Erzbischof: Autoritäre religiöse Strömungen im Tschad

  • Deutsche Bischofskonferenz - 14.06.2019

Der Vorsitzende der Kommission Weltkirche der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Ludwig Schick (69), hat einen viertägigen Solidaritätsbesuch im Tschad absolviert. Im Interview berichtet er über die schwierige Lage in dem Sahelstaat.

Frage: Herr Erzbischof, der Tschad gilt als krisengeplagtes Land mit vielfältigen Problemen wie Armut und Terror. Wie haben Sie die Situation während ihres Besuches erlebt?

Schick: Man spürt die Armut tatsächlich überall. Es gibt nur wenig befahrbare Straßen, Elektrizität ist eine Seltenheit. Die Menschen kämpfen ums tägliche Überleben. Und das hat natürlich gravierende Folgen. Alle, die arbeiten können, müssen zum Lebensunterhalt der Familie oder Sippe beitragen. Viele Kinder gehen deshalb nicht zur Schule.

Frage: Welche Rolle spielt die Regierung des Tschad?

Schick: Präsident Idriss Deby, der schon seit 1990 an der Macht ist, regiert das Land mit eiserner Hand. Jeder, der für eine Veränderung im Land eintritt, wird verfolgt. Die Menschenrechtssituation ist also äußerst schwierig. Das wissen die europäischen Staaten, auch Deutschland, weshalb die politische Zusammenarbeit mit dem Tschad sehr fragil ist.

Bedrängte Christen - 24.04.2019

Der Vorsitzende der Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Ludwig Schick, ruft zum Schutz von Christen und religiösen Minderheiten weltweit auf.


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Frage: Für Spannungen sorgt auch ein zunehmender islamischer Fundamentalismus.

Schick: Ja, das ist eine spürbare Tendenz, die viele Christen und Muslime beunruhigt. Gesteuert wird dieser Prozess nicht zuletzt von Saudi-Arabien, das etwa den Bau von Moscheen im Tschad finanziert.

Frage: Wie schätzen Sie die Lage der Christen im Tschad ein?

Schick: Die Christen sind eine sehr aktive Minderheit, die sich bemüht, den Tschad aus Armut und Isolation herauszuholen. Sie betreiben viele Schulen, in denen auch Muslime unterrichtet werden, und unterhalten Gesundheitsposten im ganzen Land. Zudem haben sie zahlreiche interreligiöse Komitees gegründet, um eine friedliche Gesellschaft aufzubauen. Aber nun merken die Christen, dass es starke neue Strömungen im Tschad gibt, die wieder ein autokratisches System etablieren wollen – in politischer und religiöser Hinsicht. Solche Versuche haben ja, wie in den 70er Jahren, schon einmal zu einem Bürgerkrieg geführt.

Frage: Der Tschad gilt obendrein als Transitland für Flüchtlinge und Migranten, die nach Europa streben. Können Sie das bestätigen?

Schick: Ja, wir haben das mitbekommen. Aber der Tschad tut alles, um diese Route zu schließen. Darum suchen sich viele Flüchtlinge inzwischen andere Wege.