Afrika-Museum zeigt Schatten der Kolonialzeit im Kongo

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  • Bildung - 10.12.2018

Nach fünf Jahren Umbau hat Premierminister Charles Michel an diesem Samstag das Afrika-Museum in Tervuren bei Brüssel wiedereröffnet. Es will eine neue Debatte zu Belgiens kolonialer Vergangenheit anstoßen.

Die Namen auf den Fenstern werfen Schatten auf die leere Wand dahinter. Je stärker die Sonneneinstrahlung, desto klarer erscheinen die Namen Samba, Zao, Mibange auf der Wand. Sie sind drei von sieben Kongolesen, die in Tervuren begraben liegen, gestorben zwischen 1876 und 1908 während Belgiens brutaler Kolonialherrschaft im Kongo. Samba, Zao und Mibange stehen für die ungezählten Kongolesen, die damals ihr Leben verloren. Über den Schatten sind allein 1.508 Namen in die Wand gemeißelt.

Die Schatten im Afrika-Museum stehen für einen Neuanfang. „Das Museum muss völlig umstrukturiert werden“, sagt Museumsdirektor Guido Gryseels auf dem Bild „Umstrukturierung“ am Eingang des Museums aus dem Jahr 2002, ein Werk des kongolesischen Volksmalers Cheri Samba. Gryseels gab es selbst in Auftrag. Es zeigt das Zerren zwischen Afrikanern und Museumsmitarbeitern um die umstrittene Skulptur des „Leopardenmenschen“ von Paul Wissaert aus dem Jahr 1913.

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Nur zäh und langsam kamen die Renovierungsarbeiten in den vergangenen 16 Jahren voran – so wie die Debatte in Belgien über seine koloniale Vergangenheit überhaupt. Das Bild des Volksmalers gehört zum neuen Konzept des Museums. „Zeitgenössische Werke afrikanischer Künstler stehen in Kontrast zu den Botschaften aus der Kolonialzeit“, erläutert Gryseels. Auch das Kunstwerk „Schatten“ des Kongolesen Freddy Tsimba gehört dazu.

Die Ausstellung beginnt gleich mit der Geschichte des Museums selbst. In einem Depotraum können Besucher auch Exponate sehen, die aufgrund der kolonialen Vergangenheit ausrangiert wurden – auch den „Leopardenmenschen“. In Sälen zu Ritualen und Zeremonien, Sprache und Musik sind etwa Musikinstrumente ausgestellt. Ergänzt werden sie durch Videofilme, in denen Afrikaner erklären, was verschiedene Rituale wie Heirat oder Geburt für sie bedeuten. „Uns war es wichtig, dass nicht weiße Menschen über afrikanische Kultur reden, sondern Afrikaner von der Kultur erzählen, die sie leben“, so der Direktor für den Besucherbereich des Museums, Bruno Verbergt.

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Ein zentrales Exponat ist ein 22 Meter langes Holzboot von 3,5 Tonnen Gewicht. König Leopold III. soll es 1957 bei einer Kongo-Rundreise geschenkt worden sein. „Hier wollen wir bewusst dem Besucher mitteilen, dass es durchaus sein könnte, dass die Einwohner von Ubundu dem König das Boot nicht freiwillig geschenkt haben“, so Verbergt. Nachdenken über den Umgang mit dem kolonialen Erbe – das zieht sich durch das gesamte Museum. Auch auf die Wortwahl wird Wert gelegt. „Wir sprechen auch nicht mehr von Stämmen, sondern nur noch von Völkern“, betont Verbergt.

In den Räumen zu Landschaften und Artenvielfalt reiht sich ein lebensgroßer Elefant an eine Giraffe, Affen und einen riesigen Viktoria-Barsch. In der Ausstellung zu den Mineralien Afrikas soll es um das Paradox gehen, dass viele Länder dort sehr reich an Bodenschätzen sind – die Bevölkerung aber bettelarm. Ein kleines Museum im Museum ist der „Saal der Krokodile“. Er zeigt die Ausstellung, wie sie 1922 aussah. In der Mitte zwei lebensgroße Krokodile; rundherum sind Schmetterlinge und andere Insekten ausgestellt.

Es riecht noch nach frischem Holz in den prachtvollen Hallen des 1910 fertiggestellten palastartigen Gebäudes. Die 45 Anagramme von König Leopold II. (1835-1909) schmücken das Museum immer noch, genauso wie die prachtvollen Wandmalereien. Auch die Beschriftung einer goldenen Statue ist noch zu sehen: „Belgien bringt Zivilisation in den Kongo“. Ein Kunstwerk von Aime Mpane, ein zwei Meter großes Profil eines Afrikaners aus Holz, soll ein Gegengewicht dazu sein. Bislang fehlt noch eine Beschriftung; die Audioguides sind noch nicht fertig.

Ayoko Mensah sieht das Museum mit gemischten Gefühlen. Die Französin togolesischer Abstammung ist im Brüsseler Museum BOZAR für afrikanische Kunst zuständig und gehörte zu der Gruppe, die das Museum beim Umbau beraten hat. „In den Säalen zur Biodiversität habe ich das Gefühl, dass unsere Anmerkungen mit in die Ausstellung eingeflossen sind“, sagt sie.

Die Räume zur Kolonialgeschichte sieht sie kritischer. Die Ecke zur „Entkolonialisierung“ ist ihr zu klein. Zudem werde die Ermordung des ersten kongolesischen Ministerpräsidenten und Führers der Unabhängigkeitsbewegung Patrice Lumumba 1961 zu wenig beleuchtet.

Für die Kolonialzeit steht einer der sechs großen Säle zur Verfügung. Uniformen der Kongolesen, Fotos von Missionaren, Zeitungsausschnitte und die riesige politische Landkarte des Kongo aus dem Jahr 1910 sollen diese Zeit dem Besucher näherbringen.

Ob das Museum die Gegenstände ausreichend erklärt und genügend Kontext liefert, muss sich noch zeigen. Denn viele Texte an Ausstellungsstücken und die Audioguides sind noch nicht fertig. Direktor Verbergt betont, dass Entkolonialisierung nicht von heute auf morgen passieren könne; sie sei ein Prozess. „Mit der Ausstellung stehen wir am Anfang dieses Prozesses.“