„Die Kirche muss den Mund aufmachen“

  • Interview - 12.01.2022

In vielen Ländern haben die Menschen bislang nicht einmal Zugang zur Erstimpfung. Die globale Impfsituation sei inakzeptabel, bemängelt Weltkirche-Bischof Dr. Bertram Meier im Interview mit weltkirche.de. Mit Blick auf globale Unterechtigkeiten fordert er, nicht wegzuschauen. Wenn Gott parteiisch sei, dann müsse es auch die Kirche sein. Zudem empfiehlt er den kirchlichen Hilfswerken in Deutschland mehr Zusammenarbeit. (3/3)

Frage: Herr Bischof Dr. Meier, Politik, die negative Auswirkungen auf Nachbarn und Verbündete hat, Unternehmen, die ihre Verantwortung für Probleme auf anderen Erdteilen nicht wahrnehmen: Die Ursache für so manche globale Ungerechtigkeit liegt hier, bei uns. Was kann die Kirche da tun?

Bischof Dr. Bertram Meier: Der mittlerweile ausgeschiedene Entwicklungsminister Gerd Müller – übrigens unserem Eine-Welt-Engagement sehr gewogen – hat es wiederholt so auf den Punkt gebracht: Entweder retten wir die ganze Welt oder sie geht verloren. Globalisierung ist ein sehr schillernder Begriff. Er betrifft nicht nur Ökonomie, Finanzen und Kulturen. Es gibt auch die Versuchung zur Globalisierung der Gleichgültigkeit. Wir dürfen die Menschen und Völker an der Peripherie nicht vergessen. Sie gehören in die Mitte. 

Frage: Wie könnte das konkret aussehen?

Meier: Da könnte ich jetzt einen ganzen Vortrag halten. Ich sage nur Eines: Wir dürfen nicht wegschauen. Wir dürfen uns nicht wegducken. Wenn Gott parteiisch ist, dann muss es auch die Kirche sein. Sie hat von Jesus ihren Standort zugewiesen bekommen. Daraus entwickeln sich konkrete Standpunkte: Die Kirche muss den Mund aufmachen und sich auf die Seite derer stellen, die am Rande sind. Für mich als Bischof heißt das: nicht Parteipolitik machen, aber die Bergpredigt als Folie für mein Handeln nehmen.

Frage: Sie haben mehrfach öffentlich dazu aufgerufen, sich impfen zu lassen. In vielen Ländern gibt es aber immer noch nicht genug Impfstoff. Die alte Bundesregierung stellte sich quer, wenn Länder wie Indien und Südafrika – oder auch die Deutsche Kommission Justitia et Pax – darum baten, den Patentschutz auf Impfstoffe oder andere Impfmaterialien auszusetzen. Wie kann Deutschland zu mehr Impfgerechtigkeit beitragen?

Meier: Die globale Impfsituation ist in der Tat inakzeptabel: In vielen Ländern, vor allem in Afrika, haben die allermeisten Menschen nicht einmal Zugang zur Erstimpfung. Von einer Verwirklichung des Menschenrechts auf Gesundheit sind wir im Fall von Corona (aber auch bei anderen Krankheiten) meilenweit entfernt. Und ich habe nicht den Eindruck, dass dies allzu viele in Deutschland oder Europa wirklich umtreibt. Wohlgemerkt: Das betrifft keineswegs allein oder vor allem die Politiker, sondern unsere gesamte Bevölkerung, uns alle. Jedenfalls kann und muss Deutschland im Verbund mit den anderen wohlhabenden Ländern sehr viel mehr zur internationalen Impfgerechtigkeit beitragen. Die Aussetzung des Patentschutzes für Impfstoffe kann einen Baustein dafür liefern. Nicht weniger wichtig ist die Steigerung der Produktion, zum Beispiel durch einen Aufbau von Kapazitäten in den Ländern des Südens. Und dazu muss eine kostengünstige Bereitstellung von Impfstoffen für arme Länder kommen; das ist der Ansatz der internationalen COVAX-Initiative, an der Deutschland sich stark beteiligt. Auf all diesen Feldern gibt es viel Luft nach oben! 

„Die Vielfalt der weltkirchlichen Initiativen ist eine großartige Sache, ein Reichtum unseres kirchlichen Lebens“

— Bischof Dr. Bertram Meier

Frage: Von der alten Regierung zur neuen: Die Ampel-Koalition bekennt sich im Koalitionsvertrag dazu, den „Aufwuchs der Mittel für humanitäre Hilfe bedarfsgerecht [zu] verstetigen und [zu] erhöhen“. Was erwarten Sie von der Ampel im Bereich Entwicklungspolitik?

Meier: Die neue Regierung will sich verstärkt um die Kohärenz der internationalen Politik Deutschlands bemühen. Humanitäre Hilfe, Diplomatie, Entwicklungs- und Verteidigungspolitik sollen stärker zusammengedacht werden. Das ist ein richtiger Ansatz, der in den zurückliegenden Jahren auch von den Kirchen immer wieder eingefordert wurde. Aber es ist auch ein ambitionierter Ansatz, der den Praxistest immer neu zu bestehen hat. Klimagerechtigkeit und die sozial-ökologische Transformation sollen in der künftigen Entwicklungspolitik eine besondere Rolle spielen. Das werden wir als Kirche – ganz auf der Linie von Papst Franziskus und seiner Enzyklika „Laudato si“ – unterstützen. Und wir werden zugleich darauf achten, dass die weltweite Armutsbekämpfung angesichts neuer notwendiger Vorhaben nicht aus dem Blick gerät. 

Frage: Auch Klimaschutz ist und bleibt ein bestimmendes Thema. Welche Rolle kann die Kirche – in Deutschland und weltweit – Ihrer Meinung nach dabei einnehmen? Welche Verantwortung hat sie?

Meier: Die Kirche kann und soll dafür eintreten, dass die Bewahrung der Schöpfung in Gesellschaft und Politik ganz oben auf der Prioritätenliste steht. Das setzt voraus, dass sie im eigenen unmittelbaren Verantwortungsbereich alles Erforderliche unternimmt, um die natürlichen Lebensgrundlagen, nicht zuletzt das Klima zu schützen. Wir dürfen uns nicht wie die von Jesus angeprangerten Pharisäer verhalten, deren Worten, aber nicht deren Taten man folgen soll. Immerhin ist die kirchliche Bilanz beim Umweltschutz durchaus vorzeigbar. Erst kürzlich haben die deutschen Bistümer Rechenschaft über die von ihnen vorangetriebene ökologische Modernisierung abgelegt.

In meinem eigenen Bistum habe ich auf diesem Feld schon einige Impulse gesetzt, darunter auch das ehrgeizige Ziel ausgegeben: 2030 wollen wir als Diözese Augsburg klimaneutral sein. Allerdings kann ich das nicht nur mit einem „Hirtenbrief“ verordnen; ich versuche, Bewahrung der Schöpfung zu einem Reformanliegen zu machen, das alle – Haupt und Glieder der Kirche – erfasst. Vieles ist in den vergangenen Jahren erreicht worden. Aber es bleibt auch manches zu tun. Auf der internationalen Ebene leisten die kirchlichen Hilfswerke großartige Arbeit. Nicht indem sie die Ortskirchen in anderen Teilen der Welt besserwisserisch bevormunden, sondern indem sie gemeinsam mit ihnen neue Lösungen erproben, wobei alle voneinander lernen können. So geht Weltkirche!

„Nicht jede missionierende Ordensgemeinschaft, geschweige denn jede lokale Gruppe, überlebt die Umbrüche“

— Bischof Dr. Bertram Meier zur Zukunft der weltkirchlichen Arbeit in Deutschland

Frage: Es gibt in der Kirche in Deutschland viele Baustellen. Sie wird von Missbrauchsskandalen erschüttert, die Zahl der Gläubigen geht zurück, Pfarreien werden zusammengelegt und Pandemie und Klimawandel drängen zum Handeln. Warum sollten sich junge Menschen heute überhaupt noch weltkirchlich engagieren?

Meier: Weil sie auf diese Weise die Enge des eigenen Kirche-Seins überschreiten und damit auch die Übellaunigkeit unserer kleinen deutschen Kirchenwelt. In Schwaben heißt das: Wir sollten über unseren eigenen Schrebergarten hinausschauen und hinausgehen. Deutschland und auch die Kirche hierzulande sind nicht der Dreh- und Angelpunkt der Welt – weder geographisch noch numerisch. Das kann man lernen, wenn man anfängt, weltkirchlich zu denken und zu arbeiten – und vor allem wenn man konkrete internationale Kontakte pflegt. Wohlgemerkt: Das ist keine Form des romantischen Eskapismus. Anderswo ist es nämlich keineswegs immer besser. Aber unser Horizont weitet sich, und die Begegnung mit anderen Ortskirchen versetzt uns in die Lage, das Eigene realistischer einzuordnen, d.h. in seinen Stärken und Schwächen besser einzuschätzen und die Weite des christlichen Geistes zu erspüren. 

Frage: In der katholischen Kirche in Deutschland gibt es eine große Vielfalt an Organisationen und Initiativen. Wie sehen Sie als „Weltkirche-Bischof“ die Zukunft der weltkirchlichen Arbeit?

Meier: Die Vielfalt der weltkirchlichen Initiativen ist eine großartige Sache, ein Reichtum unseres kirchlichen Lebens. Aber wir müssen auch lernen, dass alles seine Zeit hat. Für die Zukunft wage ich die Behauptung: Nicht jede missionierende Ordensgemeinschaft, geschweige denn jede lokale Gruppe überlebt die Umbrüche, in denen wir uns als Kirche bereits seit einigen Jahrzehnten befinden und die sich nun weiter beschleunigen. Da sind Realismus und Gelassenheit angezeigt. Jammerei und Larmoyanz helfen nicht weiter. Bei den großen Einrichtungen – vor allem den Hilfswerken – ist in Zukunft ganz sicher mehr Zusammenarbeit angesagt. Neue Formen des Miteinanders sind nötig, um die künftigen Herausforderungen nicht nur in höflicher Unverbindlichkeit, sondern mit Zuversicht und Stärke bestehen zu können. Ich bin sehr optimistisch, dass wir hier einen guten Weg finden werden. 

Die Fragen stellte Damian Raiser (weltkirche.de)

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