Misereor: Simbabwe vor dem Kollaps

Vor rund zwei Jahren musste Dauerherrscher Robert Mugabe die Macht in Simbabwe abgeben; im August 2018 gewann Interimsregierungschef Emmerson Mnangagwa die Präsidentschaftswahlen. In der von Mugabe heruntergewirtschafteten einstigen Kornkammer des südlichen Afrika keimte damals Hoffnung auf einen politischen und ökonomischen Wandel. Ein Jahr später zieht Misereor-Vertreter Desire Nzisabira im Interview eine trübe Bilanz. Nzisabira lebte vier Jahre in der Hauptstadt Harare, arbeitet inzwischen von Johannesburg im Nachbarland Südafrika aus.

Frage: Herr Nzisabira, wie würden Sie die aktuelle Lage in Simbabwe umschreiben?

Nzisabira: Politisch ist Simbabwe seit dem Sturz von Robert Mugabe nicht zur Ruhe gekommen – eher ist das Gegenteil der Fall. Als Mugabe 2017 nach jahrzehntelanger Herrschaft aus dem Amt gedrängt wurde, war die Bevölkerung voller Hoffnung. Inzwischen überwiegt Enttäuschung.

Frage: Warum?

Nzisabira: Weil die Menschen kein Vertrauen mehr in die Regierung von Mugabes Nachfolger Emmerson Mnangagwa haben. Zugleich liegt die Wirtschaft brach, die ökonomische Krise spitzt sich immer weiter zu.

Misereor-Vertreter Desire Nzisabira arbeitet mittlerweile von Südafrika aus.

KNA

„Die Kirchen sind bereit, zwischen Regierung und Opposition zu vermitteln.“

— Desire Nzisabira, Misereor-Vertreter für Simbabwe.

Frage: Was bedeutet das für die Bevölkerung?

Nzisabira: Mit dem Dekret des Präsidenten, den Benzinpreis auf 3,30 US-Dollar pro Liter zu verdoppeln – das ist der höchste Benzinpreis der Welt – stiegen auch die Preise für andere Güter in die Höhe. Die meisten Menschen haben kaum mehr etwas zu essen, vielerorts werden weitere Dinge des täglichen Bedarfs knapp oder unbezahlbar, zum Beispiel Medikamente. Das Land steht vor dem Kollaps.

Frage: Tut die Regierung irgendetwas dagegen?

Nzisabira: Mein Eindruck ist, dass Mnangagwa nicht mehr weiß, wie es weitergehen soll. Mugabe hat es wenigstens geschafft, die Wirtschaft kurzfristig anzukurbeln, auch wenn seine Ansätze alles andere als nachhaltig waren. Aber Mnangagwa gelingt selbst das nicht mehr.

Simbabwe - 07.09.2018

Simbabwes Kirchenrat (ZCC) hat den neuen Präsidenten des Landes, Emmerson Mnangagwa, zu politischen und wirtschaftlichen Reformen aufgerufen. Eine „selbstzerstörerische Politik, Korruption, wirtschaftlicher Niedergang und internationale Isolation“ hätten die Nation in einen „Stillstand“ versetzt.


Artikel lesen

Frage: Stattdessen geht die Bevölkerung auf die Straße – und das Regime lässt Proteste niederknüppeln.

Nzisabira: Viele Menschen haben Angst, sagen sich aber auch, dass sie nichts mehr zu verlieren haben. Ich befürchte, dass es zu weiteren Zusammenstößen zwischen Sicherheitskräften und Demonstranten kommt. Am Dienstag waren Proteste in Bulawayo, der zweitgrößten Stadt des Landes, angekündigt. Die konnten nicht stattfinden, weil Bulawayo komplett abgeriegelt wurde. Denkbar ist aber auch, dass sich Polizei und Soldaten irgendwann selbst gegen das Regime wenden, denn auch sie leiden unter steigenden Preisen und Versorgungsengpässen.

Frage: Die Kirchen haben angeboten, in einem nationalen Dialog nach Auswegen aus der Krise zu suchen. Wird ihnen Gehör geschenkt?

Nzisabira: Die Regierung hat Angst vor einem echten Dialog. Denn dann müssten Mnangagwa und seine Gefolgsleute möglicherweise Macht abgeben. Trotzdem halten sich die Kirchen bereit, zwischen Regierung und Opposition zu vermitteln und eines Tages vielleicht doch alle Kräfte des Landes an einem Tisch zu versammeln. Der Regierung allein ist das jedenfalls nicht mehr zuzutrauen.

Frage: Wie steht es um die Helfer angesichts der angespannten Lage – können sie sich frei im Land bewegen?

Nzisabira: Das ist vielleicht der einzige Lichtblick im Vergleich zum Ende der Ära Mugabe. Die Arbeitsbedingungen für die Helfer haben sich seither gebessert. Die jüngsten Meldungen allerdings geben Anlass zu Sorge: Mehrere Menschenrechtler sollen entführt und gefoltert worden sein, einer von ihnen kam dabei angeblich ums Leben. Das könnte ein Zeichen dafür sein, dass die Nervosität in der Regierung wächst.

Von Joachim Heinz (KNA)

© KNA