„Zanken ist leichter als Versöhnung“: Erzbischof Ntamwana wird 75

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  • Afrika - 03.06.2021

Nein, Simon Ntamwana braucht nicht wirklich Ratschläge aus Westeuropa. Kommen sie dennoch, legt er den Kopf schräg, denkt noch einen Moment nach und antwortet höflich auf Deutsch mit einem Satz wie: „Wir haben in Burundi eine Redensart, die sagt...“ Der Erzbischof von Gitega kennt Europa gut und auch seine Probleme. Und er kennt die so ganz anderen Probleme in seinem Land, Burundi. In Rom hat er über die Naturphilosophie Friedrich Schellings (1775-1854) promoviert. In Burundi beschäftigt er sich seit Jahrzehnten mit den Folgen des jahrelangen Bürgerkriegs: mit Armut, Hunger, Rechtlosigkeit, Rachegefühlen; mit Aids-Waisen, mit ethnischen Dauerfehden – und mit Versöhnung.

Erzbischof Ntamwana, der heute seinen 75. Geburtstag feiert, ist ein Wanderer zwischen den Kulturwelten – und doch in dieser wie in jener eine missionarische Persönlichkeit. Aufrecht, mit fast aristokratischer Haltung und im Priestergewand, wirkt er zuweilen, als stehe er über den Dingen. Und doch hat er all das, Krieg und Elend, selbst miterlebt. Ein Dutzend Familienmitglieder wurden in den Massakern von 1972 und im Bürgerkrieg von 1993 bis 2003 ermordet. Sein Vorgänger im Amt, Erzbischof Joachim Ruhuna: vor 25 Jahren, im September 1996, ermordet von Hutu-Rebellen.

Ruhuna öffnete während der Massaker von 1993 sein Bischofshaus für Flüchtlinge und rettete so wohl Hunderte Menschen vor ihren Mördern. So entschlossen waren im Angesicht der tobenden Gewalt in diesen Jahren nicht alle Kirchenvertreter, wie sein Nachfolger Ntamwana einräumen muss. Er selbst schrieb damals, Anfang der 90er Jahre, einen viel beachteten Offenen Brief an die Verantwortlichen in der Politik, in dem er mit dem alttestamentlichen Propheten Moses forderte: „Lass mein Volk ziehen – hin zu einem Gelobten Land für alle Burundier: Hutu, Tutsi und Twa.“ Auf diese Warnung mit Tinte floss dennoch nur zu bald viel unnötiges Blut.

Auch mit den vermeintlichen Grundannahmen des Konflikts will sich der Erzbischof nicht abfinden: „Wer will denn mit 100-prozentiger Sicherheit sagen, wer Hutu und wer Tutsi ist?“, fragt er. Die gängigen Zahlen, nach denen 85 Prozent der Bevölkerung Huti und 14 Prozent Tutsi seien, stammten noch aus der belgischen Kolonialzeit, aus den 1940er Jahren, so Ntamwana. Zudem basiere jede solche Zählung auf einer „juridischen Fiktion“: der Vererbung der Ethnie durch den Vater.

In einem nationalen Dialog zwischen Regierung und Opposition sieht er den einzigen Weg, der den Frieden nach Burundi zurückbringen könnte. „Wenn wir immer stumm bleiben, werden sich noch viele Menschen umbringen – völlig sinnlos.“

Und beim Thema Erschließung der Bodenschätze klingt gar ein Schuss Sarkasmus an. Er könne nicht verstehen, dass das Nachbarland Kongo durch Bodenschätze so reich sei, so Ntamwana – „und wir, nur 30 Kilometer weiter, nicht. Man sagt, die Nickel-Vorkommen in Burundi seien die besten der Welt. Aber Zeit, dieses Nickel auszugraben, haben wir nicht. Wir zanken. Dafür haben wir viel Zeit – weil es ja auch sehr leicht ist.“

Mit seinem Einsatz für Versöhnung trägt der Erzbischof dazu bei, dass die Institution Kirche großes Vertrauen in der Bevölkerung genießt. Knapp zwei Drittel der über 11,5 Millionen Burundier sind katholisch. Die Hunderte Schulen, Kindergärten und Wohlfahrtseinrichtungen der Kirche gehören zum wenigen, auf dem das Gemeinwesen des armen und überbevölkerten Agrarstaates gründet.

Das von Ntamwana gegründete Werk „Neues Leben in der Versöhnung“ verzeichnet großen Zulauf von Menschen, die mit ihrem Beispiel für ein Miteinander der Volksgruppen einstehen wollen. Das bedeute keineswegs eine Schwamm-drüber-Mentalität. Der Erzbischof sagt und schreibt ganz unverblümt: „Burundi wird regiert von Menschen, die getötet haben – sei es bei den Rebellen oder bei den Regierungstruppen.“ Dass solche Offenheit in einer angespannten politischen Lage auch gefährlich sein kann, quittiert Ntamwana mit einem seiner Wahlsprüche: „Lieber einsam in der Wahrheit als vereint in der Lüge.“

Kirche in Burundi

Unter der Herrschaft der einstigen Kolonialmächte Deutschland (1890-1916) und Belgien (1916-1962) wurde der Katholizismus im ostafrikanischen Burundi Mehrheitsreligion. Heute sind rund zwei Drittel der geschätzt 11,5 Millionen Burundier katholisch. Zudem gibt es 5 bis 10 Prozent Protestanten, darunter viele Anglikaner und immer mehr Pfingstkirchen US-amerikanischer Prägung, eine stark wachsende, vor allem städtische muslimische Minderheit sowie rund 20 Prozent Anhänger afrikanischer Naturreligionen.

Die katholische Kirche zählt etwa 500 Priester, davon rund 100 Ordensleute. Dazu kommen mehr als 1.000 Ordensfrauen sowie rund 5.000 Katechisten. Mit mehreren hundert Schulen und Kindergärten sowie rund 200 Wohlfahrtseinrichtungen trägt die Kirche entscheidend zur Infrastruktur des armen und überbevölkerten Agrarstaates bei.

Im Zuge des Bürgerkriegs (1993-2003) hatte die Kirche nach Aufrufen zu Gewaltlosigkeit viele Märtyrer zu verzeichnen, darunter 1996 Erzbischof Joachim Ruhuna von Gitega sowie Ende 2003 den päpstlichen Nuntius, Erzbischof Michael Courtney. Zugleich gab es aber auch Täter und Mitläufer in den eigenen Reihen, räumt Erzbischof Simon Ntamwana ein.

Mit vielen Projekten setzen sich Kirchenvertreter für eine nationale Versöhnung zwischen den Bevölkerungsgruppen der Hutu und Tutsi ein. Kirchliche Stellen vergeben Kleinkredite für Händler und Handwerker und kümmern sich um Aids-Waisen.

Von Alexander Brüggemann (KNA)

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