Caritas-Repräsentant zu Afghanistan ein Jahr nach dem Abzug

„Die Taliban werden bleiben“

Freiburg/Kabul ‐ Vor einem Jahr zogen die westlichen Truppen aus Afghanistan ab. Für den Westen bedeutete dies eine historische Demütigung, für das Land den neuerlichen Absturz in die Barbarei der radikalislamischen Taliban-Herrschaft.

Erstellt: 14.08.2022
Aktualisiert: 21.09.2022
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Viele Befürchtungen wurden seit dem Fall von Kabul am 15. August 2021 wahr, berichtet der Landesrepräsentant der Hilfsorganisation Caritas international in Afghanistan, Stefan Recker, im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Not und Unterdrückung prägten den Alltag. Für Recker ist klar: Die Taliban sitzen fest im Sattel.

Frage: Herr Recker, wie ist derzeit die humanitäre Lage im Land?

Recker: Mit einem Wort: fürchterlich. Ich mache diesen Job seit 30 Jahren und kenne Afghanistan schon lange. Aber so ein Elend wie heute habe ich nie erlebt. Die Wirtschaft und das Bankwesen sind wegen der ausländischen Sanktionen zusammengebrochen. Die internationale Gemeinschaft beschränkt sich auf Nothilfe, doch die ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Obendrein leidet das Land unter dem Klimawandel, es herrscht Dürre. Sehr viele Menschen haben überhaupt kein Einkommen. Darunter viele Ex-Staatsbedienstete, die von den Taliban entlassen wurden, und es gibt viel zu wenig Nahrungsmittel. Kinder, Alte, Kranke, Schwangere sind davon besonders betroffen. Die Leute verhungern zwar nicht, aber viele sterben an hungerbedingten Krankheiten.

Frage: Wie sind die Arbeitsbedingungen für Hilfsorganisationen unter den Taliban?

Recker: Es ist schwierig, von „den Taliban“ zu reden, weil sie heute heterogener sind als in den 1990er Jahren. Aber allgemein lässt sich schon sagen, dass sie den humanitären Organisationen viele Steine in den Weg legen. Geld kommt wegen der maroden Banken nur schwer ins Land. Und wenn, dann wollen die halbwegs kooperationsbereiten Taliban die Kontrolle über die Transaktionen. Ich versuche seit einem halben Jahr, ein unabhängiges Konto zu eröffnen, und stoße dabei nur auf Hürden. Andere Taliban wollen überhaupt keine internationale Hilfe ins Land lassen und wittern überall Spione und Missionare. Es gibt keine verlässlichen Strukturen.

Frage: Wie ist die Lage in Sachen Menschenrechte? Besonders das Los von Frauen und Mädchen sorgt für wachsende Befürchtungen.

Recker: Menschenrechtsaktivisten und Frauen, die sich gegen die neue Ordnung auflehnen, müssen wirklich Angst haben. Die Repressionen reichen von Gewaltandrohung über „Verschwindenlassen“ bis zu wilden Hinrichtungen von Menschen- und Frauenrechtlerinnen. Nicht nur auf dem Land, auch in den großen Städten. Die Täter können in der Regel mit Straflosigkeit rechnen. Andererseits sind die Taliban keine Ordnungsmacht, die alles überwachen kann. Sie eroberten ja vor einem Jahr nicht die Macht, weil sie so stark waren, sondern weil die Regierung so schwach war. Sie sind relativ wenige, nicht ausgebildet und die Polizisten sind nach dem Sturz der Regierung in Massen davongelaufen. Die Kehrseite ist, dass die Kriminalität im Land stark gestiegen ist.

Frage: Wie steht es heute um die Schulbildung von Mädchen?

Recker: Sie dürfen nur bis zum Alter von 12 Jahren die Schule besuchen. Danach ist offiziell Schluss. Es gibt aber private Initiativen und versteckte Schulen in Privathäusern, in denen Mädchen teils weiter unterrichtet werden, oft von denselben Lehrkräften, die vor den Taliban regulär gearbeitet haben. Die Taliban dulden das teilweise. Die progressiveren unter ihnen wissen, dass ihnen Ärztinnen und Krankenschwestern später von Nutzen sein können. Doch insgesamt ist die Erwerbslage gerade von Frauen ganz schlimm. Vor allem weil sie keine Bewegungsfreiheit mehr haben.

Frage: Wie groß ist der Rückhalt in der Bevölkerung für die Taliban?

Recker: Das ist schwer zu sagen, weil die afghanische Bevölkerung ethnisch zersplittert ist. Unter den Paschtunen, der größten Ethnie, aus der sich die Taliban überwiegend rekrutieren, dürfte die Unterstützung noch am größten sein. Das ist ihre eigentliche Machtbasis. Bei anderen Volksgruppen sieht es schon anders aus. Es herrscht allgemein viel Resignation, dass die vom Westen gestützte Regierung vor einem Jahr so schnell zusammengebrochen ist. Immer wieder mal bilden sich bewaffnete Widerstandsgruppen, die sehr regional begrenzt sind und keine Zukunft haben. Die Taliban sind derzeit die einzige Alternative in Afghanistan und werden sich erst einmal halten. Die Frage ist, ob sie ihre radikalislamische Ideologie dauerhaft durchsetzen werden.

Frage: Ende Juli tötete eine US-Drohne den Chef von Al-Kaida, Ayman al-Zawahiri in einem Haus des Innenministers in Kabul. Ein Indiz dafür, dass Afghanistan wieder zum sicheren Hafen für Terroristen wird?

Recker: Die Aufnahme von al-Zawahiri war jedenfalls ein klarer Bruch des Doha-Abkommens mit den USA. Aber es gab auch Gerüchte, dass die CIA den Tipp von einer Taliban-Fraktion selbst bekommen hat, die keine neue Konfrontation will. Es bleibt letztlich unübersichtlich. Neben dem mächtigen und als terroristisch eingestuften Haqqani-Netzwerk gibt es eben auch gemäßigte Kräfte unter den Taliban. Das gehört zu diesem chaotischen Land.

Frage: Seit dem westlichen Abzug gilt Afghanistan mehr denn je als Inbegriff des Failed State, der seine patriarchalisch-fundamentalistischen Stammesstrukturen einfach nicht überwinden will. Provokant gefragt: Ist es überhaupt sinnvoll, in so einem Land humanitäre Hilfe zu leisten oder zementiert man damit nicht das Drama?

Recker: Ich denke, humanitäre Hilfe ist in jedem noch so menschenfeindlichen Staat eine internationale Pflicht. Und ansonsten erhält das Taliban-Regime ja keine Hilfe aus dem Westen. Es gibt keine internationale Entwicklungszusammenarbeit mit ihnen und das zivilgesellschaftliche Engagement musste – zwangsläufig – ohnehin beendet werden.

Von Christoph Schmidt (KNA)

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