In dem ostafrikanischen Land ist Homosexualität strafbar

Wie queere Menschen in Kenia einen Raum für ihren Glauben suchen

Mombasa ‐ Laut einem neuen Bericht hat sich die Lage queerer Menschen in Afrika zuletzt deutlich verschlechtert – auch in Kenia. Dennoch versuchen queere Menschen in dem zutiefst christlich geprägten Land, ihren Glauben zu leben, gegen alle Widerstände. Ein Besuch bei Aktivisten und der Kirche.

Erstellt: 20.01.2024
Aktualisiert: 17.01.2024
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„Ich kann nirgendwo in die Kirche gehen“, erzählt Julius Oromo mit einer Mischung aus Fassungslosigkeit und Resignation. „Bei jeder Predigt, egal zu welchem Thema, geht es ganz am Ende nochmal um LGBTQ-Menschen. Da heißt es dann: Sie sind schlecht, ihnen sollte dies angetan oder sie sollten so und so verletzt werden.“ 

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Obwohl Oromo ein hochgewachsener, sportlicher Mann ist, wirkt er in sich zusammengesunken und klein. Er sitzt vorn übergebeugt da, die Ellenbogen auf den Knien, die Hände ineinander verschränkt. Dann richtet er sich ein Stück auf, streicht sich über den Kinnbart. Trotzdem will er seinen Glauben leben, sagt der 26-Jährige, entschlossen. Als queerer Mensch in Kenia ist das nicht einfach.

Julius Oromo stammt aus Kisumu und lebt heute in Mombasa.

Julius Oromo will seinen Glauben leben

Oromo kommt aus Kisumu im Westen des Landes, am Victoriasee. Seine Familie weiß bis heute nicht, dass er bisexuell ist. Bei dem, was queere Menschen in Kenia erleben, eine nachvollziehbare Haltung. Homosexualität ist in Kenia bis heute verboten, ein Erbe der Kolonialzeit. Damit ist Kenia nicht allein: Von den 69 Ländern weltweit, in denen Beziehungen von Menschen gleichen Geschlechts bestraft werden, liegen 33 in Afrika. Laut einem Bericht der Menschenrechtsorganisation Amnesty International hat sich die Lage queerer Menschen in Afrika 2023 deutlich verschlechtert. Lange Zeit gehörte in Kenia dazu, dass Männer, denen Geschlechtsverkehr unterstellt wurde, zwangsweise darauf untersucht wurden, ob sich an ihrem Anus Spuren von Sperma oder Penetration nachweisen ließen. Wenn ja, wurden sie deswegen festgenommen, es drohten bis zu 21 Jahre Haft. Erst 2018 urteilte ein Berufungsgericht in Mombasa, dass das verfassungswidrig sei und machte dieser Praxis damit ein Ende. Ein Jahr später bestätigte jedoch das Höchste Gericht die Strafbarkeit homosexueller Handlungen.

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Verurteilungen sind heute in Kenia die Ausnahme, doch das Stigma ist groß: Queere Menschen verlieren ihren Studienplatz oder ihre Wohnung, weil Vermieter eine Ansteckung anderer Bewohner befürchten. In öffentlichen Praxen oder Kliniken werden sie oft nicht behandelt. Hassverbrechen bis hin zu Morden kommen immer wieder vor. Dazu kommt die soziale Ausgrenzung: Nicht wenige werden von ihren Familien verstoßen, Eltern brechen jeden Kontakt mit ihren Kindern ab. Für nicht-heterosexuelle Menschen kann jeder Schritt eine Gefahr sein.

So ähnlich war es auch bei Oromo. Er kam zum Studium aus Kisumu nach Mombasa an die Küste des indischen Ozeans. Zunächst empfand er das Großstadt-Klima als Befreiung. „Ich wusste erst überhaupt nichts über meine Sexualität, weil ich aus einer sehr christlichen Familie komme“, sagt er. „Ich fühlte aber, dass ich mich selbst etwas kennenlernen musste. Ich fand schnell queere Freunde.“ Doch sein neues Leben hatte eine Schattenseite. Er war bei einem Freund untergekommen, bei dem er weder für Unterkunft noch Verpflegung zahlen musste. Was er nicht wusste: Dieser erwartete als Gegenleistung Sex. Oromo sagte Nein – keine leichte Entscheidung für jemanden ohne Geld. „Ich habe alles verloren“, sagt er. „Ich habe meinen Studienplatz und mein Obdach verloren. Ich war auf der Straße.“

Kelvin Njeri engagiert sich bei der Menschenrechtsorganisation PEMA.
Bei der Menschenrechtsorganisation PEMA

Kelvin Njeri engagiert sich für Angehörige sexueller Minderheiten

Obdach- und Arbeitslosigkeit ist bei LGBTIQ+ in Kenia keine Seltenheit. Es ist eines der bestimmenden Themen von Menschenrechtsorganisationen wie der „Persons Marginalized and Aggrieved“ (PEMA), die 2008 in Mombasa gegründet wurde. Sie entstand nach dem Tod eines von seiner Familie verstoßenen Schwulen, zu dessen Beerdigung niemand kommen wollte. Einige Schwule schlossen sich daraufhin zusammen, um ihn würdig zu beerdigen und sich gegenseitig zu unterstützen. Mittlerweile kümmert sich PEMA um die Rechte aller sexueller Minderheiten. Sie lädt Vermieter ein, um Vorurteile gegen queere Menschen auszuhebeln, veranstaltet Kurse zu sexueller Gesundheit und Weiterbildung – und gibt den Betroffenen einen sicheren Raum für Freizeit- und Kulturaktivitäten. Hier fand auch Oromo Anschluss und Hilfe. „Hier konnte ich alles erzählen. Das war ein sehr emotionaler Tag“, erinnert er sich. Einer der PEMA-Mitglieder nahm ihn bei sich auf. „Er war wie ein Bruder für mich, wie eine Familie.“ Mittlerweile kann er sich eine eigene Wohnung finanzieren.

PEMA-Hauptsitz in Mombasa
Bild: © Christoph Paul Hartmann/katholisch.de

Setzt sich von Mombasa aus für Menschenrechte ein – und bietet einen sicheren Raum für den Glauben: Sitz der Organisation Persons Marginalized and Aggrieved (PEMA).

Doch PEMA kümmert sich nicht nur um Themen wie Existenzsicherung und Gesundheitsversorgung für LGBTIQ+, sondern auch um einen sicheren Raum für den eigenen Glauben. „Die größte Herausforderung für queere Menschen sind die religiösen Führer, denn sie predigen gegen uns und rufen zu Gewalt gegen uns auf“, sagt PEMA-Mitglied Kelvin Njeri. Das gilt für die beiden großen Religionen in Kenia: Bei den mehr als 85 Prozent, die sich als Christen bezeichnen, sind es oft von Gruppen in den USA unterstützte Freikirchen, die gegen sexuelle Minderheiten wettern. Bei den etwas über zehn Prozent der Bevölkerung, die Muslime sind, sind es islamische Extremisten.

Deshalb lädt der Verein immer wieder religiöse Führungspersönlichkeiten ein, um Kontakt und Verständnis füreinander zu schaffen. „Wir wollen helfen zu verstehen, dass queer sein nicht heißt, den Teufel anzubeten.“ Während der 24-Jährige in leuchtend gelbem Pullover, der dem gelb seiner gefärbten Haare auffällig ähnlich ist, sich über den Kopf fährt, wählt er seine Worte gut. Denn diese Treffen laufen sehr unterschiedlich ab. „Manche Religionsführer verlassen unser Haus und werden gleich die Anführer der nächsten Anti-LGBTQ-Bewegung“. Njeri kann seine Enttäuschung in diesen Momenten kaum verbergen. Was schnell klar wird: Die vielen Vorurteile und Stigmata abzubauen, funktioniert in der Regel nicht mit einem Treffen. Trotzdem wird PEMA nicht müde, immer wieder Prediger einzuladen. „Wir wollen nicht nur mit Leuten zu tun haben, die für uns sind. Wir wollen auch auf die zugehen, die gegen uns sind, um wenigstens ein bisschen ihren Standpunkt zu verändern.“

Erzbischof Martin Kivuva Musonde, Erzbischof von Mombasa (Kenia)

Erzbischof Kivuva Musonde hat Vorbehalte

Wie groß die Vorbehalte sind, zeigt ein Besuch bei Erzbischof Martin Kivuva Musonde, seines Zeichens Oberhirte des Erzbistums Mombasa und Vorsitzender der kenianischen Bischofskonferenz. Nach der anglikanischen Kirche ist die katholische die zweitgrößte Glaubensgemeinschaft im Land. Musonde ist trotz seiner mehr als 70 Lebensjahre ein agiler, charismatischer Kirchenmann, der immer wieder gern Menschen präsentiert, denen die Kirche aus der Armut geholfen hat. Darüber spricht er bedeutend lieber als über sexuelle Minderheiten. „Es gibt Menschen, die so geboren wurden“, stellt er klar – um gleich anzuschließen: „In der menschlichen Natur gibt es immer Dinge, die defekt oder irgendwie anders sind. Diesen Menschen dürfen wir nicht die Schuld daran geben oder sie deswegen angreifen. Wir müssen sie als menschliche Wesen behandeln.“ Mit Blick auf gleichgeschlechtliche Partnerschaft ändert sich allerdings sein Ton. „Die Kirche wertschätzt Menschen, egal welchen Herausforderungen sie gegenüberstehen, wir wollen mit ihnen arbeiten und sie unterstützen. Aber es wird schwierig, wenn sie sich gegen die Natur wenden und Familien haben wollen.“ Die Familie sei der Kernbestand der Kirche Afrikas, bekräftigt er. Homosexuelle Partnerschaften könnten jedoch keine Familien sein: „Wenn Gott in der Bibel von der Erschaffung von Mann und Frau spricht, dann hofft er, dass sie sich fortpflanzen. Das ist der Standard geworden in unserem Land.“ Das sei der natürliche Lauf der Dinge. „Sonst gibt es keine Familien, keine Kinder.“ Nicht zuletzt führt er die Bibelstelle um die beiden sündigen Städte Sodom und Gomorrha als Beispiel dafür an, dass die Bibel Homosexualität verurteile – auch wenn die wissenschaftliche Exegese das bereits seit Jahrzehnten anders sieht.

Die Gläubigen bei PEMA wissen das – denn sie haben es gelernt. Die NGO bietet Kurse und Gesprächsrunden an, in denen über all jene Bibelstellen gesprochen und informiert wird, die auch in Kenia immer wieder gegen sexuelle Minderheiten aufgefahren werden. Für viele ist das auch ein Weg aus einer tiefen Glaubenskrise. Denn wer immer wieder gesagt bekommt, wie er sei, das sei Sünde, kann psychische Probleme bekommen. „Wenn man die Verse von Sodom und Gomorrha liest, versteht man, dass das nichts mit queeren Menschen zu tun hat“, sagt Njeri. In einem Land wie Kenia, in dem Religion im Alltagsleben omnipräsent ist und der Glaube für viele Menschen eine große Bedeutung hat, hat eine solche Einsicht einen anderen Stellenwert als im säkulareren Mitteleuropa. Für viele queere Menschen sei das auch ein Mittel zur Selbstverteidigung. „Wer meint, einfach nur zwei Bibelverse aus dem Zusammenhang reißen zu können, um sie gegen uns zu verwenden, dem zeigen wir, dass wir ein tieferes Verständnis davon haben.“

Marienbild auf dem Gelände des Pastoralen Zentrums des Erzbistums Mombasa (Kenia)
Bild: © Christoph Paul Hartmann/katholisch.de

Im kenianischen Alltagsleben ist Religion omnipräsent: Marienbild auf dem Gelände des Pastoralen Zentrums des Erzbistums Mombasa

Doch an kirchlichen Angeboten oder Willkommensgesten mangelt es, egal von welcher Glaubensgemeinschaft – denn die Kurse gibt es für christliche wie muslimische Texte. So haben die Aktivistinnen und Aktivisten bei PEMA ein eigenes Glaubensangebot auf die Beine gestellt, an dem auch Julius Oromo teilnimmt. „Zwei Mal im Monat treffen wir uns hier und setzen uns in unser Zelt. Wir haben einen Pastor und wir singen zusammen.“ Auch hier gibt es wiederum Angebote für Christen wie auch für Muslime. Oromo hat so eine Möglichkeit gefunden, seine Religion trotz aller Hindernisse in einem geschützten Raum zu leben. „Für uns ist das ein Raum für das Gebet. Wir kommen morgens her und gehen erst am Nachmittag wieder nach Hause.“ Dabei ist für ihn besonders der Gesang ein leicht zugängliches Mittel für sein Glaubensleben. Wenn er davon spricht, richtet sich sein Körper auf, er gestikuliert weit ausladend mit den Händen. „Wir singen für unsere ganze Gemeinschaft.“

Gemeinsam die Stimme erheben – das geschieht bei queeren Menschen in Kenia nicht nur im übertragenen Sinne. Denn wenn es um sexuelle Minderheiten geht, ändert sich etwas im Land. Ein Zeichen dafür war eine Gerichtsentscheidung im Februar vergangenen Jahres. Da urteilte der Oberste Gerichtshof, dass einer LGBTIQ+-Organisation 2013 zu Unrecht eine staatliche Registrierung verweigert worden war. Ein kleiner Gewinn. Organisationen wie PEMA sind in den vergangenen Jahren lauter geworden als in der Vergangenheit. So gab es zum Welt-Aids-Tag Anfang Dezember eine Demonstration mit Bannern und Sprechchören in Mombasa. Aktivistinnen und Aktivisten bemühen sich mehr und mehr, sexuelle Minderheiten aus der Tabuzone zu holen.

Irũngũ Houghton ist der Direktor von Amnesty International in Kenia.

Irũngũ Houghton verteidigt Menschenrechte

Das wird ihnen staatlicherseits allerdings nicht gedankt: Seit der Wahl im August 2022 ist mit William Ruto ein wiedergeborener Christ Präsident, der für die kirchliche Meinung zu sexuellen Minderheiten mehr als offen ist. Stärker als seine Vorgänger fährt er eine harte Linie gegen queere Menschen – nicht zuletzt seit der Gerichtsentscheidung zur Registrierung der queeren NGO. Mittlerweile liegt dem Parlament bereits ein Gesetzentwurf vor, nach dem Homosexualität mit lebenslanger Haft und bei „schwerwiegenden Fällen“ mit der Todesstrafe geahndet werden soll. Vorbild ist ein Gesetz, das in Uganda im Frühjahr 2023 bereits in Kraft getreten ist. Die kenianische Version hängt in der Schwebe.

„Tatsächlich sind Familien in Kenia unter Druck“, sagt Irũngũ Houghton, der Direktor von Amnesty International in Kenia. Das liege aber an einer sich ändernden Gesellschaft, wirtschaftlichen Veränderungen und fehlender Gesundheitsvorsorge. Dazu kämen außereheliche Beziehungen, häusliche Gewalt und ein starkes Patriarchat. Deshalb steige auch in Kenia die Scheidungsrate, die Zahl der Teenagerschwangerschaften, es gebe mehr Fälle von psychischen Erkrankungen bis hin zum Suizid. „All das sind größere Bedrohungen für die durchschnittliche heterosexuelle Familie als ein homosexuelles Familienmitglied“, sagt er – und betont, dass die homofeindliche Gesetzgebung erst mit den Europäern gekommen sei. „Homosexuelle gibt es in Afrika seit Jahrhunderten, wie überall sonst in der Welt auch. Schwule hatten dabei oft einen besonderen Platz in der Gesellschaft, sie waren zum Beispiel oft religiöse Anführer.“ Der wortgewandte Mann mit auffälligem, in Anmesty-International-Gelb gehaltenen Shirt erzählt die Geschichte von zwei Medizinmännern, die noch vor zwei Generationen in einem Dorf zusammengelebt hätten. Alte Kenianerinnen und Kenianer könnten sich an solche Geschichten oft noch erinnern. „Aber wir sind so verwestlicht worden, dass wir das vergessen haben. Dabei gab es in den meisten Gemeinschaften hier einen besonderen Ort, an dem queere Menschen respektiert, wahrgenommen und wertgeschätzt wurden.“ Das Land ziehe nun in zwei Richtungen: Einerseits würden die Betroffenen lauter gegen ihre extrem schwierige Lebenssituation protestieren, andererseits machte es ihnen die Politik schwerer und schwerer.

Strassenszene in Mombasa (Kenia)
Bild: © Christoph Paul Hartmann/katholisch.de

Straßenszene in Mombasa (Kenia)

Hinter den Mauern, die das PEMA-Zentrum in Mombasa umgeben, sind die queeren Menschen inmitten dieser Auseinandersetzungen froh, einen Ort zu haben, an dem sie ihre Persönlichkeit und ihren Glauben leben können, ohne Angst vor Gewalt haben zu müssen. Oromo zum Beispiel hat bereits angefangen, als Model zu arbeiten, etwa bei Modenschauen in schicken Hotels. Zudem kann er hier seine Liebe für Mode ausleben. „Wir haben hier schon eine Fashion-Show auf die Beine gestellt, wo ich auch auf dem Laufsteg stand“, sagt er. Er arbeitet auch daran mit, außerhalb der Mauern für Akzeptanz zu sorgen. So stand er bei der Demonstration zum Welt-Aids-Tag in erster Reihe mit dabei. Der Weg ist noch weit, doch er geht ihn mit entschlossenen Schritten mit.

Von Von Christoph Paul Hartmann

Dieser Beitrag erschien zuerst auf unserem Partnerportal katholisch.de.

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