nicht allen in den Kram passt.

Frage: Welche Themen sind noch dazugekommen?

Krämer: Unsere Aktion Schutzengel wird 20 Jahre alt und entwickelt sich immer weiter: Zuerst ging es um den Kampf gegen Sextourismus und Kinderprostitution, dann um Aids und jetzt um das Thema Flucht – übrigens schon lange vor 2015. Wobei wir natürlich vor allem die Situation in unseren Partnerländern im Blick haben. Hier helfen wir unseren Partnern auch bei deren Arbeit in den riesigen Flüchtlingslagern. Dort spielt sich ja der Großteil der Tragödie ab, in Europa bekommen wir ja nur einen kleinen Teil des Problems mit.

Frauen - 11.06.2019

Ein Schicksal mit Folgen: Mitte der 1990er Jahre waren die philippinischen Straßenkinder Marlyn und Pia in Manila in die Fänge zweier Sextouristen aus Deutschland und den Niederlanden geraten. Zuflucht fanden sie bei Pater Shay Cullen im Kinderschutzzentrum Preda. Der Fall gab den Anstoß für den WDR-Tatort „Manila“ und auch für den Start der Aktion Schutzengel des katholischen Hilfswerks Missio.


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Frage: Für Aufsehen hat ein Bericht von Ordensfrauen gesorgt, die sich über Missbrauch beklagt haben – sexuellen, aber auch geistlichen und den Missbrauch von Macht ...

Krämer: Das hat viele erschüttert. Für uns ist das nicht ganz neu, wir helfen schon seit vielen Jahren Ordensfrauen, die Opfer von Gewalt und Übergriffen werden. Wir bieten auch Hilfe an für Priester, Ordensleute und Missionare in kritischen Situationen sowie psychologische und seelsorgerliche Begleitung in Krisensituationen, wie sie durch Krieg, Flucht oder eben gewaltsame Übergriffe entstehen können. Wir haben das jetzt nochmals verstärkt und wollen auch mithelfen, Ordensleute besser zu schulen und weiterzubilden, denn bessere Bildung hat sich hier als bester Schutz gegen Missbrauch erwiesen.

Frage: Von Missio zum Kindermissionswerk ,Die Sternsinger“: Da haben Sie ja mit der Sternsingeraktion die erfolgreichste Kampagne überhaupt...

Krämer: ... die aber kein Selbstläufer ist! Wir müssen vor allem viel dafür tun, Kinder – und deren Eltern – zu motivieren, bei der Aktion mitzumachen, weil das auch schwieriger wird. Nur so können wir das hohe Niveau halten. Wichtig sind hier auch die Infomaterialien zur Aktion, die auf der Höhe der Zeit sein müssen. Da bekommen wir viele erfreuliche Rückmeldungen, und sie werden auch ganz oft im Unterricht genutzt.

Interview - 01.01.2019

Menschen sind nicht behindert, sie werden in vielfacher Weise in unserer Gesellschaft behindert, sagt Prälat Dr. Klaus Krämer, Präsident des Kindermissionswerks ,Die Sternsinger‘, im Interview. Das Thema war Schwerpunkt der Aktion Dreikönigssingen 2019.


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Frage: Sie sind aber nicht nur rund um den Dreikönigstag am 6. Januar aktiv?

Krämer: Nein, wir haben uns mehr und mehr zu einer Art kirchlichen Fachstelle für Kinderthemen in der globalisierten Welt entwickelt. Dazu gehören zum Beispiel Aktionen zum Thema Flucht und zum Kindesschutz weltweit – nicht zuletzt mit Blick auf das Thema Missbrauch. Hier arbeiten wir ganz eng mit Pater Hans Zollner und dem von ihm geleiteten Zentrum für Kindesschutz in Rom zusammen. Zurzeit geben wir zwei Millionen Euro pro Jahr für Projekte aus, die unmittelbar den Kindesschutz betreffen. Das wollen wir in den nächsten Jahren noch erheblich ausbauen. Unter anderem wollen wir gemeinsam ein weltweites Netz von regionalen Kindesschutzzentren aufbauen.

Frage: Wie hat sich denn insgesamt die Arbeit der Hilfswerke in Ihrer Zeit verändert? Bei ihrem Amtsantritt haben Sie gesagt: „Hilfe ist keine Einbahnstraße.“

Krämer: Das wussten wir damals längst. Aber es hat sich sehr erfreulich weiterentwickelt. Dass wir Rezepte liefern und diese unseren Partnern vorsetzen, würde sich schon lange niemand mehr gefallen lassen. Wir sind Partner auf Augenhöhe und heute geht es immer stärker um den Gedanken der Netzwerke weltweit, um gemeinsam globale Probleme zu lösen und sich gegenseitig Impulse zu geben.

Frage: Was können wir da etwa aus dem Süden lernen?

Krämer: Ich denke etwa an die kleinen christlichen Gemeinschaften. Vor mehr als 40 Jahren haben wir begonnen, solche Gruppen in Afrika zu unterstützen. Die Idee ist dann auch in Asien angekommen und wurde weiterentwickelt. Und seit knapp 20 Jahren bringen wir Verantwortliche der Kirche aus Deutschland dorthin, um von diesen Erfahrungen zu lernen.

Frage: Zum Beispiel?

Krämer: ... wie man in sehr, sehr großen Pfarreien kirchliches Leben lebendig halten kann – mit einer ganz starken Beteiligung der Laien und notfalls auch ohne Priester. Und wie wichtig Gebet und gemeinsames Bibellesen dabei sind. In Deutschland neigen wir oft dazu, uns vor allem auf die Strukturen zu konzentrieren und alles von unseren Planungsprozessen zu erwarten. Das hat ja auch der Papst in seinem Brief an die Katholiken in Deutschland auf eine sehr feine Art zum Ausdruck gebracht.

„Dass wir Rezepte liefern und diese unseren Partnern vorsetzen, würde sich schon lange niemand mehr gefallen lassen.“

— Prälat Klaus Krämer, ehemaliger Leiter von Missio und Sternsingern.

Frage: Was heißt das für die deutsche Kirche aus Ihrer Sicht?

Krämer: Zum Beispiel, dass auch hier die Verbundenheit der Gläubigen mit der Kirche sehr stark auf der lokalen Ebene angesiedelt ist. Und wir müssen einen Weg finden, genau dort in kleinen Gruppen das kirchliche Leben lebendig zu erhalten. Da können wir von den Erfahrungen der Weltkirche profitieren.

Frage: Zum Schluss: Was hat Sie persönlich besonders bewegt in Ihrer Amtszeit?

Krämer: Vor allem die Begegnungen mit den Menschen in den Partnerländern. Erschüttert haben mich zum Beispiel viele Schicksale in den Flüchtlingslagern. Aber ich bin auch vielen sehr beeindruckenden Menschen begegnet – auch unter unseren Partnerinnen und Partnern, die mit unglaublichem Engagement und großer Kreativität Menschen in Not helfen.

Frage: Was wünschen Sie dem Kindermissionswerk und Missio?

Krämer: Ich wünsche, dass der Weg der Erneuerung und Weiterentwicklung mit Mut und Konsequenz weitergegangen wird. Ich sehe da ein großes Potenzial mit tollen Projekten und sehr guten Partnern vor Ort. Ich bin mir sicher, dass es auch in Zukunft gelingen kann, dafür weiter Unterstützung zu finden – auch wenn die Gesellschaft immer weniger kirchlich wird.

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