Kamerun führt die Liste der vergessenen Krisen an

  • Kamerun - 05.06.2019

Das Zentrum zur Beobachtung von Binnenvertreibung (IDMC) des Norwegischen Flüchtlingsrats (NRC) führt die Unruhen in Kamerun an der Spitze seiner Liste der vergessenen Krisen. Hinter Kamerun folgen auf dem am Mittwoch in Oslo veröffentlichten Ranking der Kongo und die Zentralafrikanische Republik.

„Die internationale Gemeinschaft ist am Steuer eingeschlafen, wenn es um die Krise in Kamerun geht“, erklärte NRC-Generalsekretär Jan Egeland. Auf „brutale Morde, niedergebrannte Dörfer und Hunderttausende Vertriebene“ sei die Reaktion „ohrenbetäubendes Schweigen“.

Kamerun - 21.03.2019

Nach vier politisch motivierten Entführungen in zwei Tagen äußern sich Menschenrechtler besorgt über die Lage im englischsprachigen Teil Kameruns. Die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) fordert einen besseren Schutz der Zivilbevölkerung.


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Egeland forderte das Ende einer „Kultur der Lähmung durch die internationale Gemeinschaft“. In Kamerun gebe es aufgrund Auseinandersetzungen in den englischsprachigen Gebieten rund eine halben Million Binnenflüchtlinge im Südwesten und Nordwesten. Bislang habe es rund 1.800 Todesopfer gegeben. Etwa 1,3 Millionen Menschen bräuchten humanitäre Hilfe. Das NRC hat in seinem Bericht die Anzahl der vertriebenen Menschen, die Medienaufmerksamkeit, die Hilfsgelder und den politischen Hilfswillen zu einem Index kombiniert.

„Diese deprimierende Liste sollte uns als Weckruf dienen“, betonte Egeland. Dringend nötige Veränderungen seien nur mit mehr internationaler Aufmerksamkeit möglich. Die Liste komplettieren Burundi, die Ukraine, Venezuela, Mali, Libyen, Äthiopien und Palästina.

Sechs Tote nach Ausschreitungen in Kamerun

In der anglophonen Region Kameruns kam es unterdessen am Dienstag erneut zu schweren Ausschreitungen. Bei einem Angriff von Dutzenden jungen Menschen auf die Stadt Wum in der Region Nordwest sind mindestens sechs Menschen gestorben. Auch wurden Dutzende Häuser niedergebrannt, wie Radio France Internationale (RFI) am Mittwochmorgen berichtete.

Auslöser für den Überfall soll der Fund der Leiche eines Stammesführers gewesen sein. Der Angriff auf Wum wird als Racheakt gewertet. Augenzeugen kritisierten laut RFI, dass die Sicherheitskräfte nicht eingegriffen hätten.

Im anglophonen Teil Kameruns, wo etwa 20 Prozent der 25,6 Millionen Einwohner leben, herrscht seit Herbst 2016 eine schwere Krise. Mehr als 530.000 Menschen sind auf der Flucht. Neben Forderungen nach mehr Selbstbestimmung gegenüber dem frankophonen Landesteil und Kritik an der Regierung in Yaoundé kommt es auch zu ethnischen Konflikten.

© KNA