Erzbischof Heiner Koch über den Stellenwert von Bildung in Osteuropa

  • Bildung - 06.06.2019

Als „Renovabis-Bischof“ reist er immer wieder nach Mittel- und Osteuropa und sucht den Kontakt zu Menschen. Im Interview spricht der Berliner Erzbischof Heiner Koch über den Stellenwert von Bildung und Lernen, das Jahresthema der Solidaritätsaktion. Und was der Westen vom Osten Europas lernen kann.

Frage: Herr Erzbischof, das Renovabis-Jahresthema 2019 heißt „Lernen ist Leben“. Was bedeutet das für Sie als „Renovabis-Bischof“?

Erzbischof Heiner Koch: Das Thema „Lernen ist Leben“ ist gewachsen aus den Erfahrungen der Renovabis-Kongresse, die sich insbesondere mit den vielen jungen Menschen in Mittel- und Osteuropa beschäftigen. Sie nehmen wir in Deutschland auf, weil ihre berufliche Kompetenz hier aufgrund unserer demografischen Entwicklung dringend gebraucht wird. Andererseits gefährden wir manche Entwicklung in ihren Heimatländern, fehlen diese jungen Menschen doch dort auf dem Arbeitsmarkt. Müssen wir Lernen also in ihrer Heimat fördern, damit die Menschen dort eine Perspektive entwickeln können? Oder lernen sie bei uns und kehren dann aber in ihre Heimat zurück?

Frage: Sie sprechen es an: Wir in Deutschland profitieren von diesem „Brain Drain“, also der Zuwanderung von jungen, gut ausgebildeten Menschen aus Osteuropa …

Erzbischof Koch: Wir können gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklungen nicht einfach umkehren. Wir wissen aber auch aus vielen Ländern, dass dort viele junge Menschen früh die schulische und berufliche Ausbildung abbrechen, um ins Erwerbsleben einzusteigen und ihre Familie zu ernähren. Damit wird eine qualifizierte Bildung und Berufsausbildung unmöglich. Schließlich braucht es Möglichkeiten in ihrer Heimat, mit dem gelernten Wissen arbeiten und wirken zu können. Pädagogik, Bildung und die ökonomische und gesamtgesellschaftliche Entwicklung sind untrennbar.

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„Lernen ist Leben“ – das ist das Motto der Renovabis-Pfingstaktion 2019 über die Bildungarbeit in Osteuropa.


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Frage: Welchen Stellenwert hat Lernen im kirchlichen Kontext?

Erzbischof Koch: Lernen ist das Zukunftsthema einer jeden Gesellschaft und auch unserer Kirche. Wir leben in einer lernenden Gesellschaft, nur so lebt Demokratie. Fachwissen, spezielles Knowhow, Digitalisierung und die Gesellschaft im Ganzen entwickeln sich so schnell, dass wir permanent lernen müssen. Das hat auch Einfluss auf die Psyche und die Persönlichkeit des Menschen. Wenn ich mich als lernender Mensch, als Mensch in der Veränderung verstehe, bedeutet es etwas anderes als in früheren Zeiten. Da reichte das einmal Gelernte oft ein ganzes Leben lang.

Frage: Lernen und Bildung, ist das eine Aufgabe nur der Schule?

Erzbischof Koch: Lernen ist ein Grund des Menschseins überhaupt. Es fängt in der Familie an und braucht auch gute und qualifizierte Einrichtungen, vom Kindergarten über die Schule, die Hochschule bis zum Berufsausbildungssystem. Das zu unterstützen, ist einer der Schwerpunkte von Renovabis nicht nur in diesem Jahr. Aber Lernen ist vor allem eine innere Bereitschaft, sich zu verändern, Neues aufzunehmen, Erfahrungen zu sammeln, zu verarbeiten und beweglich zu bleiben.

Der Berliner Erzbischof Heiner Koch ist Beauftragter für das Osteuropa-Hilfswerk Renovabis.

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„Unser Ärger und unsere Enttäuschung über Europa werden in Osteuropa nicht verstanden.“

— Erzbischof Heiner Koch

Frage: Wie steht es um die christliche Wertebildung? Toleranz, Respekt, Solidarität und Mitgefühl …

Erzbischof Koch: Werte müssen gelebt werden und sich bewähren, das ist ein Lernprozess des Lebens. Lernen heißt: Begriffe wie Toleranz oder Solidarität mit Bedeutung zu füllen und danach leben zu lernen. Freiheit beispielsweise sagt sich schnell, aber jeder versteht sie anders, weil jeder eine andere Erfahrung von und mit der Freiheit gemacht hat, das gilt schon für den Osten und den Westen Deutschlands. Aber wenn sie in existenzieller Not sind, nicht genug zu essen und zu trinken haben, wenn sie in dauernder Angst vor Krieg und Aggression leben, da bekommt der Begriff Freiheit eine ganz andere Farbe.

Frage: Gibt es etwas, was wir hier im Westen von den Menschen in Osteuropa lernen können?

Erzbischof Koch: Zunächst: Osteuropa gibt es so pauschal nicht, die Länder Ost- und Mitteleuropas sind so unterschiedlich, in ihrer historischen Entwicklung, in Kultur und Sprache aber auch in Konfession und Religion. Die Menschen leben nach meinen Erfahrungen dort tiefer aus der Geschichte und sie denken auch geschichtlich. Sie denken langfristig, sie verstehen und interpretieren die Zukunft aus der Vergangenheit. „Im Westen“ habe ich manchmal den Eindruck, es geht sprunghaft von Tag zu Tag, von Problem zu Problem.

Das Zweite: Viele Probleme, die wir angeblich haben, werden klein angesichts der materiellen Not und der militärischen Bedrohung in vielen Ländern. Viele Menschen leben in Angst vor Krieg vor feindlichen Truppen nahe der Grenze. Da bekommt Sicherheitspolitik eine ganz andere Bedeutung.

Und schließlich hat Europa im Osten einen anderen Klang. Dort ist Europa der große Stern der Hoffnung. Unser Ärger und unsere Enttäuschung über Europa werden dort nicht verstanden. Europa ist für viele dort eine Vision, eine Hoffnung, daran können wir uns orientieren.

Frage: Ihre Erzdiözese grenzt an Polen und Sie selbst sind immer wieder im Osten Europas unterwegs, gerade auch zu Partnern von Renovabis. Welchen Stellenwert hat die Unterstützung von Renovabis vor Ort?

Erzbischof Koch: Mit dem Hilfswerk Renovabis wollen wir zum Ausdruck bringen: Wir sind als Kirche in Deutschland mit Euch im Osten Europas eng verbunden, wir vergessen Euch nicht! Das ist psychologisch und kommunikativ sehr wichtig. Denn Renovabis ist nicht nur ein Hilfswerk, sondern eine Solidaritätsaktion. Solidarität und Austausch sind bedeutend, das ist den Menschen in Osteuropa sehr wichtig. Diesen Austausch implementiert Renovabis auch hier in Deutschland und fördert gezielt Partnerschaften, Begegnungen, Klassenreisen oder Partnerschulen, die zwischen Ost und West Verbindungen schaffen. Auch wir in Deutschland brauchen diesen Austausch. Wir leben mit und von den Christen und der Kirche in Ost- und Mitteleuropa.

Das Interview führte Markus Nowak.

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