Misereor-Expertin zu Flüchtlingen in Syrien und Irak

  • Flucht und Asyl - 04.11.2019

Seit 2011 herrscht in Syrien Krieg. Seitdem sind Hunderttausende auf der Flucht – vor allem innerhalb Syriens, in die Nachbarländer sowie nach Europa und in andere Drittstaaten. Mit der Militärintervention der Türkei im Nordwesten Syriens ist die Lage für die dortigen Flüchtlinge, darunter viele kurdischer und jesidischer Herkunft, noch schwieriger geworden. Viele sehen sich schon zum wiederholten Mal gezwungen zu fliehen. Astrid Meyer ist seit 2013 als Nahost-Expertin für das Hilfswerk Misereor tätig. Im Interview spricht sie über die verzweifelte Lage dieser Flüchtlinge.

Frage: Frau Meyer, Sie sind vor kurzem von einer Reise für das Entwicklungshilfswerk Misereor in den Nordirak zurückgekehrt. Welchen Eindruck haben sie von der dortigen politischen Situation?

Meyer: Das Ganze ist sehr komplex. Die Situation in der Region ist hoch explosiv. Alleine im Nordirak könnte die Lage jederzeit eskalieren. Zwischen Erbil, der Hauptstadt der Autonomen Region Kurdistan, und Bagdad gibt es seit Jahren viele Zerwürfnisse.

Außerdem gibt es verschiedene rivalisierende Milizen. Eine der einflussreichsten davon ist die vom Iran unterstützte schiitische Haschd asch-Schabi, die von der Bevölkerung sehr gefürchtet wird. Das gilt besonders für die Regionen, die nach dem Referendum unter zentralirakischer Verwaltung stehen, zum Beispiel in Kirkuk, wo es zuletzt auch wieder zu Aufständen gekommen ist. Zwar ist Bagdad hier in der Pflicht die Sicherheit zu gewährleisten, überlässt dies aber leider der Miliz.

Erschwerend hinzu kommt jetzt noch das türkische Militär, dessen Aktionen, wie wir jetzt gesehen haben, sehr viel weiter greifen als erwartet wurde.

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Frage: Wie ist die Situation für die Flüchtlinge vor Ort? Lassen sich noch Strukturen erkennen oder herrscht Chaos?

Meyer: Das kommt darauf an. In den Flüchtlingscamps im Nordirak sind Strukturen erkennbar. Aber in den letzten Jahren gingen die Mittel stetig zurück. Und das obwohl alleine im Regierungsbezirk Dohuk – an der Grenze zu Syrien und zur Türkei – schon seit Jahren rund 385.000 Binnenvertriebene leben. Die Grundversorgung in den Camps wird immer dürftiger. Die Menschen bekommen noch gerade das, was sie zum Leben brauchen.

Frage: Wie gestaltet sich die Situation außerhalb der Flüchtlingscamps?

Meyer: Schwierig. Es gibt kaum systematische Erhebungen, um zu wissen, wo sich welche Vertriebenen aufhalten und wie es denen geht. Außerhalb der Camps werden die Menschen allgemein in vier Kategorien unterteilt: Flüchtlinge, Binnenvertriebene, ansässige Bevölkerung und Rückkehrer. Ich bezweifle allerdings, dass diese Kategorien angesichts einer seit Jahren andauernden Krise noch sinnvoll sind. Misereor und seine Partner legen deswegen ihre Unterstützungsmaßnahmen auf die mehrfach geflohene Bevölkerung außerhalb der Camps.

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Frage: Wie ist die Situation für die Betroffenen?

Meyer: Es ist frustrierend. Gerade die Lage der Neuankömmlinge ist verzweifelt. Zwischen den einzelnen Gruppen gibt es allerdings noch Unterschiede: So werden die Syrer als fleißige Arbeitskräfte im Irak noch durchaus geschätzt, auch wenn sie Gefahr laufen, ausgebeutet zu werden. Bei den Jesiden ist das deutlich schlimmer. Sie haben im Prinzip keine Hoffnung auf Rückkehr. Über die Jahre verfallen viele in eine gewisse Lethargie und fühlen sie sich wie Menschen zweiter Klasse. Sie brauchen unbedingt Unterstützung.

Frage: Angenommen, es käme zu einer dauerhaften Waffenruhe in Syrien: Welche Perspektive hätten die Binnenvertriebenen?

Meyer: Sie haben die Wahl zwischen Pest oder Cholera. Wer kann, versucht über die „Grüne Grenze“, also die inoffiziellen Grenzübergänge, in den Nordirak zu kommen. Bereits verarmte Familien stehen deswegen nun noch unter dem weiteren Druck hoher Verschuldung, weil die Schleuser hohe Summen verlangen.

Diejenigen, die in den kurdischen Nordosten Syriens geflohen sind, haben in der Regel bereits mehr als eine Flucht hinter sich. Wenn sie nun in die Hände der syrischen Sicherheitskräfte fallen, drohen sie unter Generalverdacht als Rebellen oder Extremisten zu stehen.

Frage: Inwieweit ist es für Sie noch möglich, den Menschen in den Krisengebieten zu helfen?

Meyer: In Nordsyrien ist momentan keine Hilfe möglich. Hier herrscht Kriegszustand und die Hilfsorganisationen haben ihr Personal abgezogen. Internationale Hilfe ist unter diesen Voraussetzungen nicht möglich. Dort klafft jetzt eine Versorgungslücke, bei der nicht absehbar ist, wer sie füllt. Unsere Partner unterstützen die Menschen im Rahmen bestehender Projekte im Einzugsgebiet von Aleppo nach Kräften.

Im Nordirak sieht das noch etwas anders aus. Misereor arbeitet hier mit lokalen Partnern zusammen, wie etwa der kurdischen Jiyan Foundation. Die Kooperation läuft trotz aller Schwierigkeiten sehr gut.

Frage: Welche Schritte müssten jetzt auf internationaler Ebene getan werden, um den Menschen zu helfen?

Meyer: An erster Stelle muss es in Nordsyrien Waffenruhe geben. Und die Zeit muss genutzt werden, um die Voraussetzungen für humanitäre Hilfe zu schaffen, ausnahmslos für alle Bedürftigen.

Von Johannes Senk (KNA)

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