Opfer des Goldrausches

  • Peru - 11.07.2018

Im peruanischen Departament Puno bietet illegaler Goldbergbau unzähligen Menschen ein Auskommen. Der Preis dafür ist allerdings hoch: zerstörte Gesundheit, zerstörte Familien, eine zerstörte Umwelt und Menschenhandel.

Heute hat Jose Mamani richtig Glück gehabt. „Fünf Gramm Gold konnte ich mit Hammer und Meißel aus einer Mine holen“, sagt der etwa 40-jährige Bergmann im peruanischen Rinconada. In einer Wanne wäscht er das fein gemahlene Gestein von Hand, bis sich zum Schluss die schwereren Goldsplitter zusammen mit dem Quecksilber unten absetzen. Fünf Gramm Gold, das macht umgerechnet rund 150 Euro. Auf dem Feld müsste Jose Mamani dafür 13 Tage arbeiten.

Es sind Geschichten wie die von Jose Mamanis Glückstag, die Männer und Frauen auf das 5.000 Meter hoch gelegene Rinconada im Departament Puno locken. Die Hoffnung auf einen Goldfund lässt sie eisige Kälte, ungesicherte Stollen, mit Quecksilber geschwängerte Luft und mangelnde sanitäre Verhältnisse aushalten. Bis zu 60.000 Menschen sollen zeitweise in La Rinconada leben. Einige sind reich geworden, andere in den Stollen umgekommen. Viele haben ihren neuen Reichtum auch schnell wieder verspielt oder vertrunken.

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Die negativen Folgen des Goldrauschs sieht Pfarrer Markus Degen täglich. Seit 50 Jahren begleitet der Schweizer Priester die Menschen im 11.000-Seelen-Distrikt Arapa. Vier Stunden sind es von dort nach La Rinconada; dementsprechend viele Männer aus Arapa suchen ihr Glück auf dem Berg. „Wenn sie Gold finden, schenken sie den Kindern viel Spielzeug, aber das Familienleben leidet unter der Abwesenheit des Vaters“, weiß der 80-Jährige zu berichten. „Oft haben die Männer dann auch eine andere Frau, und die Familie zerbricht ganz.“

Der Priester ist nicht gut auf die Mine zu sprechen. Zu viele junge Männer hat er beerdigen müssen, weil sie dort umkamen, weil sie ausgeraubt und getötet wurden ihres Goldes wegen. Immer wieder kommen Gerüchte auf, dass Goldschürfer Menschenopfer darbrächten, um die Berggeister gewogen zu stimmen, damit sie ihr Gold hergeben. Gerüchte, die nach Worten Degens durchaus Hand und Fuß haben.

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Bewiesen ist, dass junge, auch minderjährige Mädchen und Frauen mit falschen Versprechungen nach Rinconada gelockt werden und dort in der Prostitution enden. „In 64 Fällen haben wir vergangenes Jahr gegen Menschenhandel ermittelt“, berichtet Staatsanwalt Paulo Deza im nahen Juliaca. „Jede zweite der Frauen war minderjährig“. In acht Fällen wurden Menschenhändler verurteilt.

Regelmäßig macht die Polizei Razzien in den Bordellen und Bars in La Rinconada. Minderjährige Mädchen werden dann entweder zu ihren Familien zurückgeschickt oder kommen in eine staatliche Betreuungseinrichtung. Oder sie treffen auf Padre Vicente. Vinzenz Imhof baut im Auftrag der Peruanischen Ordenskonferenz in Puno gerade ein Schutzhaus für Opfer von Menschenhandel auf.

Seit 2010 engagieren sich die lateinamerikanischen Ordensgemeinschaften im Netzwerk „Red Kawsay“ ganz speziell für Opfer von Menschenhandel. Der 56-jährige Franziskanerminorit Imhof aus Heidelberg und seine Mitstreiterinnen setzen vor allem auf Prävention. In Schulen und Kirchgemeinden klären sie Jugendliche über die Vorgehensweise der Menschenhändler auf. „Die Frauenhändler nutzen die Armut vieler Familien auf dem Land aus“, berichtet Imhof. Aber auch Töchter aus gut situierten Familien würden leicht Opfer, vor allem wenn ihre Eltern Tag und Nacht arbeiteten und ihre Kinder emotional vernachlässigten.

Das Thema „Frauenhandel“ ist in Perus Kirche angekommen. „Allerdings finden all diese Initiativen in der Departaments-Hauptstadt Puno statt“, bedauert Pfarrer Markus Degen. In La Rinconada, auf 5.000 Metern, wo es besonders nötig wäre, sei die Kirche kaum präsent. Vielleicht auch, weil ein solches Engagement große Gefahren bergen würde: „Es ist lebensgefährlich, in Rinconada gegen all das Böse, Negative, Unmoralische vorzugehen.“