Pater Nikodemus Schnabel über seine Arbeit im Auswärtigen Amt

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  • Friedensarbeit - 29.07.2019

Eigentlich lebt und arbeitet Pater Nikodemus Schnabel (40) in der Dormitio-Abtei in Jerusalem. In den vergangenen Monaten allerdings legte der Benediktiner ein einjähriges Sabbatical ein. Das ist an der Dormitio für jene Mönche üblich, die wie Pater Nikodemus als Prior-Administrator ein leitendes Amt abgegeben haben. Die Auszeit verbringt er in Berlin im Auswärtigen Amt – als Berater der Abteilung für Kultur und Kommunikation im Referat „Religion und Außenpolitik“. Im Oktober endet sein Engagement. Der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) schildert Schnabel, was es mit dem Referat auf sich hat – und welche Parallelen er zwischen Diplomatie und Kirche sieht.

Frage: Pater Nikodemus, was fasziniert einen Ordensmann an der Diplomatie?

Pater Nikodemus: Diplomatie denkt weltweit und nimmt die großen Entwicklungen in den Blick. Sie braucht einen langen Atem. Und das ist etwas, das uns als Mönche auch auszeichnet oder auszeichnen sollte. Tatsächlich lässt sich diese Parallele noch weiter ziehen.

Frage: Inwiefern?

Pater Nikodemus: Das Auswärtige Amt war für mich anfangs schon eine Herausforderung. Dieser Riesenapparat mit knapp 3.000 Mitarbeitern in der Zentrale und 230 Auslandsvertretungen läuft letzten Endes nur dank vieler Abstimmungs- und Diskussionsprozesse rund – die ich anfangs allerdings nur schwer durchschauen konnte. Aber genauso ist es in der Kirche. In beiden Fällen geht es darum, an übermorgen und global zu denken, anstatt sich nur mit dem Hier und Jetzt zu beschäftigen.

„Zum Dialog gehört auch Kritik. Und die müssen sich beide Seiten gefallen lassen: Religion und Politik.“

— Pater Nikodemus Schnabel.

Frage: Die Zuständigkeitsbeschreibung des Referates „Religion und Außenpolitik“, für das Sie derzeit als Berater tätig sind, spannt einen weiten Bogen von der Kontaktpflege zu Religionsvertretern bis hin zu religionspolitischer Weiterbildung der Diplomaten im Auswärtigen Amt. Was genau steckt dahinter?

Pater Nikodemus: Es geht im Kern darum, innerhalb des Auswärtigen Amtes Sensibilität und Kompetenz für den Faktor Religion zu stärken – das ist auch Teil der Auswärtigen Kulturpolitik. Und es geht darum, nach außen hin in den Dialog zu treten mit Religionsvertretern, um mit ihnen über ihre friedens- und gesellschaftspolitische Verantwortung zu sprechen, die sie für diese Welt haben. 84 Prozent der Menschheit bekennen sich zu einer Religion. Wer so großen Einfluss hat, hat Verantwortung – und über diese Verantwortung wollen wir ins Gespräch kommen!

Frage: Mitunter scheinen Religionen eher Auslöser von Konflikten zu sein.

Pater Nikodemus: Oft wird ja der Schluss gezogen, dass Religionen entweder Probleme schaffen oder Probleme haben. Natürlich gibt es das Phänomen, dass Konflikte religiös aufgeladen sind, das sehen wir zum Beispiel beim sogenannten Islamischen Staat und in Nordirland. Und natürlich gibt es Christenverfolgung, Antisemitismus und Islamophobie. Aber es ist doch eine extrem verengte Perspektive, Religionen nur aus diesem Blickwinkel zu betrachten.

Frage: Weil...?

Pater Nikodemus: ... Religionen ein enormes Potenzial im Bereich Frieden und Versöhnung haben. Im Bereich von Mediation und Friedenserziehung leisten sie Beachtliches. Klassischerweise kümmert sich die Diplomatie um Geo- und Sicherheitspolitik sowie um Fragen der Wirtschaft. Wir wissen aber, dass es Akteure gibt, die einen anderen Blick auf die Welt haben und nicht in diese Kategorien passen. Der größte dieser Player sind die Religionsgemeinschaften.

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Frage: Dagegen mutet das Referat mit gerade einmal sechs Mitarbeitern recht klein an. Was haben Sie bislang anstoßen können?

Pater Nikodemus: Wir sind die Kernmannschaft für diesen Bereich und binden je nach genauem Thema auch weitere Kollegen aus anderen Arbeitsbereichen ein. Seit 2016 haben wir schon mehrere Konferenzen mit Religionsvertretern durchgeführt: das dabei entstandene Netzwerk ist wertvolle Grundlage unserer weiteren Arbeit. Ein neueres Beispiel sind die Villa-Borsig-Gespräche zu Religion und Außenpolitik im Gästehaus des Außenministers.

Frage: Was muss man sich darunter vorstellen?

Pater Nikodemus: Da kommen Diplomaten, Wissenschaftler und Religionsvertreter zusammen, um sich mehrere Stunden lang intensiv einem Thema zu widmen. Bei einem dieser Treffen standen die orthodoxen Kirchen in Ost- und Südosteuropa im Fokus. Wo werden sie über-, wo unterschätzt, welche Handlungsempfehlungen lassen sich daraus ableiten, die wir ins Auswärtige Amt einspeisen können? Ein anderes Treffen hat Aserbaidschan und Indonesien und das dortige jeweilige Verhältnis von Staat und Religion in den Blick genommen.

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Frage: Finden Sie Gehör?

Pater Nikodemus: Wir erleben gerade einen spannenden Wandel. Die klassische Außenpolitik zwischen Staaten wird immer stärker ergänzt durch eine Außenpolitik mit den jeweiligen Gesellschaften. Ähnliche Referate wie das unsrige gibt es übrigens auch in anderen Ländern, etwa in Finnland, der Schweiz, Österreich und den Niederlanden. Letztlich geht es darum, dass es mit den Religionsgemeinschaften Akteure gibt, die einen anderen Blick auf die Welt haben als den klassisch geo-, sicherheits- oder wirtschaftspolitischen. Der Dialog mit den Religionen eröffnet also damit auch ganz neue Blickwinkel für die Diplomatie auf diese unsere Welt – und eben nicht nur in Fragen von Krieg und Frieden.

Frage: Sondern?

Pater Nikodemus: Es geht auch um sozialen Zusammenhalt, Menschenrechte, Klimawandel oder um den Umweltschutz – Christen würden es „Bewahrung der Schöpfung“ nennen. Die Politik will mit Religionen über Gott und die Welt ins Gespräch kommen, und über die gemeinsame Verantwortung für die Zukunft unseres Planeten.

Frage: Schön und gut – aber ist es nicht so, dass in vielen Religionen, auch in der katholischen Kirche, Frauen benachteiligt werden? Wie kann man über Gott und die Welt sprechen, wenn die Hälfte der Menschheit quasi außen vor bleibt?

Pater Nikodemus: Korrekter Einwand. Aber ich gebe zu bedenken, dass die Bundesregierung auch zu Staaten diplomatische Beziehungen unterhält, deren Gesellschafts- oder Politikmodell sie nicht teilt. Zur Diplomatie gehört, Gesprächskanäle offen zu halten, selbst oder gerade wenn es herausfordernd ist.

Frage: Wie meinen Sie das?

Pater Nikodemus: Der Dialog über die Verantwortung für unsere Gesellschaft ist keine Einbahnstraße. Zum Dialog gehört auch Kritik. Und die müssen sich beide Seiten gefallen lassen: Religion und Politik.