„Moderne Sklaverei“ auf der Arabischen Halbinsel

  • Menschenrechte - 05.02.2019

Die Situation für Arbeitsmigranten aus Asien auf der Arabischen Halbinsel ist nach wie vor prekär, weiß Missio-Referent Jörg Nowak. Die reichen Familien hielten die Angestellten zum Teil wie Leibeigene. Wer sich für sie einsetze, riskiere im Zweifel sein Leben.

Frage: Herr Nowak, Missio hat anlässlich des Papstbesuchs in Abu Dhabi bessere Arbeitsbedingungen für Migranten auf der Arabischen Halbinsel angemahnt. Welches sind die zentralen Probleme?

Nowak: In Ländern wie den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) oder Katar besteht die Mehrheit der Bevölkerung aus Migranten. In den VAE machen Migranten 80 Prozent der Gesamtbevölkerung aus. Katar hat 2,6 Millionen Einwohner, davon sind 90 Prozent ausländische Arbeiter. Sie kommen meist aus ärmeren Ländern wie Nepal, Indien oder aus den Philippinen. Katar wiederum gehört zu den Ländern mit dem höchsten Pro-Kopf-Einkommen der Welt. Da sind selbst die Hungerlöhne, die in diesen Ländern für die Arbeitsmigranten gezahlt werden, teilweise immer noch besser als das, was sie zuhause verdienen würden. Doch der Preis, den die Arbeiter in den Golfstaaten zahlen, ist hoch: Es gibt ausbeuterische Arbeitsverhältnisse, mangelhafte Sicherheitsbedingungen besonders auf den Baustellen und es gibt auch sexuelle Gewalt gegen Haushälterinnen und Kindermädchen.

Frage: Für Arbeitsmigranten, die neu in ein Emirat wie Katar kommen, ist eine Art Patenschaft verpflichtend – das sogenannte Kafala-System. Wie genau funktioniert das?

Nowak: Nach dem Kafala-System muss der Arbeitgeber eine Bürgschaft für das Visum und die Aufenthaltsdauer des Arbeitnehmers in dem Land übernehmen. Das bedeutet, dass der Arbeitgeber den Migranten gleichsam in der Hand hat. Wenn er mit der Arbeit unzufrieden ist, kann er jederzeit dafür sorgen, dass der Migrant das Land verlassen muss. Oft werden die Pässe einbehalten, sodass der Arbeiter nicht eigenständig wieder ausreisen kann. Dieses Kafala-System bedeutet eine absolute Kontrolle des Arbeitgebers über den Arbeitnehmer und ermöglicht eine moderne Form der Sklaverei.

Familie auf den Straßen von Katar. Ausländische Frauen müssen sich nicht verschleiern.

Jörg Nowak/Missio Aachen

„Es gibt in den Golfstaaten nach wie vor ein Herrschaftsdenken gegenüber den einfachen Arbeitern.“

— Jörg Nowak, Missio Aachen

Frage: Wie ergeht es den Frauen, die in den Golfstaaten arbeiten?

Nowak: Allein in Katar gibt es 40.000 philippinische Hausmädchen. Mütter verlassen ihre Familien, um mehr Geld im Ausland zu verdienen. Das reißt in den Philippinen Familien auseinander. Am schlimmsten trifft es jene Frauen, die als Hausangestellte teilweise wie Leibeigene behandelt werden. Ich habe mit einer philippinischen Frau gesprochen, die um vier Uhr morgens aufsteht, den Wagen ihres Hausherren wäscht, danach Frühstück macht, sich um die Kinder kümmert, Mittagessen kocht, wäscht, putzt, das Abendessen kocht. Wenn abends der Hausherr mit Gästen kommt, ist manchmal erst spät in der Nacht Feierabend – die Frau verdient dabei rund 200 Dollar im Monat. Hinzu kommt, dass philippinische Frauen einen in ihrer Heimat üblichen Lebensstil in T-Shirts und Shorts pflegen. Die männlichen Arbeitgeber in dem streng religiösen, patriarchalen Land interpretieren das aber als eine Art Freifahrtschein zur sexuellen Ausbeutung dieser Frauen. Das ist schweres Unrecht und muss den Arbeitgebern auch so klargemacht werden. 

Missio-Partnerin Schwester Mary John Mananzan unterstützt Frauen, die Opfer von Missbrauch als Hausangestellte wurden.

Missio Aachen

Frage: Wie versucht Missio, ihnen zu helfen?

Nowak: Wir versuchen, Personen zu unterstützen, die Nothilfe für diese Frauen organisieren oder vor Ort leisten. Missio-Projektpartnerin Schwester Mary John Mananzan aus den Philippinen unterstützt Frauen, die Opfer von Missbrauch als Hausangestellte auf der Arabischen Halbinsel wurden. Es geht auch darum, die Migrantinnen besser über die Risiken aufzuklären. Das muss bereits bei den Arbeitsvermittlungsagenturen in der philippinischen Hauptstadt Manila beginnen, die damit ein Riesengeschäft machen – zumal Präsident Rodrigo Duterte ein großes Interesse daran hat, dass zehn Millionen Migranten im Ausland weiterarbeiten und das Geld zurück in die Philippinen schicken. Neben den Verletzungen von Arbeits- und Menschenrechten muss man auch das psychische Leiden der Arbeitsmigranten sehen. Sie leben entwurzelt, von der Familie getrennt in einer Glitzerwelt, werden selbst aber ausgebeutet und müssen in beengten Mehrbettzimmern schlafen.

Frage: Die Regierung in Katar hat versprochen, die Arbeits- und Lebensbedingungen der Migranten zu verbessern. Sind Veränderungen eingetreten?

Nowak: Auf den Baustellen gibt es meines Erachtens nach wie vor mangelhafte Sicherheitsbedingungen. Die Arbeitsbedingungen sind schwierig bei Temperaturen über 40 Grad Celsius. Zwar hat Katar angekündigt, das Kafala-System mit der Bürgschaft abzuschaffen. Entscheidend ist aber, was in den Köpfen der Menschen geschieht: Es gibt in den Golfstaaten nach wie vor ein Herrschaftsdenken gegenüber diesen einfachen Arbeitern. Mir haben Arbeitsmigranten berichtet, dass sie ihr Smartphone in einem Sack Reis verstecken oder in einem Plastikbeutel in der Toilette. Ihnen wird zum Teil die Kommunikation nach draußen beziehungsweise in die Heimat untersagt. Die Migranten sind ihren Arbeitgebern oft schutzlos ausgeliefert. Für uns Europäer ist das kaum vorstellbar, haben wir doch Gewerkschaften.

Das Khalifa International Stadium ist einer von mehreren Spielorten der WM 2022 in Katar.

Claudia Zeisel

„Die Welt hat bei der WM in Katar die Chance, auf die Menschenrechts- verletzungen aufmerksam zu machen.“

— Jörg Nowak, Missio Aachen

Frage: 2022 steht das nächste Großereignis an: Die Fußball-Weltmeisterschaft in Katar. Menschenrechtler kritisieren besonders hier die Arbeitsbedingungen der Bauarbeiter. Welche Reaktion erwarten Sie von der FIFA?

Nowak: Durch die WM-Vergabe ist Katar natürlich in den Blick der Weltöffentlichkeit geraten. Man versucht dort, auf die Vorwürfe zu reagieren und sich ein gutes Image zu verschaffen. Auch wenn es hier und da kleine Verbesserungen für die Arbeiter geben mag, ist die Gesamtsituation nach wie vor besorgniserregend. Die Verantwortung liegt hier aber nicht nur bei einzelnen Institutionen wie der FIFA, sondern hier zeigen sich die Schattenseiten der Globalisierung, die alle etwas angeht: Neben dem Sport auch die Wirtschaft und die Politik. Es geht bei der WM, den Werbegeschäften, Handelsbeziehungen und auch den ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen um sehr viel Geld. Diese Probleme sind nur gemeinsam lösbar und alle Akteure aus Politik und Wirtschaft müssen auf internationale Standards für Arbeitsmigranten und die Einhaltung der Menschenrechte pochen. Insofern hat die Entscheidung der FIFA, die WM in Katar austragen zu lassen, wenigstens ein Gutes: Die Welt hat die Chance, auf die Menschenrechtsverletzungen dort aufmerksam zu machen.

Frage: Sie waren selbst bereits mehrmals in Katar und haben vor Ort mit den Menschen gesprochen. Was war ihr persönlicher Eindruck von den Lebensbedingungen für Arbeitsmigranten und Christen insgesamt?

Nowak: Die Gottesdienste feiern die Christen dort am Freitag. Es kommen oft mehrere Tausend Gottesdienstbesucher zusammen. Dort tauschen sich die Menschen aus und helfen sich gegenseitig. Da wird auch schon mal Geld für die Ausreise einer Arbeitsmigrantin gesammelt, die in Bedrängnis ist. Die Vertreter der katholischen Kirche und die Menschenrechtsaktivisten leben in Katar in einer schwierigen Situation. Ich bewundere den Mut, die Solidarität und das Engagement dieser Menschen. Wir von Missio wollen sie auch weiterhin bestmöglich unterstützen.

Das Interview führte Claudia Zeisel.

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