Wirtschaftsethiker: „Kirche muss Leitbilder für Klimaschutz anbieten“

  • Jahrestagung Weltkirche und Mission - 31.05.2019

Wirtschaftliche Effizienz nicht „verteufeln“, sondern einen Kompromiss finden zwischen wirtschaftlicher Wettbewerbsfähigkeit und einem möglichst geringen Rohstoff- und Energieverbrauch. Dafür plädierte der Wirtschaftsethiker Prof. Dr. Dr. Johannes Wallacher mit Blick auf das Thema „Klimagerechtigkeit“ bei der Jahrestagung Weltkirche und Mission. Ganz konkret brachte er etwa den Vorschlag ein, eine CO2-Abgabe einzuführen. Wie das genau aussehen könnte, erklärt er im Video-Interview.

Wirtschaftsethiker: „Kirche muss Leitbilder für Klimaschutz anbieten“

Interview mit dem Wirtschaftsethiker Johannes Wallacher über Klimagerechtigkeit.

Claudia Zeisel

Damit unsere Gesellschaft bis 2050 klimaneutral werden kann, müssen nach Ansicht des Experten die einzelnen gesellschaftlichen Akteure miteinander im Gespräch bleiben. Die Kirche sollte den Dialog suchen mit der Politik, Zivilgesellschaft, Wissenschaft und eben auch der Wirtschaft. Dabei sollte die Kirche für politische Leitbilder und Maßnahmen eintreten und selbst mit gutem Beispiel vorangehen, um glaubwürdig für Klimagerechtigkeit werben zu können.

Prof. Wallacher ist Präsident der Hochschule für Philosophie der Jesuiten in München und ist Vorsitzender der Sachverständigengruppe „Weltwirtschaft und Sozialethik“
der Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz. 2018 brachte die Sachverständigengruppe eine neue Studie heraus zum Thema „Raus aus der Wachstumsgesellschaft? Eine sozialethische Analyse und Bewertung von Postwachstumsstrategien“. Darin plädieren die Wissenschaftler für eine sozial-ökologische Modernisierung von Wirtschaft und Gesellschaft.

Bei der Jahrestagung Weltkirche und Mission in Würzburg wurde drei Tage lang über ethische und politische Herausforderungen für die Klimagerechtigkeit diskutiert.

Frage: Professor Wallacher, die „Fridays for Future“-Bewegung zeigt, dass in der Gesellschaft etwas im Gange ist: Es entsteht ein neues Bewusstsein, dass die Themen Klimaschutz und Klimagerechtigkeit alle etwas angehen. Was kann die Kirche tun, um jetzt die richtigen Antworten zu finden?

Wallacher: Die Kirche hat vor allen Dingen den Part, aufzuzeigen, dass es beim Klimaschutz und dem Wandel in der Gesellschaft auch um kulturelle Fragen geht. Hier ist es ganz wichtig, dass die Kirche ihren Beitrag leistet aus ihrer eigenen Perspektive und Tradition, der Schöpfungstheologie – auch im Hinblick auf die Frage, was ein gutes Leben ausmacht. Gleichzeitig muss sie diese Perspektive aber auch nutzen, um für politische Leitbilder und Maßnahmen einzutreten, die umsetzbar sind. Hier darf Suffizienz nicht gegen Effizienz ausgespielt werden, sondern wir müssen aufzeigen, wie beide sich wechselseitig ergänzen im Hinblick auf das große Ziel, unsere Gesellschaften bis 2050 klimaneutral zu gestalten. Das ist ein großer Auftrag. Ganz unerlässliche Voraussetzung dafür ist, dass die Kirche in ihrem eigenen Bereich zeigen kann, dass sie glaubwürdig dieses Thema in all seinen Facetten – sei es in der Verkündigung oder im Umgang mit Liegenschaften, Gebäuden und Land vertritt und entsprechende Zeichen setzt.

Frage: Ist es notwendig, dass die Kirche hier eine geschlossene Position entwickelt? Von der Deutschen Bischofskonferenz gibt es ja ein neues Thesenpapier zum Klimaschutz

Wallacher: In der Grundorientierung sind wir uns ja einig und es gibt einen klaren Kompass mit der Soziallehre, dem Konzept der integralen Entwicklung von Populorium Progressio, das weiterentwickelt wurde von Papst Franziskus in Laudato si‘ mit der Humanökologie und dem Verhältnis zwischen Menschen und Schöpfung. Aber daraus müssten konkrete Leitbilder erwachsen, wie wir den gesellschaftlichen Umbau auch schaffen. Hierfür ist es wichtig, dass wir im Gespräch bleiben mit anderen gesellschaftlichen Akteuren, mit der Wissenschaft, mit der Zivilgesellschaft und auch mit der Wirtschaft und der Politik. Im Dialog können wir unsere Orientierung einbringen für Lösungen, die wirklich wirksam sind für den Klimaschutz, die sozial gerecht sind und effizient umgesetzt werden können. Das sind die drei Maßstäbe und an denen muss sich auch kirchliches Handeln, was die politische Parteinahme angeht, orientieren.

Dossier

Die Jahrestagung 2019 verknüpft die Herausforderungen durch den Klimawandel mit Gerechtigkeitsfragen. Wie kann das Postulat einer geteilten, aber unterschiedlichen Verantwortung anhand konkreter sozial-politischer Herausforderungen eingelöst werden?


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Frage: Eine konkrete Maßnahme wäre die CO2-Abgabe, wie sie derzeit politisch diskutiert wird. Was halten Sie davon?

Wallacher: Ich halte das momentan für das bevorzugte Argument. Sie haben es richtigerweise nicht CO2-Steuer genannt, sondern CO2-Abgabe, weil es letztlich darum geht, dass wir die externen Kosten, die wir mit unserem Umweltgebrauch verursachen, dadurch kenntlich machen. Diese CO2-Abgabe muss aber so ausgestaltet werden, dass sie sozialverträglich ist. Das heißt, wir müssen Mechanismen finden, dass die sozial Schwächeren dadurch nicht belastet werden, sondern sich die Abgaben auch leisten können. Und wir müssen darauf schauen, dass die Abgaben wirtschaftsverträglich sind in dem Sinne, dass die Wettbewerbsfähigkeit gegenüber anderen Ländern nicht drastisch zurückgeht. Aber dafür gibt es Lösungen, wie wir auch in unserer Studie „Raus aus der Wachstumsgesellschaft?“ gezeigt haben. Ich denke, in der momentanen gesellschaftlichen Debatte wird es klar, wenn wir etwa die Stromsteuer senken würden, dass wir mit der Einführung einer solchen CO2-Abgabe nicht mehr Belastungen für die Menschen und die Wirtschaft bringen, sondern einen zielgerichteten Beitrag zur Dekarbonisierung der Gesellschaft.

„Die Kirche muss beim Klimaschutz selbst glaubwürdig sein.“

— Johannes Wallacher, Präsident der Hochschule für Philosophie München

Frage: Die Enzyklika Laudato si‘ ist gerade vier Jahre alt geworden. Hat sich im Dialog der Kirche mit den Wissenschaften hierdurch etwas geändert? Werden Wissenschaftler mehr gehört als vorher?

Wallacher: Von Seiten der Naturwissenschaftler und den Klimaökonomen gibt es ein großes Interesse an Impulsen aus Laudato si‘. Die Kirche hat den Auftrag, den Beitrag so konstruktiv zu leisten, dass er auch an der Kirchenbasis mitgetragen wird. Das innerhalb der Kirche sehr wichtige Symbolhandeln muss verbunden werden mit der Frage der politischen Umsetzung. Diese Dinge müssen wir zusammenbringen. Sie muss Dialogpartner auf Augenhöhe bleiben – nicht nur mit der Zivilgesellschaft, wo wir relativ gut verankert sind – sondern auch mit der Politik und der Wirtschaft.

Frage: Die Amazonas-Synode im Vatikan ist das nächste große Ereignis zum Thema Umwelt und Klimaschutz in der Kirche. Was sind hier Ihre Erwartungen?

Wallacher: Ich glaube, dass der Amazonas ein Brennpunkt der ökologischen und sozialen Fragen unserer Zeit ist. Da wird die Frage zu klären sein, welche Rolle indigene Kulturen spielen. Wir sprechen heute ja viel über den Verlust der Artenvielfalt. Wir müssen genauso reden über den Verlust der kulturellen Vielfalt. Es geht nicht nur um ökologische, sondern auch um pastorale Fragen. Die Synode kann ein wichtiger Impuls sein für die Frage der kirchlichen Transformation an sich. Aber auch ein Impuls, mit dem man zeigen kann, dass wir als global operierende Kirche auch die Netzwerke, die wir haben, nutzen für einen Dialog, der die Weltgemeinschaft bereichern kann im Hinblick auf die Frage, wie wir gemeinsam Lösungen finden können.

Das Interview führte Claudia Zeisel

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