Enkel des Apartheid-Erfinders kämpft für Versöhnung

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  • Südafrika - 29.08.2019

Politik, Religion und eine Erbsünde bestimmen von Beginn an das Leben von Wilhelm Verwoerd. Sein Großvater gilt als Architekt der Rassentrennung in Südafrika. Den Familiennamen setzt er heute für Versöhnung ein.

Ein Baby sitzt auf dem Schoß seines Großvaters und trinkt aus einem Fläschchen. Wenige Monate später wird der alte Mann durch mehrere Messerstiche getötet. Es ist ein politisch motivierter Mord; der Grauhaarige ist Hendrik Frensch Verwoerd (1901-1966), Premierminister der Republik Südafrika. Er gilt als „Architekt der Apartheid“, wird als solcher bis heute von vielen verehrt und von einer weitaus größeren Zahl gehasst.

Das Baby auf dem Foto ist heute 55 Jahre alt und versucht zu reparieren, was sein „Oupa“ einst durch seine Hassideologie verdarb. Wilhelm Verwoerd setzt sich in Südafrika für Versöhnung ein. Doch das ist nicht immer leicht, wenn der Großvater einen vergleichbaren Ruf genießt wie Adolf Hitler in Deutschland.

Von klein an wurde Wilhelm Verwoerd eingepflanzt, dass es getrennte Welten für Schwarz und Weiß gebe: getrennte Strände, Schulen und Wohnbezirke. Dass sein Großvater auf diesem System einen ganzen Staat aufgebaut hatte, erfüllte ihn damals mit „Stolz“. Der Name des Getöteten war in Südafrika allgegenwärtig; Schulen, Straßen, sogar ein Flughafen waren nach ihm benannt. Für die schwarze Bevölkerung blieben sie alle verschlossen.

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Erst sein Studium in Europa öffnete Wilhelm Verwoerd die Augen dafür, dass es eine Realität abseits des Rassenwahns gab. „Als ich begann, schwarze Südafrikaner zu treffen, und mit Anfang 20 mehr politisches Bewusstsein entwickelte, begriff ich, dass mein Opa ein Symbol des Hasses war. Er war die Personifizierung eines Systems, das meine Mitbürger systematisch entmenschlichte.“ Auch keimte in Verwoerd erstmals die Frage auf, ob weiße Südafrikaner bis heute eine kollektive Schuld für die Verbrechen des Apartheid-Regimes trügen.

Zurück in Südafrika trat der damalige Student dem Afrikanischen Nationalkongress (ANC) bei. Er traf auf Nelson Mandela, unterstützte bei den ersten demokratischen Wahlen 1994 die Kampagne der heutigen Regierungspartei und arbeitete unter Erzbischof Desmond Tutu für die Wahrheits- und Versöhnungskommission.

Doch in seine Familie trieb seine ideologische Kehrtwende einen tiefen Keil. Der Vater beschuldigte ihn, das burische Volk und seinen Großvater „verraten“ zu haben. Sein Cousin, der bis heute in der Weißen-Enklave Orania lebt, unterstellte ihm einen „Angriff auf das Familienerbe“.

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Heute setzt sich Wilhelm Verwoerd für die Versöhnung in dem Vielvölkerstaat ein, unter anderem als Mitarbeiter der „Abteilung für Historisches Trauma und Wandel“ an der Uni Stellenbosch. Auch in der Niederländisch-Reformierten Kirche will er ein Umdenken anstoßen. Denn die Kirche hatte die Rassentrennung von religiöser Seite gerechtfertigt – und ringt bis heute mit der Vergangenheit. „Die Menschen sind zufrieden mit ihrer Wohltätigkeits- und Missionsarbeit. Aber sobald es um Restitution geht, wahre Versöhnung, scheint es ausweglos.“

„Schaut den Fels an, aus dem ihr gehauen seid“ – dieses Bibelzitat gab „Ouma Betsie“, die Frau des verhassten Politikers, ihrem Enkel mit auf den Weg. Um die Familiengeschichte aufzuarbeiten, begab sich Verwoerd auf Spurensuche und veröffentlichte das Ergebnis nun als Buch. Wer war sein „Oupa“, abgesehen von einem politischen Tyrannen? „Die einzige Quelle, die mir einen Einblick gab, war das Tagebuch meiner Großmutter.“ Darin lernte er den Hassideologen erstmals als liebenden Familienvater, fürsorglichen Chef und Menschen kennen.

Dennoch: Den „Missionar des Hasses“ und seinen Großvater als dieselbe Person anzuerkennen – daran scheitert Verwoerd bis heute. Er habe Angst gehabt, sein Buch könne als Versuch missverstanden werden, den Ruf des Apartheid-Architekten aufzupolieren. Doch das sei keineswegs seine Absicht. Ironischerweise bestärkte ihn genau jene Gruppe darin, das politische Monster als Vorfahr zu akzeptieren, von der er es am wenigsten erwartet hätte: seine schwarzen Freunde. „Das erlaubt mir zu sagen, er ist mein Oupa. Aber zugleich ist er die Personifizierung der Apartheid.“

Zudem schöpfte Verwoerd daraus neuen Mut, sich gegen seine Familie aufzulehnen. „Ich fühlte, dass hier eine tiefere Form von Verrat mitspielte, über die wir reden mussten. Wir hatten Blut an den Händen und waren verantwortlich für ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit.“ Nach langem Ringen mit sich selbst betrachtet er seinen Nachnamen heute als Vorteil im Kampf um Versöhnung. Er unterstreiche die Dringlichkeit von sozialer Gerechtigkeit.

Von Markus Schönherr (KNA)

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