Historiker: Kirchen haben Pfingstgemeinden lange unterschätzt

  • Spiritualität - 19.06.2019

In Österreich hat ein evangelikaler Prediger öffentlich für den Politiker Sebastian Kurz gebetet. Was sagt das über den Einfluss evangelikaler Kräfte auf die Politik, aber auch auf die Gesellschaft aus? Und wie kann die katholische Kirche auf den Zulauf zu Pfingstkirchen reagieren, der sie allein in Lateinamerika zunehmend in die Defensive bringt? Darüber sprachen wir mit dem Historiker und Adveniat-Referenten Michael Huhn.

Frage: Herr Huhn, in Österreich sorgt derzeit eine Veranstaltung von Evangelikalen aus aller Welt für Diskussionen, bei der der evangelikale Prediger Ben Fitzgerald für Kanzlerkandidat Sebastian Kurz gebetet hat. Eine solch offensichtliche Verquickung evangelikaler Kirchen mit der Politik ist in Europa neu, oder?

Michael Huhn: Öffentliche Gebete zu politischen Themen sind nicht neu. Gebete gegen die Aufrüstung 1983 etwa waren in Nordrhein-Westfalen ganz selbstverständlich. Da hat die Opposition gegen Kanzler Helmut Schmidt die Rückendeckung vor allem der evangelischen und von Teilen der katholischen Kirche für sich in Anspruch genommen. Auch heute finde ich das akzeptabel.

Frage: Inwiefern?

Huhn: Die christliche Kirche hat im Grunde eine ganz alte Tradition, für die Regierenden zu beten. In der orthodoxen Kirche ist es am Ende des Gottesdienstes Standard, oder wenn man ins Book of Common Prayer der Anglikanischen Kirche hineinschaut, liest man ein Gebet für Königin Elisabeth, zum Morgengebet am jüdischen Sabbat gehört das Gebet für die Regierenden und auch in der katholischen Kirche gibt es das in sehr allgemeiner Form in den Fürbitten nach dem Credo. Das geschieht alles in einer dezenten, zurückhaltenden Form. Der Aufruhr entsteht eben dann, wenn es spezifisch wird und eine Fürbitte dann für die eigenen politischen Zwecke genutzt wird.

Der Historiker Michael Huhn ist Adveniat-Referent für Peru und die Antillen.

Adveniat

„Die Pfingstkirchen sind kein Gewitter, das wieder vorbeigeht.“

— Michael Huhn, Adveniat-Referent

Frage: Hinzu kommt wohl aber auch die Überraschung über die in der europäischen Öffentlichkeit noch relativ unbekannte evangelikale Kirche. Die katholische Kirche in Wien zeigte sich ja verständnisvoll, Kardinal Christoph Schönborn war sogar mit auf der Bühne. Müssen wir uns künftig daran gewöhnen, von Evangelikalen mehr zu hören – auch im politischen Kontext?

Huhn: So wird es sein. Die Kirche hatte früher ja noch Berührungsängste etwa mit den Grünen. Für sie war nicht erkennbar, dass es gemeinsame Werte gab. Das hat sich geändert. Heute ist es nicht ausgeschlossen, dass ein Bischof mit den Grünen auf einer gemeinsamen Veranstaltung spricht. Ähnlich holprig läuft es mit den Evangelikalen. Die Kirche hat aber im Laufe der Zeit verstanden, dass die Evangelikalen nicht nur einzelne schräge Typen sind, die man zurechtweisen kann. Sondern dahinter stecken Bedürfnisse, die viele in ihren eigenen Kirchen, seien sie katholisch, evangelisch oder lutherisch, nicht mehr wiederfinden.

Frage: Wie zeigt sich das in Deutschland?

Huhn: Die Evangelikalen sind nach Deutschland vor allem durch die Einwanderer gekommen. Anlässlich des Evangelischen Kirchentags in Hamburg hat die Evangelische Nordkirche einmal die Kirchenbesucher in Hamburg gezählt. Es kam heraus, dass die evangelikalen Sonntagsgottesdienste besser besucht waren als die lutherischen. Das verdankt sich den ghanaischen, nigerianischen und brasilianischen Gemeinden. Das war für die Nordkirche eine große Überraschung, weil sie diese Gruppe fast nicht wahrgenommen hatte. Die Pfingstkirchen sind also da und kommen vor allem von Einwanderern aus Lateinamerika und Afrika. Sie pflegen diese andere, sehr expressive und explizite Form des Christseins. Nicht so verhalten, wie das unsere deutsche Mentalität ist, wo man eher in der Kirche anstatt auf dem Marktplatz ist. Mit Evangelikalen kann es einem auch passieren, dass man in der Straßenbahn angesprochen und zum nächsten Gottesdienst eingeladen wird. Das würde ich persönlich mich als Katholik nicht trauen.

Weltkirche-Blog - 19.03.2019

Bischof Felix Genn aus Münster besuchte im März Brasilien und Peru. Dabei sprach er auch mit dem deutschen Bischof Norbert Strotmann über die Herausforderung der Pfingstkirchen und neue Wege in der katholischen Pastoral.


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Frage: In Lateinamerika haben sich vor allem die Pfingstkirchen zu einer festen Größe in den Gesellschaften entwickelt, auch weil viele Katholiken abwandern. Wie reagiert die katholische Kirche darauf?

Huhn: Wichtig ist erst einmal, dass die katholische Kirche überhaupt reagiert. Das war nämlich zu lange nicht der Fall. In den späten 60er und 70er Jahren, als in Lateinamerika die Befreiungstheologie stark war, sahen viele katholische Bischöfe in den Mitgliedern der Pfingstkirchen Leute, die von den USA geschickt und finanziert wurden. Sie nahmen an, die Pfingstkirchen seien die konservative Antwort auf die linksgerichtete Befreiungstheologie. Das stimmte vielleicht teilweise für die ersten Jahre. Aber die katholische Kirche hat nicht erkannt, dass zwar der Impuls aus den USA kam, die Pfingstkirchen sich aber in kürzester Zeit lateinamerikanisiert haben. Heute sind sie ganz und gar eigenständig in ihrer Gebetsweise, der Art, die Bibel zu lesen, in ihrer Gemeindeverfassung. Unglücklicherweise sah man da nicht genau hin und nahm an, dass das ein Gewitter sei, das auch wieder vorbeigehe.

Frage: Und heute?

Huhn: Mittlerweile hat sich durch die Pfingstkirchen die Karte der Konfessionsverteilung in Lateinamerika grundsätzlich verändert. Guatemala ist ein Beispiel: Inzwischen gehören dort schätzungsweise mehr als die Hälfte der Christen den Pfingstkirchen an. Auch handelt es sich hier nicht um kleine Sekten, sondern um missionarisch agierende, wachsende Gruppen in Lateinamerika. In Brasilien machen die Mitglieder der Pfingstkirchen mittlerweile mehr als ein Viertel der Bevölkerung aus. Die katholischen Bischöfe haben das lange nicht sehen wollen.

Am 2. Juni 2017 feierten zehntausende Christen in Rom ein Abendgebet im Rahmen eines Treffens der katholischen Charismatischen Erneuerung anlässlich deren 50-jährigen Bestehens.
Paul Haring/CNS photo/KNA

Frage: Nun sehen sie sich in der Defensive.

Huhn: Ja, und zwar schon lange. Eine Antwort, die die katholischen Gläubigen gegeben haben – nicht die Bischöfe selbst – ist eine Charismatisierung ihrer eigenen Gemeinden. Die katholische charismatische Erneuerung in den spanischsprachigen Ländern und auch in Brasilien zieht sehr viele Gläubige an. Sie haben Gottesdienste mit Zungenreden, Halleluja-Gesängen, Lobpreisungen, die in ihren Ausdrucksformen nicht sehr weit weg sind von denen der Pfingstkirchen. Diese katholische charismatische Erneuerung hat einen starken Zulauf und ist sozusagen die innerkatholische Antwort auf das Bedürfnis, lebendigere Gottesdienste zu feiern.

Frage: Wie stehen die Bischöfe dazu?

Huhn: Die Bischöfe sehen das ambivalent, weil wie bei vielen Laienbewegungen in der katholischen Kirche eine Tendenz entsteht, zu sagen: Wir sind die richtigen Katholiken, wir nehmen unseren Glauben ernster. Einige Bischöfe sorgen sich, wie sie charismatische und konservative Katholiken zusammenbringen können. Es gibt ja nicht mehr dieses Zugehörigkeitsgefühl zu einer bestimmten Kirche. In Lateinamerika ist durch die schnelle Modernisierung und interne Migration auch eine kirchliche Dynamik entstanden. Wer den klassischen katholischen Gottesdienst nach dem römischen Messbuch nicht mag, der geht eben zur Pfingstkirche oder einer charismatischen Gemeinde. Andersherum können konservative Katholiken auch Anstoß an charismatischen Elementen nehmen und zum Pfarrer nebenan gehen.

Amazonas-Synode - 28.05.2019

Mit Blick auf die Amazonas-Synode im Herbst im Vatikan hofft der deutsche Bischof Johannes Bahlmann auf eine gemeinsame Strategie der Länder Amazoniens. Er selbst lebt seit 36 Jahren in Brasilien und beobachtet in seinem Amazonas-Bistum Óbidos, wie die Gewalt gegen Mensch und Natur zunimmt.


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Frage: Auf der politischen Ebene sehen wir in Brasilien einen Präsidenten, der stark verwurzelt ist in der Pfingstkirche. Seine politischen Maßnahmen sind wirtschaftsliberal und im konservativen bis rechten Spektrum zu verorten. Gleichzeitig plant die katholische Kirche eine Amazonas-Synode, die noch stark aus der Befreiungstheologie schöpft. Tut sich da ein neues Spannungsfeld auf?

Huhn: Die Konflikte gibt es. Das war auch schon massiv der Fall, als das Lager von Bolsonaro noch nicht an der Macht war, im Kongress aber bereits eine große Rolle spielte. Es gab in Brasilien schon lange die „Bancada evangelica“, die „evangelikale Bank“. Es war eine nicht formelle Gruppe von Abgeordneten, von denen man wusste, dass sie in bestimmten Fragen gemeinsam abstimmen werden – unabhängig von den Parteigrenzen. Dann stellten sie Forderungen wie die Verteidigung des Grundbesitzes, weniger Umweltschutz und kleinere Spielräume für die Indigenen. Da dienten und dienen die evangelikalen Abgeordneten politischen Interessen. Sie lassen sich auch – völlig losgelöst von dem, was sie sonst predigen, für ihre Abstimmung gut mit Spenden entlohnen. Seit Bolsonaro Präsident ist, setzt er diese Forderungen in die Tat um. Die Absetzung des Leiters der Indigenenbehörde ist nur eines von vielen Beispielen.

Frage: Und was macht die katholische Kirche?

Huhn: Die katholische Kirche wehrt sich da entschieden und auch zu Recht. Wer den Lebensraum der Indigenen und die Schöpfung im Amazonas verteidigen will, muss sich dieser Politik von Bolsonaro und seinem Lager entgegenstellen. Es ist gut, dass die brasilianische Kirche sich da sehr deutlich äußert. Meine Sorge ist nur, dass die Wirkung des katholischen Protestes längst nicht mehr so ist wie zu Zeiten von Helder Camara, als das Land sozusagen stillstand, um zu hören, was er sagte. Die katholische Kirche hat zum einen, weil so viele Mitglieder abgewandert sind, zum anderen, weil Brasilien sich als moderne Gesellschaft stark differenziert hat, nicht mehr die große Autorität in ihren Stellungnahmen. Aber das heißt nicht, dass sie sich nicht weiter äußern muss.

Das Interview führte Claudia Zeisel.

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