Kamerun in der Krise – Kardinal entführt

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  • Afrika - 06.11.2020

In der seit mehreren Jahren schwelenden Krise zwischen den französisch- und englischsprachigen Provinzen in Kamerun gerät die katholische Kirche des Landes immer mehr zwischen die Fronten. Wie mehrere offizielle Stellen am Freitag bestätigten, wurde am Donnerstagabend der 90-jährige Kardinal Christian Wiyghan Tumi von Separatisten entführt, die eine Loslösung der anglophonen Regionen Nordwest und Südwest erreichen wollen.

Der Vorfall ereignete sich auf einer Straße zwischen Bamenda, der drittgrößten Stadt Kameruns, und Kumbo. Beide Orte liegen in der Region Nordwest. Unter den Entführten befindet sich laut Angaben des Senders Radio France internationale (RFI) auch Sem Mbinglo, der Fon (König) von Nso. Der Kardinal soll mit Mbinglo auf dem Weg nach Kumbo gewesen sein, das der Fon wegen anhaltender Bedrohungen durch Separatisten vor einem Jahr verlassen hatte. Mitte Oktober hatte die Polizei in Kamerun den Jesuiten Ludovic Lado festgesetzt, der eine Pilgerreise für den Frieden in dem Land durchführen wollte.

Tumi gehört zu den profiliertesten Vermittlern in dem Konflikt zwischen den englisch- und französischsprachigen Landesteilen, wandte sich aber stets gegen eine Spaltung Kameruns. „Wir gehen weiter davon aus, dass wir ein Land sind", sagte er Ende August in einem TV-Interview.

Der Nachfolger Tumis als Erzbischof von Douala, Samuel Kleda, sowie der Bischof von Kumbo, George Nkuo, sagten, die Bemühungen um die Freilassung Tumis seien in vollem Gang. „Wir glauben, dass der Kardinal und die anderen sicher und gesund freigelassen werden", sagte Nkuo dem vatikanischen Pressedienst Fides. Kurienkardinal Robert Sarah twitterte, er bete für eine Freilassung seines Freundes Tumi, den er als „Mann des Friedens und des Dialogs" bezeichnete.

Die Bewohner der englischsprachigen Provinzen fühlen sich seit langem von der frankophonen Bevölkerung benachteiligt. Sie fordern, in der Schule und vor Gericht Englisch statt Französisch verwenden zu können. Der Protest, 2016 befeuert durch Pläne der Zentralregierung, das Schul- und Justizsystem zu frankophonisieren, entwickelte sich zu einer Unabhängigkeitsbewegung, der die staatlichen Sicherheitskräfte mit Gewalt entgegentreten.

Inzwischen ist von 3.000 Todesopfern die Rede. Laut Angaben des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen UNHCR sind mehr als 700.000 Menschen auf der Flucht. Sowohl Separatisten als auch der regulären Armee werden schwere Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen.

Die Gesellschaft für bedrohte Völker warnte vor einer Eskalation des Bürgerkriegs. Europa müsse sich engagierter für eine politische Lösung des Konflikts einsetzen.

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