Corona in Westafrika

  • Missio - 09.10.2020

In den Ländern der Sahelregion leiden die Menschen seit langem unter Armut, Hunger und islamistischem Terror. Jetzt kommt noch die Coronapandemie hinzu. Viele Afrikaner nehmen die gesundheitlichen Gefahren durch das Virus allerdings kaum wahr. Sie sorgen sich angesichts der gravierenden wirtschaftlichen Auswirkungen der Coronakrise vielmehr um ihre Existenz.

Zu anderen Menschen auf „soziale Distanz“ zu gehen, das ist für den Straßenverkäufer in Lagos oder für die Marktfrau an ihrem Gemüsestand in Accra eine absurde Vorstellung. Suchen sie doch die Nähe zum Menschen, um etwas zu verkaufen. Millionen Menschen in afrikanischen Ländern haben schlichtweg nichts zu essen, wenn sie einen Tag nicht ihrer Arbeit als Schuhputzer, Motorradtaxifahrer oder Zeitungsverkäufer nachgehen können. Soziale Absicherung und feste Gehälter gibt es in diesem informellen Wirtschaftsbereich nicht. Diese Menschen kämpfen um ihr Überleben, seit die Coronakrise den afrikanischen Kontinent erreicht hat und Länder teils rigorose Ausgangssperren verhängt haben.

Zeitlichen Vorsprung gut genutzt

Das Virus erreichte Afrika später als Europa. Viele afrikanische Staaten reagierten schnell. So trugen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf Flughäfen lange vor den Kollegen in Europa Schutzmasken und führten Temperaturmessungen durch.

Die Epidemie erreicht Afrika mit zeitlicher Verzögerung

Zeitweise sah es so aus, als seien afrikanische Länder von der Coronapandemie weitaus weniger betroffen als Europa oder die USA. Kletterte die Zahl der gemeldeten Infektionen in Deutschland im März 2020 in die Höhe, meldeten Länder wie Nigeria, Senegal oder Niger nur vereinzelt Fälle. Das Coronavirus erreichte Afrika mit zeitlicher Verzögerung. Mittlerweile sind in allen afrikanischen Ländern Menschen positiv auf Corona getestet worden. Die Infektionszahlen stiegen im Juli in vielen dieser Länder rasch an. Mittlerweile sinken sie allerdings auch in einigen wieder. Ob das allein an mangelnden Testkapazitäten liegt, ist unklar. Die Todeszahlen in Verbindung mit Corona lassen allerdings darauf schließen, dass Afrika vielleicht glimpflicher davonkommen wird, als von vielen befürchtet.

Die Bedrohung durch das Virus ist allerdings nur eine von vielen. Denn viele westafrikanische Staaten befinden sich in einer angespannten Sicherheitslage. Islamistische Terrorgruppen breiten sich in immer mehr Ländern aus. In Burkina Faso, das lange als stabiles friedliches Land galt, verübten sie in den letzten Jahren zahlreiche Angriffe. Tausende Menschen mussten fliehen. Im Norden des Landes schlossen Schulen, Krankenhäuser und Gesundheitsstationen aus Sicherheitsgründen.

Missio - 06.10.2020

Abstand halten – in Corona-Zeiten gilt das als Höflichkeit. Dabei benötigen Menschen gerade jetzt die Unterstützung anderer, insbesondere Menschen in armen Ländern. Darum wirbt das Hilfswerk Missio zum Weltmissionsmonat.


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Terrorgruppen nutzen Krise

In Nigeria ist die Terrorgruppe Boko Haram weiter aktiv. Im März töteten die Islamisten in Nigeria und im benachbarten Tschad mehr als hundert Soldaten. Die Angst ist groß, dass die Fundamentalisten die Coronakrise nutzen könnten, um Länder gezielt weiter zu destabilisieren.

Nicht nur die Angriffe der Islamisten setzen der Bevölkerung in vielen Regionen Westafrikas vehement zu. Das teils unverhältnismäßig gewalttätige Vorgehen von Polizei und Sicherheitskräften trägt ebenfalls dazu bei, dass das Vertrauen der Menschen in ihre Regierungen weiter schwindet.

Als im März in Teilen Nigerias wegen der Coronaepidemie eine Ausgangssperre verhängt wurde, starben bei ihrer Durchsetzung 18 Menschen durch die Gewalt von Sicherheitskräften. Die Zahl der Toten überstieg zu jenem Zeitpunkt die ermittelte Anzahl der Toten durch das Coronavirus in Nigeria.

Erfahrung mit Epidemien

Manche afrikanischen Länder haben mit Epidemien wie Ebola, HIV/Aids und Tuberkulose Erfahrung. Es gibt ein Grundverständnis, wie die Ausbreitung von Infektionskrankheiten gestoppt werden kann, und geschultes Personal, das schnell weiteres ausbilden kann.

Aufgrund der sich verschlechternden Sicherheitslage und des katastrophalen Einbruchs der Wirtschaft fürchten in Westafrika immer mehr Menschen um ihre Existenz. Nach Angaben der westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft (ECOWAS) könnte die Zahl derer, die von Hunger bedroht sind, in diesem Jahr von 17 Millionen auf 50 Millionen Menschen steigen.

Katholische Kirche bietet Hilfe an

In dieser Krise kann die katholische Kirche Westafrikas eine bedeutende Rolle spielen, denn sie ist mit ihrem Netzwerk in fast jedem Dorf präsent. Sie findet Gehör bei den Menschen, die oft kirchlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern mehr vertrauen als ihrer Regierung. Sie kann irreführenden Falschmeldungen über die Epidemie entschieden entgegentreten und wichtige Informationen, wie man sich vor Ansteckung schützen kann, weitergeben.

Bereits jetzt ruft die katholische Kirche ihre Mitglieder auf, in der Krise solidarisch zu sein und ärmeren Gemeindemitgliedern zu helfen. In vielen Ländern Westafrikas verteilen Kirchenvertreter Lebensmittel und Hygieneartikel. Die Bischöfe Nigerias, dem bevölkerungsreichsten Land Afrikas, boten der Regierung an, dass alle katholischen Krankenhäuser und Kliniken für die Behandlung von Coronapatienten genutzt werden können.

Kaum eine andere Organisation kann durch ihr starkes Netzwerk der Solidarität so vielen Menschen zur Seite stehen und Mut machen wie die katholische Kirche. Der Erzbischof von Abuja, Ignatius Kaigama, brachte es auf den Punkt: „Im Moment erscheint uns alles nur düster und beängstigend. Aber wir geben niemals auf. Wir haben in der Vergangenheit gemeinsam größere Herausforderungen bewältigt. Diese wird nicht anders sein, vorausgesetzt, wir stehen zusammen.“

Von Bettina Tiburzy

© Text: Missio Aachen