„Wir Christen dürfen keine stummen Hunde sein“

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  • Menschenhandel - 12.07.2019

Menschenhandel ist ein Problem mit rund 40 Millionen Opfern weltweit, auf das die katholische Kirche mit einem neuen Papier hinweist, das jetzt auf deutsch erschienen ist. Im Interview erläutert der Kölner Weihbischof Ansgar Puff die Hintergründe.

Der stellvertretende Vorsitzende der Migrationskommission der Bischofskonferenz ist Mitglied der von Papst Franziskus einberufenen „Santa-Marta-Gruppe“, die sich weltweit zusammen mit Politikern, Juristen, Hilfsorganisationen und Kriminalexperten gegen Menschenhandel einsetzt.

Frage: Weihbischof Puff, ein neues Papier des Vatikan befasst sich mit dem Thema Menschenhandel jetzt auch auf deutsch. Was will die Kirche damit erreichen?

Weihbischof Ansgar Puff: Zuerst ist es eine Art Schrei. Einer, der den Opfern im Hals stecken geblieben ist. Die schreien nicht mehr, also muss es jemand anders für sie machen. Wir Christen dürfen keine stummen Hunde sein, wenn Verbrecher Menschen zu Waren degradieren. Der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer hat einmal gesagt: „Nur wer für die Juden schreit, darf gregorianisch singen“. Das gilt auch heute: „Nur wer für die Opfer des Menschenhandels schreit, darf sonntags Kirchenlieder singen.“ Wer die Informationen in dieser Handreichung gelesen hat, kann nie mehr sagen. „Ach, das habe ich ja gar nicht gewusst.“

Frage: Wie groß ist denn das Problem Menschenhandel?

Puff: Nach Schätzungen der internationalen Arbeitsorganisation ILO von 2017 sind weltweit 40 Millionen Menschen betroffen, zwei Drittel davon sind Frauen. Allein in Europa wurden 2017 damit 25 Milliarden Euro verdient. Für Deutschland wird die Zahl der Opfer von verschiedenen Formen der Unterwerfung oder Ausbeutung auf 167.000 geschätzt.

Frage: Was zählt alles dazu?

Puff: Zum Beispiel Arbeitsausbeutung und Zwangsprostitution, aber auch die Opfer von Organhandel, illegale Adoptionen, die Zwangsrekrutierung von Kindersoldaten und die organisierte Bettelei ...

Frage: Zurzeit wird ja auch viel über Seenotrettung diskutiert. Manche bezeichnen sie als Förderung von Schlepperei und Menschenhandel. Zu Recht?

Puff: Da muss man zwei Dinge auseinanderhalten: Menschen, die in Not geraten sind und um ihr Leben kämpfen, darf man niemals aus politischen Gründen untergehen lassen. Landesbischof Bedford-Strohm hat es – sehr passend – so formuliert: „Man würde ja auch einen Autofahrer nicht verbluten lassen, der sich aus Leichtsinn nicht angeschnallt hat und an den Baum gefahren ist!“

Frage: Und zweitens?

Puff: Natürlich müssen sowohl die Fluchtursachen als auch verbrecherische Schlepperbanden bekämpft werden. Aber das darf man nicht durcheinandermischen. Und dass da eine Art Sogeffekt entsteht, wie oft behauptet wird – also dass immer mehr Leute auf die Boote gehen, weil sie ja gerettet werden – das halte ich für Unsinn. Ich glaube, die Ursachen liegen woanders, nämlich in der Not der Menschen in ihren Herkunftsländern.

Frage: Was fordert die Kirche beim Kampf gegen den Menschenhandel?

Puff: Zunächst mal, dass dieses Riesenproblem nicht länger verdrängt und verharmlost wird. Insbesondere Papst Franziskus hat hier schon viele Initiativen gestartet. Eine der wichtigsten ist eine internationale Vernetzung in der sogenannten Santa-Marta-Gruppe – mit Kriminalexperten, Juristen, Bischöfen, Ordensfrauen und vielen anderen, die im Einsatz gegen Menschenhandel aktiv sind.

Frage: Und die Politik?

Puff: Am 12. Dezember 2018 wurde das sogenannte Palermo-Protokoll zur Verhütung, Bekämpfung und Bestrafung des Menschenhandels ratifiziert. Das haben 173 Staaten unterschrieben. Und das muss konsequent umgesetzt werden – mit den drei Punkten Prävention, Schutz der Opfer und Verfolgung der Täter. Dazu müssen sich die Staaten stärker zusammenschließen, und bei dieser Vernetzung spielt der Vatikan eine ganz wichtige Rolle.

Frage: Das ist jetzt das Feld der Diplomatie. Wie sieht es konkret vor Ort aus?

Puff: Da muss vor allem die wichtige Arbeit der Ordensschwestern in vielen Ländern hervorgehoben werden. Gerade beim Thema Prostitution sind sie es, denen die Opfer vertrauen – auch weil es Frauen sind und weil sie eine Schweigepflicht haben. Sie helfen ganz praktisch den Opfern und rütteln auch immer wieder die Politiker wach. Tolle Arbeit leisten Organisationen wie Solwodi und viele Ehrenamtliche, die dafür sorgen, dass die Opfer wieder in die Gesellschaft integriert werden.

Frage: Was kann jeder Einzelne noch tun gegen Menschenhandel?

Puff: Fangen wir bei der Prostitution an: Einfach nicht ins Bordell gehen. Punkt. Das Prostituiertenschutzgesetz hat da ja auch seine Grenzen. Und warum machen wir es nicht wie in Schweden, wo die Freier bestraft werden?

Frage: Wie sieht es beim täglichen Konsum aus?

Puff: Auch wenn es nicht immer leicht ist, sollte man sich über die Lieferketten der einzelnen Produkte informieren. Zum Glück verpflichten sich mehr und mehr Firmen auf Standards, die Kinderarbeit und Zwangsarbeit ausschließen. Ich finde es positiv, dass auch der Gesetzgeber stärker darauf achtet, aber da ist sicher noch Luft nach oben. Mein Traum wäre eine internationale Solidarität unter den Arbeitnehmern. Eigentlich müssten in Deutschland die Arbeitnehmer streiken, wenn sie hören, dass Arbeitnehmer in Bangladesch schlecht behandelt werden. Also: Augen auf und Finger weg von zweifelhaften Produkten.

Frage: Zum Schluss noch eine persönliche Frage: Was schockiert Sie besonders bei der Beschäftigung mit diesem Thema?

Puff: Zum einen das riesige Ausmaß des Problems, und dann krasse Einzelfälle und perfide Strukturen. Nur ein Beispiel: Ordensschwestern haben mir von Versuchen erzählt, hier in Ankerzentren oder Flüchtlingslagern verbrecherische Strukturen aufzubauen, um geflüchtete Frauen an Bordelle weiter zu vermitteln, meist mit völlig falschen Versprechungen. Wenn man sowas hört, dann wird einem schon ziemlich schlecht.

Von Gottfried Bohl

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