GIZ-Chef warnt vor Rückzug Europas aus internationaler Zusammenarbeit
Globale Krisen, weniger Geld, mehr Druck – und die USA ziehen sich zurück: Der Chef der GIZ beschreibt die Folgen. Schäfer-Gümbel erklärt, was jetzt besonders gefragt ist – und was er dabei von den Kirchen erwartet.
Aktualisiert: 19.01.2026
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Angesichts globaler Krisen und wachsender geopolitischer Spannungen warnt die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) vor einem Rückzug Europas aus der Entwicklungszusammenarbeit. In einem Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) beschreibt Vorstandssprecher Thorsten Schäfer-Gümbel (56) die Folgen sinkender Mittel, die Rolle neuer Akteure - und beschreibt, warum auch die Kirchen stärker gefragt sind.
Angesichts globaler Krisen und wachsender geopolitischer Spannungen warnt die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) vor einem Rückzug Europas aus der Entwicklungszusammenarbeit. In einem Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) beschreibt Vorstandssprecher Thorsten Schäfer-Gümbel (56) die Folgen sinkender Mittel, die Rolle neuer Akteure - und beschreibt, warum auch die Kirchen stärker gefragt sind.
Frage: Herr Schäfer-Gümbel, die Großmächte USA, China und Russland gehen mit einer aggressiven Außenpolitik in der Welt vor und halten sich nicht mehr an die internationale Ordnung. Der Wille zur Zusammenarbeit schwindet. Wie spüren Sie als GIZ das?
Thorsten Schäfer-Gümbel: Das merken wir im Austausch mit unseren Partnern. Spannungen und Unsicherheiten nehmen zu, etwa durch Veränderungen in der US-Außenpolitik. Entwicklungspolitik spielt dort faktisch keine Rolle mehr. Das wirkt sich auf die wirtschaftliche Entwicklung in Partnerländern aus. Europa kann diese Lücken nicht vollständig schließen.
Frage: Wird der Handlungsspielraum der GIZ dadurch geringer?
Schäfer-Gümbel: Nein, im Gegenteil: Unser Handlungsspielraum wird größer, aber die Möglichkeiten werden geringer. Grenzen ergeben sich einfach aus der Tatsache, dass wir infolge der Haushaltskonsolidierung weniger Geld haben. Wenn das Auftragsvolumen fehlt, können wir nicht operieren.
Frage: Wo und wie können Sie noch erfolgreich agieren?
Schäfer-Gümbel: Wir waren zuletzt sehr erfolgreich bei Aufträgen der Europäischen Union. Oft sind wir einer der wenigen oder sogar der einzige Akteur vor Ort – der Wunsch zur Kooperation mit uns wächst deshalb. Die Partner vertrauen uns und haben sogar höhere Erwartungen an uns als vorher. Wir sind trotz Schrumpfung das größte Unternehmen der technischen Zusammenarbeit weltweit.
Frage: In welchen Regionen ist Deutschland aktiv, wo andere sich zurückgezogen haben?
Schäfer-Gümbel: In Teilen Lateinamerikas. Die USA haben sich dort weitgehend zurückgezogen. Oder im Sahel zum Beispiel. Wir sind dort weiterhin präsent, aber auch in Asien. Gleichzeitig sehen wir neue Akteure – etwa aus der arabischen Welt – und auch verstärkte Engagements, etwa aus Japan oder Südkorea.
Frage: Die OECD empfiehlt den Staaten, 0,7 Prozent des Bruttoinlandseinkommens für Entwicklungszusammenarbeit auszugeben. Deutschland liegt mit 0,6 Prozent darunter und will weiter kürzen. Wie bewerten Sie das?
Schäfer-Gümbel: Das bewerte ich nicht. Als Geschäftsführer eines Bundesunternehmens halte ich mich bei unmittelbar politischen Fragen zurück. Klar ist aber, dass dieser internationale Anspruch weit überwiegend nicht erfüllt wird.
Frage: Sie warnen also vor weiteren Kürzungen?
Schäfer-Gümbel: Ja, und ich kann nur auf die Konsequenzen hinweisen. Wenn Europa sich zurückzieht, gehen andere Akteure in diese Räume – etwa Russland, China, die Türkei oder Akteure aus der arabischen Welt. Diese Räume bleiben nicht leer.
Frage: Wie sehen Sie die Zukunft der Entwicklungszusammenarbeit?
Schäfer-Gümbel: Der Wohlstand Deutschlands beruht auf europäischer Integration und offenen internationalen Märkten. Wenn man dieses Modell weiterentwickeln will, braucht es mehr internationale Zusammenarbeit, nicht weniger – auch aus ökonomischen und sozialen Gründen. Frieden braucht Entwicklung.
Frage: Kann Entwicklungspolitik helfen, aggressiven Mächten entgegenzuwirken?
Schäfer-Gümbel: Ja. Die GIZ ist seit über 50 Jahren Teil der internationalen Präsenz Deutschlands. Diese Vertrauenspartnerschaften bestehen fort. Entwicklungszusammenarbeit spielt dabei mit ihren Instrumenten eine wichtige Rolle. Messbare Erfolge gibt es bei der Strom- und Energieversorgung, bei Ausbildung und Beschäftigungsförderung.
Frage: Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine führt dazu, dass dort immer wieder Entwicklungshilfe-Projekte zerstört werden. Bleibt die GIZ trotzdem vor Ort?
Schäfer-Gümbel: Ja, unser Auftrag liegt in der Wiederherstellung von Infrastruktur, nachhaltiger Wirtschaftsentwicklung und der Vorbereitung des EU-Beitritts. Wir arbeiten dort unter hohen Sicherheitsstandards. Es gibt keine Überlegungen, uns zurückzuziehen.
Frage: Welche Rolle spielen die Kirchen in der Entwicklungszusammenarbeit?
Schäfer-Gümbel: Es gibt einen regelmäßigen, vertrauensvollen Austausch zwischen der GIZ und den kirchlichen Werken. Die Kirchen sind zentrale Akteure mit hoher Glaubwürdigkeit. Sie spielen auch jenseits der kirchlichen Werke eine wichtige Rolle in der Legitimation internationaler Zusammenarbeit.
Frage: Was können die Kirchen besonders gut?
Schäfer-Gümbel: Kirche ist in vielen Krisenregionen oft der letzte handlungsfähige Akteur. Sie bietet Schutzräume, langfristige Präsenz und Zugänge zu Bevölkerung, Politik, Verwaltung und Wirtschaft. Diese Rolle kann kaum jemand sonst ausfüllen.
Frage: Haben Sie einen Wunsch an die Kirchen?
Schäfer-Gümbel: Ich wünsche mir eine aktivere Rolle der Amtskirchen in der öffentlichen Debatte über Sinn und Zweck internationaler Zusammenarbeit – durch Positionierung und Aufklärung.
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