Nachhaltiger Aufbau eines fairen Wirtschaftssystems gefordert

Adveniat: Mercosur-Abkommen atmet Geist kolonialer Abhängigkeiten

Brüssel/Essen  ‐ Am Samstag wird der Weg zur größten Freihandelszone der Welt geebnet. Die Staaten erhoffen sich Wachstum – doch gibt es mehr Wohlstand auch für Menschen in Südamerika? Das Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat ist skeptisch.

Erstellt: 16.01.2026
Aktualisiert: 19.01.2026
Lesedauer: 

Kurz vor der Unterzeichnung des EU-Mercosur-Freihandelsabkommens warnt das Hilfswerk Adveniat vor negativen Folgen für Lateinamerika. Das Mercosur-Abkommen atme „den Geist alter kolonialer Abhängigkeiten“, sagte der Hauptgeschäftsführer des katholischen Lateinamerika-Hilfswerks, Pater Martin Maier, der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) in Essen. Er warnte vor Umweltzerstörung und Ausbeutung der Menschen in Südamerika.

„Internationale Abkommen zwischen Lateinamerika und Europa sind in Zeiten imperialistischer Großmachtbestrebungen und nationalistischer Abschottungen grundsätzlich ein gutes Zeichen“, so Maier. Das EU-Mercosur-Abkommen kritisierte er: „Europa importiert Rohstoffe und Agrarprodukte und flutet gleichzeitig die Länder des Globalen Südens mit seinen weiterverarbeiteten Produkten wie Maschinen, Autos und Luxusartikeln. So verbleiben die Profite in den heute schon reichen Ländern sowie bei den wenigen Großgrundbesitzern im Süden und multinationalen Rohstoffunternehmen.“ Für die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung Lateinamerikas blieben Armut, Hunger und Zerstörung der ausgebeuteten Umwelt.

Stattdessen warb Maier für den nachhaltigen Aufbau eines fairen Wirtschaftens zwischen Europa und Lateinamerika. Beispielhaft nannte er ein konkretes Vorhaben: „2018 wollte Deutschland Bolivien beim Aufbau einer Batteriefabrik unterstützen, anstatt einfach nur Lithium von dort zu importieren. Leider wurde das Projekt, das Arbeitsplätze und Entwicklung in Bolivien schaffen würde, 2019 gestoppt und liegt bis heute auf Eis.“

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sowie Ratspräsident António Costa reisen am Samstag nach Paraguay, um dort das jahrzehntelang verhandelte Abkommen mit den vier Staaten Brasilien, Argentinien, Uruguay und Paraguay zu unterschreiben. Befürworter versprechen sich davon wirtschaftliche Vorteile durch den Abbau von Handelsbarrieren. Endgültig in Kraft tritt das Abkommen erst nach der finalen Zustimmung des EU-Parlaments, die in der kommenden Woche erwartet wird, sowie nach der formellen Ratifizierung durch alle EU- und Mercosur-Mitglieder.

Adveniat ist das Hilfswerk der deutschen Katholikinnen und Katholiken für die Kirche Lateinamerikas. Es wurde 1961 ins Leben gerufen. Seitdem unterstützt Adveniat die Kirche in Lateinamerika und der Karibik bei ihrem Einsatz für die arme Bevölkerung. 2024 förderte Adveniat nach eigenen Angaben mehr als 1.000 Projekte mit rund 30,2 Millionen Euro. Adveniat finanziert sich zu mehr als 90 Prozent aus Spenden.

KNA

Mehr zum Thema

Ordensfrau steht vor dem Hauptsitz der Deutschen Bank AG in Frankfurt. Um ihr Hals ein Plakat mit der Aufschrift "Diese Wirtschaft tötet".
Welthandel

Diese Wirtschaft tötet

„Diese Wirtschaft tötet“, klagt Papst Franziskus in seinem Apostolischen Schreiben „Evangelii Gaudium“ an, wenn Menschen ausgegrenzt und wie Müll behandelt werden. Um die Wirtschaft gerechter zu machen, muss sie aus der Perspektive der Würde jedes Menschen und des Gemeinwohls gestaltet werden (EG 203). Es reicht nicht, „auf die blinden Kräfte und die unsichtbare Hand des Marktes zu vertrauen“ (EG 204), warnt der Papst mit Blick auf die immer größer werdende Schere zwischen Arm und Reich.