Wie geht es weiter mit dem Vatikan und China?

    • Katholische Kirche in Peking. © Bild: Katharina Ebel / KNA
  • China - 22.03.2020

In einem halben Jahr läuft das "vorläufige Abkommen" zwischen dem Heiligen Stuhl und der Volksrepublik China aus. Dann soll die Ende September 2018 getroffene Vereinbarung erneuert werden. Keine einfache Aufgabe.

Das Thema Vatikan und China war weitgehend aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden - bis sich vor einem Monat Pekings Außenminister Wang Yi am Rande der Münchner Sicherheitskonferenz überraschend mit seinem vatikanischen Kollegen, Erzbischof Paul Gallagher, traf. Seither sind Gegner und Verteidiger des Abkommens wieder verstärkt zu vernehmen.

Bemerkenswert ist ein jüngster Schlagabtausch zwischen Hongkongs früherem Bischof, Kardinal Joseph Zen Ze-kiun (88), und Kardinal Giovanni Battista Re (86). Zen habe mehrfach behauptet, es wäre besser, kein Abkommen zu haben als ein schlechtes, zitierten Medien Ende Februar aus Res Schreiben an andere Kardinäle. „Die letzten drei Päpste teilten diese Sicht nicht“, wird Re weiter zitiert, „sondern unterstützen und begleiteten den Entwurf des Abkommens, das im Moment das einzig Mögliche scheint.“ Die umgehende Reaktion von Zen: Re möge ihm den Text des Abkommens zeigen und aus den Archiven des Pontifikats von Benedikt XVI. die erwähnten Vorbereitungen.

Trotz seiner 88 Jahre ist Kardinal Zen der wohl schärfste Kritiker des Abkommens. Re hingegen ist seit Januar Dekan des Kardinalskollegiums - und war von 1987 bis 2010 in der Bischofskongregation tätig, davon die letzten zehn Jahre als Präfekt. Beides ist relevant: Als Dekan kann er den lautstark kritisierenden Mitbruder aus Hongkong am ehesten ermahnen. Als früherer Chef der Bischofskongregation kennt er die Probleme um Bischofsernennungen in China. Und allein diese regelt das „vorläufige Abkommen“ - auch wenn dessen genauen Text bislang nur die an Abfassung und Unterzeichnung Beteiligten kennen.

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Anders als der medienaffine Zen können oder wollen sich die vatikanischen Protagonisten nicht öffentlich äußern. Allen voran sind das Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin, dem Zen „Verrat“ der chinesischen Katholiken vorwirft, und sein Chef-Unterhändler, Erzbischof Claudio Maria Celli. Also musste jetzt, da hinter den Kulissen die Verhandlungen um eine neue Auflage des Abkommens laufen, der Dekan der Kardinäle versuchen, für etwas Ruhe zu sorgen.

Am Wochenende legte Zen aber noch einmal nach. Nicht mit Kardinal Re habe er ein Problem, sondern mit dem Kardinalstaatssekretär, schrieb er in seinem Blog. Parolin manipuliere Papst Franziskus, „zumindest was die Angelegenheiten der Kirche in China angeht“. Seine Politik führe zur „Legitimierung einer schismatischen Kirche“.

Der langjährige Chef des vatikanischen Informationsdienstes Asianews und China-Kenner Bernardo Cervellera hält die ständigen Streitereien pro und contra Abkommen für gefährlich. Die beiden Seiten müssten dringend eine gemeinsame Position finden, schrieb er. Er habe einmal ein Mitglied der KP Chinas gefragt, warum man so viel Aufwand betreibe, um eine Minderheit wie die Katholiken - weniger als ein Prozent der Bevölkerung - so stark zu kontrollieren. Die Antwort: „Wir fürchten eure Einigkeit.“ So lange sich katholische Spitzenvertreter öffentlich streiten und zu den Diskriminierungen und Verfolgungen von Christen schweigen, betrieben sie das „divide et impera“ (teile und herrsche) der Partei, warnte der Experte

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„Wenn das Abkommen denn erneuert werden muss“, so Cervellera, müsse es „erheblich verbessert" werden. So sei bislang zwar vorgesehen, dass „das letzte Wort bei Bischofsernennungen der Papst hat“. Was dies aber genau bedeutet, sei unklar: Sollte der Papst kein wirkliches Veto-Recht haben, wäre die Ernennung durch ihn nur ein Absegnen einer Behördenentscheidung. Zudem erinnert Cervellera daran, dass es bislang auf Basis dieses Abkommens noch keine einzige Ernennung eines neuen Bischofs gegeben habe.

Zudem sei es nicht hinnehmbar, dass die Zugehörigkeit zur offiziellen Katholischen Patriotischen Vereinigung Chinas es Bischöfen und Priestern verbiete, Kontakte „zu ausländischen Mächten“ - sprich: dem Vatikan - zu pflegen oder Gäste und Delegationen religiöser Organisationen aus dem Ausland zu empfangen. Von dem Verbot religiöser Tätigkeiten außerhalb des Kirchengrundstücks oder dem Zutrittsverbot für Minderjährige zu Kirchen ganz zu schweigen.

Diese jüngsten Verschärfungen im chinesischen Religionsrecht, so ist zu vernehmen, bereiten auch im vatikanischen Staatssekretariat Sorgen. Es sei ja nicht so, dass man dort hoch erfreut sei über die Bilanz seit Unterzeichnung des Abkommens, auch wenn dessen Ziel nicht Religionsfreiheit, sondern die Verhinderung eines sich abzeichnenden Schismas war. Aber nicht nur deshalb muss der Heilige Stuhl zur „Patriotischen Kirche“ eine bessere Beziehung aufbauen.

Ein zweiter Grund, den Experten nennen: Die sogenannte Untergrundkirche ist traditionell eher auf dem Land präsent, die patriotische in den Städten. Die urbanen Ballungsräume wiederum sind in den vergangenen Jahrzehnten ungemein gewachsen - mit Folgen für die religiöse Soziografie. Und auch wenn es in der Volksrepublik ein anhaltendes Interesse an Religion gibt, führt dieses noch lange nicht zu höheren Bewerberzahlen für das Priesteramt. Auch in China herrscht Priestermangel. Beobachter gehen daher davon aus, dass beide Seiten ein Interesse an der Fortsetzung des Abkommens haben, da es auch für Peking eine „gewisse Zertifizierung“ sei, ein Abkommen mit dem Papst zu haben.