Mohammed (l.), und ihr Sohn Ahmed Dosch (r.) in einer Notunterkunft am 9. Februar 2025 in Tulkarem (Palästinensische Gebiete).
Eine Palästinenserstadt in Angst vor Israels Terrorbekämpfung

Tulkarem unter Beschuss

Tulkarem  ‐ Seit dem 21. Januar weitet Israel seine Militäroperation „Eiserne Wand“ auf immer mehr palästinensische Orte im Norden der Westbank aus. Auch in Tulkarem haben die Menschen Angst vor einer neuen Besatzung.

Erstellt: 15.02.2025
Aktualisiert: 14.02.2025
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Von Andrea Krogmann (KNA)

„Ihr müsst in normalen Zeiten nach Tulkarem kommen!“, sagt Tariq Hishme. Der junge palästinensische Journalist ist in der Stadt mit 64.000 Einwohnern im Nordwesten der von Israel besetzten palästinensischen Gebiete geboren und Lokalpatriot. „Ich nenne sie ein großes Dorf, weil alles so schön und überschaubar ist.“ Seit dem 24. Januar jedoch herrscht Ausnahmezustand. Damals weitete die israelische Armee ihre wenige Tage vorher in Dschenin begonnene Operation „Eiserne Wand“ auf Tulkarem aus. Die Israelis begründen dies mit Terrorbekämpfung. Seitdem wurden in Tulkarem mindestens neun palästinensische Einwohner getötet, darunter eine 23-jährige hochschwangere Frau und ihr Ungeborenes.

Manal al-Hafi leitet seit 26 Jahren den „Palästinensischen Roten Halbmond“ in Tulkarem. Israelische Razzien seien sie hier gewöhnt, sagt sie, aber diesmal sei vieles anders als sonst. Laut al-Hafi ist es „die längste israelische Aggression“, was ihr Team an den Rand der Erschöpfung bringe. Auch sie komme kaum zum Schlafen. Zuhause, in ihrem Dorf Deir al-Ghusun, war sie wegen der Lage seit mehr als zwei Wochen nicht mehr. Zwar sei die Armee seit der zweiten Intifada wiederholt gegen die Lager Tulkarem und Nur Schams im Norden und Osten der Stadt vorgegangen. In die Stadt sei sie aber nicht gekommen.

Jetzt aber stehen die Soldaten direkt vor al-Hafis Büro. Ein paar Meter höher liegt das Regierungskrankenhaus, dessen Zufahrten wie auch die anderer Krankenhäuser der Stadt besetzt sind. Mitarbeiter des Rettungsdienstes signalisieren den Journalisten, nicht die Aufmerksamkeit des Militärs auf sich zu ziehen. In der kleinen Seitenstraße, in der Manal al-Hafi ihren Lagebericht gibt, bittet ein besorgter Ladenbesitzer die Frau in der weiß-orangenen Weste um einen anderen Standpunkt. Auch er fürchtet sich vor den Militärjeeps.

„Die Soldaten brechen in Häuser ein, nutzen sie als Stützpunkte, indem sie die Bewohner entweder vertreiben oder festsetzen“, sagt al-Hafi. Die Straßen in den Camps seien derart beschädigt, dass die Retter Tuk Tuks oder Allradantrieb bräuchten. Das und die massiven israelischen Blockaden, an denen „jeder Rettungswagen, alle Patienten und die medizinischen Teams“ kontrolliert würden, machten die ohnehin schwierige Arbeit zur Herausforderung.

Seit dem Inkrafttreten des Waffenstillstands im Gazastreifen im Januar hat Israel seine Aufmerksamkeit auf den Norden des besetzten Westjordanlands gerichtet, besonders auf die palästinensischen Städte Dschenin, Tulkarem, Tubas und ihre Flüchtlingslager. Sie gelten als Hochburgen militanter Palästinenser. Bei ihrer Operation setzt die Armee laut Augenzeugen und Medien auf nie dagewesene Härte. Die Rede ist von zerstörter Infrastruktur, gesprengten Wohnhäusern, Massenvertreibungen und -verhaftungen.

Die Westbank könnte ein zweites Gaza werden, befürchten die Menschen hier. Nach UN-Angaben von Montag wurden inzwischen insgesamt mehr als 40.000 palästinensische Flüchtlinge aus ihren Lagern vertrieben. Der Gouverneur von Tulkarem, Abdullah Kmail, sprach gegenüber Medien von rund 85 Prozent der Bewohner beider Lager der Stadt, rund 18.000 Menschen.

„Wenn sie hier Militante sehen, sollen sie sie verfolgen.“

—  Zitat: Ahmed Dosh
Historisches Stadtzentrum in Tulkarem (Palästinensische Gebiete) am 9. Februar 2025.
Bild: © Andrea Krogmann/KNA

Historisches Stadtzentrum in Tulkarem (Palästinensische Gebiete) am 9. Februar 2025.

„Als die Israelis in das Lager eingedrungen sind, dachten wir, es werde wie jede Razzia ein paar Tage dauern, und sind geblieben“, erzählt Ahmed Dosh (Artikelbild oben, rechts) aus dem Lager Tulkarem. Doch die Armee sei immer nähergekommen, schließlich auch in ihr Viertel, und habe „wahllos auf alles und jeden geschossen, Klimaanlagen, Wassertanks“. Dann habe die Armee sie per Lautsprecherdurchsagen aufgefordert, die Häuser zu verlassen. „Sie haben die Frauen und Kinder von den Männern getrennt. Die Männer mussten sich ausziehen und einer Körperkontrolle unterziehen, bevor sie aus dem Camp geschickt wurden“, so Dosh. Seinen elektrischen Rollstuhl durfte er nicht mitnehmen. Nachbarn und sein Bruder schoben ihn im manuellen Rollstuhl über die von der Armee aufgerissenen Straßen hinaus, ein Kraftakt.

Seither sitzt Ahmed im zweiten Stock des örtlichen Gemeindesportzentrums und verlässt das zehn Quadratmeter große Zimmer nicht. Er wolle niemandem zur Last fallen. Seit zwei Wochen dient das Zentrum den Doshs und weiteren Familien als Notunterkunft. Im Eingang stapeln sich Kleiderspenden und Decken. Im Durchgang trocknet Wäsche, während Kinder durch Hof und Korridore toben. Der Fernseher im Küchenbereich zeigt Bilder aus den Lagern Tulkarem und Nur Schams. Es sind Bilder der Zerstörung.

Man sei dankbar für die Freiwilligeninitiative, sagt Ahmeds Schwester Sobhiyeh, aber die Zeit weg von zuhause sei hart. „Ich fühle mich wie ein Fisch ohne Wasser. Ohne unser Haus werde ich sterben.“ Und sie machen sich Sorgen um ihre Haustiere, die sie zurücklassen mussten. Handys mit Bildern von Wellensittichen und den fünf Familienkatzen Lulu, Zeituna, Kushi, Namura, Katja und Karamella machen die Runde. Immerhin gebe es im Camp genug Mäuse, wirft Ahmeds Mutter, Um Mohammed (Artikelbild oben, links), ein. Und den Kuchen von der Geburtstagsfeier am Tag der Vertreibung.

Die Begründung „Terrorbekämpfung“ lässt Ahmed Dosh nicht als Entschuldigung für das harte israelische Vorgehen gelten. „Wenn sie hier Militante sehen, sollen sie sie verfolgen.“ Seine Familie und er hätten mit all dem nichts zu tun. „Ich bin in meinem Haus, hier muss ich sicher sein können“, so Dosh.

Sicher fühlt sich in diesen Tagen keiner in Tulkarem. Viele Geschäfte bleiben geschlossen, die Straßen sind leerer als üblich. Eine Ausgangssperre wie bei früheren Razzien hat die Armee diesmal nicht verhängt, sagt Tariq Hishme. Aber die militärische Präsenz ist bis weit ins Stadtzentrum spürbar. „Wir haben Angst vor einer Normalisierung dieser Situation“, so der Journalist. Davor, dass Tulkarem zu einem „zweiten Hebron“ mit einer dauerhaften israelischen Besatzung werden könnte.

Wie begründet die Sorgen in Tulkarem sind, zeigt nicht zuletzt eine Aussage des israelischen Verteidigungsministers Israel Katz. Der hatte Ende Januar mit Blick auf das nördlicher gelegene Flüchtlingslager Dschenin angekündigt, dass die Armee auch nach der Operation „Eiserne Wand“ dort bleiben werde, um mit eiserner Hand zu verhindern, dass der Terror zurückkehre.

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