Der Vatikan spricht Spanisch

  • Vatikanstadt - 10.02.2022

Bald will Papst Franziskus die lang erwartete Konstitution veröffentlichen, die seine Kurienreform rechtsverbindlich absichern soll. Das Vorhaben wurde immer wieder verschoben, zieht sich seit Jahren in die Länge. Doch jenseits solch formaler Fragen hat der Argentinier die römische Schaltzentrale der katholischen Kirche längst nachhaltig verändert. Vor allem in sprachlich-kultureller Hinsicht hat sich seit seinem Amtsantritt 2013 manches verschoben.

Italienisch ist zwar immer noch die dominierende Sprache innerhalb der vatikanischen Mauern, die auch der Papst als Spross italienischer Einwanderer problemlos beherrscht. Aber inzwischen gibt es ernstzunehmende Konkurrenz. Franziskus, wer will es ihm verdenken, umgibt sich bevorzugt mit Personal, das seine Heimatsprache spricht.

Dutzende Stellen in der oberen und mittleren Leitungsebene der Kurie hat er mit Kandidaten aus Spanien und Lateinamerika besetzt. An der Spitze der Hierarchie ist vor allem der gewachsene Einfluss der Iberer kaum zu übersehen: Chef der Glaubenskongregation, einer der mächtigsten Behörden des Vatikan, ist seit 2017 der Mallorquiner Luis Ladaria (77). Dessen Kardinalskollege Miguel Ayuso (69), seit 2019 Präsident des Päpstlichen Rates für interreligiösen Dialog, stammt aus Sevilla.

Zu ihnen gesellte sich ebenfalls 2019 ein Landsmann aus Merida, Juan Guerrero (62). Er soll als Präfekt des Wirtschaftssekretariates die vom Papst in die Wege geleitete Transparenzoffensive in Finanzfragen anführen. Mit Alejandro Arellano (59) leitet ein weiterer Spanier seit einigen Monaten die Römische Rota, das zweithöchste Gericht der katholischen Kirche. Und im Oktober ernannte Franziskus Kurienerzbischof Fernando Vergez Alzaga (76) aus Salamanca zum Präsidenten des Governatorates und damit zum Regierungschef der Vatikanstadt.

Spanisch wird auch im Staatssekretariat gesprochen, das für die diplomatischen Beziehungen des Heiligen Stuhls zuständig ist. Als seine rechte Hand wählte das Kirchenoberhaupt schon zu Beginn seiner Amtszeit – auf den ersten Blick ganz traditionell – einen Italiener. Allerdings verfügt Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin (67) dank eines jahrelangen Einsatzes als Nuntius in Venezuela über exzellente Spanischkenntnisse.

Allein in Lateinamerika leben rund 40 Prozent aller getauften Katholiken

Verständigungsprobleme sind also ausgeschlossen. Und als wollte er ganz sicher gehen, stellte der Papst Parolin 2018 den venezolanischen Erzbischof Edgar Pena Parra (61) zur Seite. Der übernahm das wichtige Amt des Substituten im Staatssekretariat und wird nun als vatikanische „Nummer drei“ bezeichnet.

Die Personalauswahl von Franziskus wirkt sich spürbar auf den Arbeitsalltag im Vatikan aus. Wenn bei wichtigen Sitzungen fast nur Latinos und Spanier involviert sind, stimmen die sich freilich in ihrer Muttersprache ab. Immer öfter werden vatikanische Pressemitteilungen auf Spanisch herausgegeben – gelegentlich sogar ohne italienische Übersetzung.

Wer meint, es handele sich dabei lediglich um eine wunderliche Episode, der liegt falsch. Die Entwicklung ist keineswegs nur Ausdruck eines gewissen päpstlichen Eigensinns. Sie trägt dem Gewicht der spanischsprachigen Länder in der Weltkirche Rechnung. Allein in Lateinamerika leben rund 40 Prozent aller getauften Katholiken. Für einen althergebrachten Eurozentrismus gibt es schlicht keine valide Grundlage mehr.

Beleg für diesen Wandel ist nicht zuletzt die Zusammensetzung des Kardinalskollegiums. Bei einer Papstwahl gäbe es aktuell 119 wahlberechtigte Kirchenmänner. Davon sind 23 Spanier oder spanischsprachige Latinos, die bei einem Konklave die derzeit 20 Italiener als größte Sprachgruppe ablösen würden.

Oscar Rodriguez Maradiaga (79) aus Honduras, einer der engsten Vertrauten von Franziskus, ließ unlängst durchblicken, dass der personelle Umbau der Kurie noch nicht abgeschlossen sei. Zwar sei die strukturelle Reform fast vollendet, so der Koordinator des sogenannten Kardinalsrates, der den Papst bei dem Projekt berät. Jetzt gehe es aber darum, die Reform durch Neuernennungen zu festigen. Damit beginne „eine neue Phase des Pontifikats“.

Von Alexander Pitz (KNA)

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