Zu Hause sterben wir langsam

  • Reportage - 23.10.2020

Sie haben Freunde unter der glühenden Wüstensonne sterben sehen, wurden überfallen, entführt, gefoltert. Jetzt warten die jungen Männer in Agadez, Nigers Tor zur Sahara, auf ihre nächste Chance. Sie wissen, dass die Flucht nach Europa lebensgefährlich ist, aber werden es wieder versuchen.

„In God we trust“ hat jemand mit weißer Farbe an die Wand gepinselt. Es klingt wie ein trotziger Protest gegen diesen trostlosen Ort. In dem Lehmbau gibt es nichts als zwei nackte Räume – keine Küche, kein Bad, kein Wasser. „Wenn wir schlafen gehen, legen wir Kartons auf den Boden“, sagt Emmanuel. Er kommt aus Nigeria und ist seit fünf Jahren auf der Flucht. „Wir haben Angst“, gesteht Thomas aus Liberia. „Der Besitzer will die Miete eintreiben, und wir haben kein Geld.“ 45 Euro im Monat kostet das Quartier, das sich drei Dutzend Flüchtlinge teilen. Manche leben wochenlang hier, andere Monate. Sie suchen sich Gelegenheitsjobs, verrichten Handlangerdienste oder betteln – bis sie Geld genug haben und einen Schleuser finden, der sie durch die Sahara bringt.

Die Einwohner von Agadez, einer 120 000 Einwohner-Stadt im Norden des Niger, nennen die Flüchtlingsquartiere „Ghetto“. Die Menschen darin bleiben unsichtbar: Migranten aus Guinea, Liberia, Sierra Leone, Mali oder Nigeria, die vor bitterer Armut oder blutigen Konflikten in ihrer Heimat geflohen sind. Seit der Niger 2016 auf Druck der EU begonnen hat, die Migrationsrouten zu schließen, stellt Gesetz 2015-36 alles unter Strafe, was den Transport von Flüchtlingen unterstützt. Wer sie befördert oder ihnen Quartier gibt, riskiert bis zu 30 Jahre Haft oder hohe Geldbußen. Im Gegenzug erhält der Niger von der EU rund eine Milliarde Euro: viel Geld für ein Land, das auf dem Index für menschliche Entwicklung das Schlusslicht bildet.

Der Tuareg Ahmed Bagouche (52) (links) arbeitet für die Caritas in Agadez in einem Projekt mit Migranten. Die Stadt am Rande der Sahara ist das Drehkreuz zur Flucht nach Europa,

Hartmut Schwarzbach/Missio Aachen

Der Versuch, den Flüchtlingsstrom nach Europa abzuschneiden, ist dadurch nur teilweise gelungen. „Jeden Tag kommen neue Migranten“, sagt Ahmed Bagouche, ein hochgewachsener, freundlicher Mann mit Sonnenbrille und Turban. „Jeden Tag gehen welche.“ Die alte Handelsstadt Agadez mit ihrer weltberühmten Lehmarchitektur war schon immer Transitzone. Früher machten hier Kaufleute, Touristen und arbeitssuchende Afrikaner auf dem Weg nach Algerien oder Libyen Halt. Nach dem Sturz von Muammar al-Gaddafi 2011 verlagerte sich das Geschäft auf Schwarzafrikaner mit Ziel Europa. Verwaltung, Militär, Herbergsgeber, Transportunternehmen: Alle verdienten am Durchgangsverkehr. Das neue Gesetz hat die gesamte Reisebranche kriminalisiert und mehr als 6000 Menschen arbeitslos gemacht.

Bagouche gehört zum Stamm der Tuareg, ist Muslim wie 99 Prozent der 20 Millionen Einwohner des Niger – und arbeitet für die katholische Kirche. Der 53-Jährige nennt sich „Animateur“. Seine Arbeit in der Flüchtlingshilfe der Caritas aber ist vor allem Seelsorge. Bagouche besucht die Migranten, redet mit ihnen, tröstet sie in ihrer Verzweiflung. Wo sie leben, erfährt er nur hinter vorgehaltener Hand. Die Leute sind vorsichtig geworden – genau wie die Flüchtlinge. „Sie haben Angst, dass wir Polizeispitzel sind“, sagt er. Wenn einer der jungen Männer krank wird, verständigt Bagouche das Rote Kreuz. Materiell kann er kaum helfen. Die Mittel reichen vorne und hinten nicht. Wenigstens hat die Caritas dafür gesorgt, dass es nun ein paar Decken und Matten auf dem Zementboden gibt. „Manchmal, wenn ich sehe, dass sie gar nichts haben, gebe ich ihnen etwas von meinem Lohn“, sagt er. „Ich helfe gern.“

Pfarrer Maxim Pascal Traoré (34) besucht den muslimischen Tuareg und Caritas-Mitarbeiter Ahmed Bagouche und seine Familie. Für symbolische Fotos reichen sie sich die Hand und geben ein Zeichen des Friedens.

Hartmut Schwarzbach/Missio Aachen

Interreligiöse Soforthilfe

Jeden Mittwoch ab sechs Uhr morgens stehen katholische und muslimische Frauen in der Küche von St. Augustin und kochen gemeinsam für die Flüchtlinge. Dann fahren sie mit Bagouche und dem Pfarrer der kleinen katholischen Gemeinde in die Ghettos und verteilen rund 140 Mahlzeiten. „Viele haben ein, zwei Tage lang nichts gegessen“, erzählt Pater Maxime Pascal Traoré, 36. „Die meisten wollen über ihr Leben sprechen. Sie suchen jemanden, dem sie vertrauen können.“ Die jungen Männer rufen ihn „Père“, Bagouche nennen sie „Baba“. Beides heißt Vater.

Durch die Corona-Krise ist die Arbeit der beiden noch schwieriger geworden: „Es ist nicht einfach, die Migranten zu finden“, sagt Pater Maxime Pascal. Sie verstecken sich außerhalb der Stadt, weil sie Angst haben, zurückgeschickt zu werden. Aber uns vertrauen sie.“ Deshalb fahren er und Bagouche nun viele Kilometer, um den Flüchtlingen zu helfen.

Die Ziele der jungen Männer sind Deutschland, die USA oder Kanada, wo sie auf ein menschenwürdiges Leben in Frieden und Sicherheit hoffen. Dafür sind sie tagelang in Bussen und Lkws unterwegs, gehen Hunderte Kilometer zu Fuß und schleichen sich im Schutz der Dunkelheit über die Grenzen. „Ich war sechs Monate im Gefängnis“, berichtet Daniel, den Milizen in Mali festgenommen haben. Amadu haben Araber in der Sahara überfallen und ihm die linke Hand gebrochen. Ibrahim wurde in Libyen entführt. „Sie haben mich jeden Tag geschlagen, meine Familie angerufen und 2500 Dollar erpresst.“

Massengrab Sahara

Der gefährlichste Teil der Flucht jedoch ist die Passage durch die Sahara. Die Wüste ist mehr als dreimal so groß wie das Mittelmeer – und tötet grausam. UN-Organisationen schätzen, dass auf einen Ertrunkenen mindestens doppelt so viele Tote in der Sahara kommen. Thomas hat vier Anläufe genommen, um sie zu durchqueren. Er schildert, wie er mit anderen tagelang durch den Sand irrte. Die Schleuser hatten sie ausgesetzt und ihnen gesagt, sie sollten dem Wind folgen. „Unser Wasser war schnell aufgebraucht. Wir haben unseren Urin getrunken, um zu überleben.“ Trotzdem will Thomas es wieder versuchen. Freunde in Liberia haben ihm Geld für die Flucht geliehen. Er kann unmöglich mit leeren Händen zurückkehren. Wie ihm geht es den meisten. Ihre Familien haben sich hoch verschuldet, damit einer den Sprung in eine bessere Welt schafft und die Verwandten in der Heimat unterstützt.

Bagouche will den jungen Männern die Hoffnung nicht nehmen. Aber er warnt vor falschen Erwartungen. Er spricht über die Toten in der Wüste, überfüllte Schlauchboote auf dem Mittelmeer, Überfälle, Gefängnis und Folter. „Viele kennen die Realität nicht“, sagt er. „Andere wollen trotzdem gehen. Sie sagen: ,Zu Hause sterbe ich langsam.‘“

Die Millionen aus Europa flössen vor allem in Polizei, Militär und Auffanglager, kritisiert der Bischof von Maradi, Ambroise Ouédraogo. Wichtiger wären gerechte Handelsbeziehungen und der Kampf gegen Armut, „einer der Hauptgründe für Migration in Afrika“. Solange sich daran nichts ändert, werden Ibrahim, Daniel, Thomas und die anderen sich nicht aufhalten lassen. Denn alles ist besser, als langsam zu sterben.

Fluchtrouten

Für Migranten ist der Niger einer der wichtigsten Transitstaaten auf dem Weg nach Europa. 2015 durchquerten zeitweise mehr als 5000 pro Woche das Land, seit die Regierung auf Druck der EU die Fluchtrouten blockiert, etwa 10 000 pro Jahr. Die meisten Flüchtlinge kommen aus Guinea, Sierra Leone, Liberia, Mali oder Nigeria. In Agadez suchen sie Schleuser, die sie durch die Sahara nach Libyen bringen. 80 Prozent aller Migranten Afrikas bleiben jedoch auf dem Kontinent und suchen in einem Nachbarland Arbeit.

Von Beatrix Gramlich

© Text: Missio Aachen