Nigerias Jugend protestiert gegen Polizeigewalt

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  • Afrika - 24.10.2020

Nach der Blutnacht von Lekki, bei der zwölf Menschen starben, fordern Demonstranten, Menschenrechtler und die internationale Gemeinschaft Aufklärung. Das Verständnis für die Aufstände gegen die Polizeigewalt ist groß.

In Nigeria reißen die Proteste gegen Polizeigewalt nicht ab. Daraus entwickelt haben sich längst landesweite Demonstrationen, bei denen vor allem junge Menschen ihre Unzufriedenheit mit dem Staat zum Ausdruck bringen. Das wird zunehmend gefährlich.

Nach dem „Massaker von Lekki“, wie die Schüsse auf Demonstranten in der Hafenmetropole Lagos in der Nacht zum Mittwoch bezeichnet werden, sind laut der Menschenrechtsorganisation Amnesty International seit Beginn der Aufstände vor zwei Wochen mindestens 56 Personen getötet worden. Allein in Lekki, wo die Mautstation zum zentralen Treffpunkt geworden ist, sowie im Viertel Alausa im Norden der Stadt gab es zwölf Todesopfer. Abgefeuert hatten die Schüsse Militär und Polizei.

Weltweit ist das Entsetzen groß. Vertreter der Vereinten Nationen verurteilten das Vorgehen scharf. „Die Verantwortlichen müssen das Militär unverzüglich von den Straßen abziehen und Verfahren gegen die Verantwortlichen einleiten“, forderte die Nigeria-Expertin von Human Rights Watch, Anietie Ewang.

Ausführlich geäußert hat sich die Landesregierung bislang nicht. Stattdessen verlängerte sie die Ausgangssperre. Die war am Dienstagnachmittag verhängt worden, als sich die Proteste weiter ausbreiteten. In Lagos ärgerten sich viele über die schlechte Kommunikation, sagt der Fotograf und Aktivist Deji Akinpelu. „Es fehlt an Ehrlichkeit. Das sorgt für Frustration.“ Auch sei die Lage noch immer chaotisch.

Darunter litten besonders die städtischen Armen, die etwa zwei Drittel der Bevölkerung der 18-Millionen-Metropole ausmachen. Durch lange Ausgangssperren im Frühjahr und Sommer zur Eindämmung des Coronavirus hätten viele ihr Einkommen verloren, sagt Akinpelu, der in den Armenvierteln arbeitet. „Auch werden sie oft bezichtigt, gewalttätig zu sein – obwohl es dafür keine Belege gibt.“

Willkürliche Anschuldigungen, aber auch Erpressungen, Folter und Verschleppungen durch die Polizei-Sondereinheit gegen Raubüberfälle (SARS) – die Vorwürfe wurden mehrfach von Menschenrechtsorganisationen dokumentiert – hatten in der zweiten Oktoberwoche zu den Protesten geführt. Unter dem Hashtag #EndSARS breiteten sie sich immer weiter aus. Auch die schnelle Ankündigung der Regierung von Muhammadu Buhari, die Einheit aufzulösen und in ein Team für spezielle Waffen und Taktiken (SWAT) umzuwandeln, änderte daran nichts.

Das liegt auch daran, dass die Demonstranten viel Verständnis und Unterstützung erhalten – auch von Seiten der mächtigen Kirchen. Erzbischof Ignatius Kaigama von Abuja bezeichnete die Jugendproteste am Mittwoch als eine „Stechfliege, die uns religiöse, traditionelle und politische Meinungsführer aufrütteln soll“. Die jungen Menschen seien niedergeschlagen, frustriert und demoralisiert und forderten ein Ende der Brutalität sowie gute Regierungsführung ein.

Seiner Meinung nach, so schreibt Kaigama auf Facebook, sei ein anderes Nigeria durchaus möglich. Wichtig dafür sei eine kritische Selbstanalyse. Auch müssten Behörden dringend die Korruption bekämpfen, politische Ämter und Ressourcen gerechter verteilen und Wahlfälschungen verhindern.

Zuvor hatte die katholische Bischofskonferenz betont, der Protest spiegele die Probleme des Landes wider und sei moralisch gerechtfertigt. „Viele Leben sind durch unnötige Brutalität verloren gegangen“, so der Erzbischof von Benin City und Bischofskonferenz-Vorsitzende Augustine Obiora Akubeze. Die landesweiten Aufstände – zuletzt gab es im Januar 2012 einen Generalstreik wegen gestiegener Benzinpreise – zeigten zudem, dass die meisten Nigerianer ähnliche Gewalterfahrungen durch die Polizei-Sondereinheit erlebt hätten.

Auch Vertreter verschiedener Pfingstkirchen wie der Redeemed Christian Church of God, die als einflussreichste Pfingstkirche im Land gilt, äußerten Verständnis für die Demonstrationen und forderten ein sofortiges Ende der Polizeigewalt.

Von Katrin Gänsler (KNA)

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