Panel zum Thema: Waren Missionare Kolonialisten?
Umgang mit kolonialem Erbe

Waren Missionare Kolonialisten?

St. Ottilien ‐ Die Auseinandersetzung mit dem Kolonialismus nimmt nicht erst seit der Eröffnung des Humboldt-Forums in Berlin weiter an Fahrt auf. Die Missionsbenediktiner von St. Ottilien wollen sich der Debatte stellen – und der eigenen Geschichte.

Erstellt: 19.12.2022
Aktualisiert: 19.12.2022
Lesedauer: 

Waren Missionare Kolonialisten?

Mit dieser Frage befasste sich am 30. September die Veranstaltung „Missionare im
kolonialen Afrika“, die auf Initiative von Abtpräses Jeremias Schröder OSB in der Katholischen Akademie in München stattfand.

Von Br. Ansgar Stüfe OSB

In letzter Zeit nimmt die Auseinandersetzung mit dem Kolonialismus früherer Zeiten zu. Bei der Eröffnung des Humboldt Forums in Berlin fragten sich viele, ob Deutschland die Ausstellungsstücke dieses neuen Museums rechtmäßig besitzt. Sie stammen nämlich aus ehemaligen Kolonien. Im Rahmen dieser Diskussion wurde auch bekannt, dass viele Missionsorden Museen oder Sammlungen besitzen, die aus den Ländern ihrer Mission stammten. Dazu gehört auch das Missionsmuseum in St. Ottilien. Das alles gab den Anlass zu der oben gestellten Frage: Waren auch die Missionare Kolonialisten?

Video: © Veranstaltung: Missionare im kolonialen Afrika (Teil 1) - Katholische Akademie in Bayern

Auf der Tagung in München setzten sich Historiker und Ordensvertreter speziell mit der Vergangenheit der Missionsbenediktiner von St. Ottilien auseinander. Dabei wurde klar, dass sich Historiker mit Quellen auseinandersetzen müssen und nur auf Grund von Quellen Erkenntnisse gewonnen werden können. So wurde einerseits kritisiert, dass  ideologische Sichten zu Behauptungen kommen, die durch Quellen nicht belegt waren. Andererseits war es auch erstaunlich, wie unterschiedlich dieselben Quellen interpretiert wurden.

Ein Beispiel für kontroverse Diskussion war die Schrift des ersten Erzabtes Norbert Weber: „Euntes in mundum universum“ (Geht in alle Welt). Darin betont Norbert Weber vor allem die landwirtschaftliche Entwicklung und zieht sie der sekundären Schulbildung vor. Diese Aussagen wurde von Historikern als Beispiel genommen, das die Haltung der Missionare belegen solle, die Menschen im Missionsgebiet auf niedrigem Niveau zu halten.

Andere argumentierten, dass die Lebensumstände der Menschen zu der damaligen Zeit keine andere Entwicklung zugelassen habe. Nur auf dem Gebiet der Landwirtschaft war ein Fortschritt zu erwarten gewesen. Abtpräses Jeremias Schröder OSB ergänzte einen anderen Gesichtspunkt. Benediktiner der damaligen Zeit lebten fast ausschließlich von der Landwirtschaft und daher dominierte diese auch die Entwicklungsziele.

Abt Christian Temu, der Tansanier und Abt von Ndanda in Tansania ist, schilderte seine Sicht der Dinge so: Die Missionare brachten ihre Gedanken und Kultur mit, auch wenn sie in erster Linie den Menschen durch das Christentum dienen wollten. Daher beantwortet er die Frage nach der Verbindung der Missionare zum Kolonialismus mit „jein“. Mit dem Herzen waren sie auf der Seite der Menschen, aber sie brachten auch ihre damalige Kultur mit, die sie den Menschen manchmal aufzwangen.

P. Christian Temu OSB, Abt von Ndanda (Tansania)
Bild: © Stefanie Merlin/St. Ottilien

P. Christian Temu OSB, Abt von Ndanda (Tansania)

Im Grunde ging es um die Haltung der Überlegenheit einer anderen Kultur gegenüber. Diese innere Haltung der Missionare lebt bis heute fort. Glauben doch viele Menschen noch immer, dass die „armen Afrikaner“ nicht ohne die Hilfe der Europäer ihr Leben verbessern könnten.

In diesem Zusammenhang wurden auch die Sammlungen der Missionsorden diskutiert. Das Problem liegt bei den Orden eher darin, dass die Sammlungen nicht mehr zugänglich sind und sie daher vernachlässigt werden. Eine Lösung, wie mit den Sammlungen umgegangen werden solle, ist noch nicht in Sicht. Die Neupräsentation des Museums in St. Ottilien wurde für vorbildlich gehalten. Aber auch hier können Missverständnisse auftreten. Afrikaner finden sich in solchen Sammlungen als primitiv und abgewertet dargestellt. Andere aber freuen sich, die Lebensform ihrer Ahnen sehen zu können. Da gibt es also noch viel Sprechbedarf.

Video: © Veranstaltung: Missionare im kolonialen Afrika (Teil 2) - Katholische Akademie in Bayern

Als ich einen gut informierten Mitbruder in Afrika fragte, was er denn zu all diesen Themen meinte, sagte er: „Das ist euer Problem, nicht unseres.“ Diesen Satz sollte man bei allen Debatten nicht vergessen.

Br. Ansgar Stüfe OSB

---

Zuerst erschienen in der Ausgabe 04/2022 der Missionsblätter, dem Magazin der Missionsbenediktiner von St. Ottilien. Das komplette Heft finden Sie unter www.missionsblaetter.de.

Weitere Meldungen zum Thema