Klimawandel bedroht Küstenorte in Benin

  • Agoue - 18.11.2021

Die Rue d'Eglise, die Kirchstraße von Agoue im äußersten Südwesten Benins, führt direkt in den Atlantik – und sie wird immer kürzer. Grund dafür ist das Meer, das sich am gesamten Golf von Guinea ins Landesinnere frisst, die Strände überschwemmt, Sand wegspült und immer mehr zur Bedrohung wird. In Agoue, das an der Grenze zu Togo liegt, beobachtet das der Priester Aubin Ayite seit seiner Ankunft vor vier Jahren mit Sorge. „Die Veränderungen sind groß“, sagt er.

Ayite zeigt das Gelände. Neben der in braunrot gestrichenen Kirche Sacre Coeur steht dort auch das katholische College, eine Mittelschule. Wenn es stürmt und die Wellen hoch sind, schwappen sie längst auf den Schulhof. An der Mauer, die das Gelände einfasst, bleibt der Priester stehen und deutet auf den noch nassen Sand. So weit komme das Wasser bereits. Durch ein Tor geht Ayite direkt auf den Strand, von dem nur noch ein schmaler Streifen geblieben ist. Einst wurden hier Kirchfeste gefeiert, erzählt er. Doch an Veranstaltungen in der Paillote, der Hütte, die zu allen Seiten offen ist, ist nicht mehr zu denken. „Es wäre zu gefährlich, wenn hier eine Welle kommt. Wir hoffen, dass wir sie anderswo wieder aufbauen und zumindest die Balken noch nutzen können.“

Welche Kraft das Wasser hat, ist schließlich neben der Paillote zu sehen. Am Strand liegen riesige, hunderte Jahre alte Baumstämme, die bei den letzten Überschwemmungen aus der Erde gerissen wurden. Er deutet auf eine Ruine etwa 50 Meter in Richtung Osten. „Dort stand ein Haus. Erst vor wenigen Wochen ist die letzte Mauer eingestürzt.“ Von der ersten Post ist schon lange nichts mehr zu sehen. Das neue Gebäude liegt längst an der Hauptstraße knapp 200 Meter weiter im Landesinneren. Priester Ayite ist ratlos: „Wie soll man das Meer aufhalten? Es gibt keine Möglichkeiten.“ Noch ist die Kirche zwar nicht direkt bedroht. Das könnte sich bei steigendem Meeresspiegel und dem Abtragen der Küste aber ändern.

Klimawandel raubt Lebensgrundlagen

Der Klimawandel und Küstenerosionen sind an der ganzen westafrikanischen Küste allgegenwärtig. Im Nachbarland Nigeria sind in der Millionenmetropole Lagos ganze Strände verschwunden. Etwa am Alpha Beach stehen nur noch Ruinen. In Cotonou, Benins Hafenmetropole, ist das „Viertel der Botschaften“ im Osten besonders betroffen. Botschaften und teure Villen stehen dort schon längst nicht mehr, stattdessen Mauerreste von zerstörten Gebäuden. Für die Bevölkerung ist das mit enormen Problemen verbunden. Einerseits wächst sie jährlich um mehr als drei Prozent und liegt bei über 13 Millionen. Gerade in Cotonou, wo im Norden der See Nokoue liegt, werden freie Flächen immer knapper und teurer.

Der Klimawandel raubt aber auch Lebensgrundlagen, sagt Sunday Berlioz Kakpo, Forstingenieur und Präsident der nichtstaatlichen Organisation SOS Biodiversity, die Aktionen zum Umweltschutz organisiert. „Jemand, der einen kleinen Laden in der Nähe des Strandes betreibt, der weggespült wird, verliert alles“, sagt er. Auch wenn Benin wirtschaftlich besser dasteht als seine Nachbarländer sind Arbeitsplätze rar. Der große Teil der Bevölkerung arbeitet im informellen Sektor und in prekären Arbeitsverhältnissen.

Wasser bedroht Lebende und Tote

Das Meer aufhalten soll beispielsweise das Küstenschutzprogramm Waca, das auch in anderen Ländern umgesetzt wird. Es ist ein Projekt der Weltbank. Entstanden sind außerdem im Osten von Cotonou Steindämme, die die Wellen brechen sollen.

Auf solche Maßnahmen hat Priester Aubin Ayite in Agoue bisher vergeblich gewartet. Er hofft darauf, dass zügig gehandelt wird, um nicht noch mehr Überschwemmungen zu erleben. Das würde schließlich auch die Toten gefährden, sagt er und öffnet das blaue Tor zum Friedhof. Hier ist neben den Gräbern der frühen Missionare auch die letzte Ruhestätte von Sylvanus Olympio, erster Präsident des Nachbarlandes Togo, dessen Familie aus Agoue stammte. Mitunter schlagen die Wellen bis an die Friedhofsmauer. Kommen sie noch näher, sei das dramatisch, sagt Aubin Ayite. „Wenn der Friedhof nicht mehr existiert, dann verlieren viele Menschen einen Ort zum Trauern.“

Von Katrin Gänsler (KNA)

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