Menschen aus Aller Welt schauen fröhlich in die Kamera
Migration und Integration

Zusammenleben in Vielfalt

Migration und Interkulturalität sind prägende Phänomene unserer Zeit. Die katholische Kirche in Deutschland engagiert sich schon seit Langem für die Anliegen von Migrantinnen und Mig-ranten: seelsorglich, karitativ und politisch-anwaltschaftlich.

Erstellt: 14.08.2022
Aktualisiert: 14.09.2022
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„Jeder hat das Recht, jedes Land, einschließlich seines eigenen, zu verlassen und in sein Land zurückzukehren.“

—  Zitat: Allgemeine Erklärung der Menschenrechte Artikel 13, 2

Weltweit wird die Zahl der internationalen Migranten auf 281 Millionen geschätzt (World Migration Report 2022). Laut Statistischem Bundesamt haben in Deutschland 22,3 Millionen Menschen einen Migrationshintergrund; mehr als die Hälfte von ihnen sind deutsche Staatsangehörige (knapp 11,8 Millionen Menschen). Bei knapp zwei Drittel aller Personen mit Migrationshintergrund handelt es sich um Zuwanderer aus einem anderen europäischen Land oder deren Nachkommen. Deutschland ist zu einem kulturell vielfältigen Einwanderungsland geworden.

Kinder stehen zum Krippenspiel vor dem Stall
Bild: © Polnische Delegatur Hannover

Auch die Kirche in Deutschland zeichnet sich durch Pluralität aus: So liegt die Zahl der Katholiken mit einer nicht-deutschen Staatsangehörigkeit bei mehr als 3,5 Millionen; dies sind etwa 16 % aller Katholiken. Unter den etwa 30 Sprachgruppen sind die Katholischen polnischer, italienischer, kroatischer, spanischer oder portugiesischer Sprache die größten. In gut 450 muttersprachlichen Gemeinden sind ca. 500 Priester und Ordensleute tätig. Dank des Zuzugs von Gläubigen der mit Rom verbundenen Ostkirchen wird auch in Deutschland erfahrbar, dass sich unter dem Dach der einen katholischen Kirche nicht nur viele Sprachen und Kulturen, sondern auch mehrere Riten versammeln.

Papst Franziskus ermutigt die Gläubigen weltweit dazu, die mit Migration einhergehende Vielfalt als Chance zu begreifen: „Die katholischen Gemeinden und Gemeinschaften sind eingeladen, in der Freude der Begegnung zu wachsen und das neue Leben zu erkennen, das die Migranten mitbringen“ (Pastorale Orientierungen für die interkulturelle Migrantenseelsorge).

Starkes Engagement mit langer Geschichte

Die Kirche in Deutschland engagiert sich seit vielen Jahren in der Beratung und Begleitung von Migranten. Die Anfänge der Migrationsdienste der Caritas reichen in das 19. Jahrhundert zurück. Ab den 1950er-Jahren richteten die kirchlichen Wohlfahrtsverbände Beratungsstellen für die sogenannten „Gastarbeiter“ ein, bald ergänzt um Integrationsangebote. Neben dem karitativen Engagement gewann auch das politisch-anwaltschaftliche Eintreten für die Rechte von Migranten zunehmend an Bedeutung.

Im Jahr 1975 haben die Deutsche Bischofskonferenz, der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland und die Griechisch-Orthodoxe Metropolie zum ersten Mal gemeinsam zu einer Interkulturellen Woche (damals noch unter dem Titel „Woche des ausländischen Mitbürgers“) aufgerufen. Seit ihrem Bestehen findet die Interkulturelle Woche mit großer Resonanz jährlich bundesweit Ende September statt. In über 500 Städten, Landkreisen und Gemeinden setzen Kirchen, Kommunen, Verbände und Organisationen mit rund 5.000 Veranstaltungen gemeinsam öffentlich sichtbare Impulse für die Gestaltung des Zusammenlebens in Deutschland.

Der christliche Glaube hat seit seinen Anfängen sprachliche, kulturelle und politische Grenzen überschritten. Migrationserfahrungen ziehen sich wie ein roter Faden durch die Bibel und die Geschichte der Kirche. Wenn Christen heute ein Leben mit, für und als Migranten führen, wissen sie sich in besonderer Weise einem Wort aus Jesu Gerichtsrede verbunden: „Ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen.“ (Mt 25,35)

Marienprozession beim vietnamesischen Katholikentag 2012 in Aschaffenburg.
Bild: © Pfarrer Stephan Bui

„Migration menschenwürdig gestalten“

Auf Ebene der Deutschen Bischofskonferenz ist die Migrationskommission für die Begleitung der unterschiedlichen kirchlichen Aktivitäten im Migrationsbereich zuständig. Geleitet wird sie seit 2016 von Erzbischof Dr. Stefan Heße (Hamburg), den die deutschen Bischöfe bereits 2015 zum Sonderbeauftragten für Flüchtlingsfragen ernannt haben. Die Migrationskommission bearbeitet drei große Themenfelder: gesellschaftliche und politische Fragen der Migration, einschließlich Flucht und Asyl, die Rechte von Menschen in der aufenthaltsrechtlichen Illegalität, die Förderung von Integration, das kirchliche Engagement gegen Rassismus und der Kampf gegen Menschenhandel; die Seelsorge für katholische Migranten in Deutschland; und die Seelsorge für deutschsprachige Katholiken im Ausland. Auf weltkirchlicher Ebene kooperiert die Migrationskommission mit der vatikanischen Abteilung für Migranten und Flüchtlinge sowie der Internationalen Katholischen Migrationskommission und pflegt den Kontakt zu den Migrationsbeauftragten anderer Bischofskonferenzen. Darüber hinaus steht sie auch im Austausch mit Ansprechpartnern aus Politik, Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Ökumene.

Knapp 25 Jahre nach Erscheinen des ersten Migrationswortes der Kirchen in Deutschland haben die Deutsche Bischofskonferenz und die Evangelische Kirche in Deutschland zusammen mit der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen im Oktober 2021 ein neues Grundlagendokument zu Fragen von Migration und Flucht veröffentlicht: „Migration menschenwürdig gestalten“. Neben dem Schutz der Würde jedes Menschen bieten das biblische Ethos der Nächsten- und Fremdenliebe sowie eine Gemeinwohlperspektive, die lokale und globale Interessen miteinander verbindet, wichtige Orientierungen. Nicht Migration an sich, sondern die Ursachen einer von Gewalt und Not getriebenen Migration gilt es zu überwinden. Gleichzeitig ist das Zusammenleben in Vielfalt so zu gestalten, dass Möglichkeiten der Zugehörigkeit und Mitwirkung eröffnet werden und der gesellschaftliche Zusammenhalt gestärkt wird. Daran anknüpfend hat die Deutsche Bischofskonferenz 2022 Integrationsthesen vorgelegt, die maßgeblich von der kirchlichen Praxis geprägt sind. Der Titel des Dokuments formuliert eine Zielperspektive für gelingende Integrationsprozesse: „Anerkennung und Teilhabe“. Es handelt sich um eine anspruchsvolle und dauerhafte Gestaltungsaufgabe, die alle Beteiligten immer wieder neu herausfordert.

Von Dr. Alexander Kalbarczyk und Dr. Lukas Schreiber, Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz

Stand: September 2022

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