Papst schränkt Messen nach altem Ritus ein – Reaktionen aus den USA und Europa

  • Vatikan - 20.07.2021

Zur Verteidigung der Einheit der Kirche „sehe ich mich gezwungen, die von meinen Vorgängern gewährte Möglichkeit zu widerrufen“, schreibt Franziskus im Begleitbrief zu einem neuen Erlass, den der Vatikan am Freitag veröffentlichte. In dem Motu Proprio „Traditionis custodes“ (Hüter der Tradition) schränkt das Kirchenoberhaupt Möglichkeiten, Messen im bisherigen „außerordentlichen Ritus“ zu feiern, stark ein.

Künftig entscheidet allein ein Diözesanbischof oder Ordensoberer, in welcher Kirche an welchen Tagen welcher Priester im alten Ritus die Eucharistie feiern darf. Lesungen müssen in der Landessprache, nicht in Latein, vorgetragen werden. Reguläre Pfarrkirchen sind ausgeschlossen; auch dürfen für solche Feiern keine Personalgemeinden mehr gegründet werden. Alle bisherigen Regelungen, die dem neuen Erlass widersprechen, sind ab sofort aufgehoben.

„Der verzerrte Gebrauch“ der bisherigen Möglichkeiten, so Franziskus an die Bischöfe, stehe in Widerspruch zu jenen Absichten, mit denen Benedikt XVI. der Verwendung des vorkonziliaren Messbuchs von 1962 mehr Freiheiten einräumte. Sein Vorgänger habe mit dem Erlass „Summorum Pontificum“ von 2007 die Einheit der Kirche stärken wollen, indem er auf liturgische Bedürfnisse mehr Rücksicht nahm.

Diese angebotene Erleichterung, so der Papst, „wurde ausgenutzt, um Gräben zu vergrößern, Divergenzen zu verstärken und Unstimmigkeiten zu fördern“, die die Kirche der Gefahr der Spaltung aussetzten. Daher sei ab sofort der ordentliche, von Paul VI. und Johannes Paul II. approbierte Messritus die „einzige Ausdrucksweise“ des Römischen Ritus.

Vor dem Problem von Spaltungen entlang liturgischer Präferenzen stand auch schon der internationale Malteserorden. Daher untersagte der frühere Großmeister Fra Giacomo Dalla Torre 2019, Messfeiern bei offiziellen Anlässen im alten Ritus zu feiern.

Dass Papst Franziskus den Erlass seines Vorgängers modifizieren würde, war vermutet worden; kaum aber, dass es eine regelrechte Kehrtwende würde – wenn auch kein gänzliches Aus. Franziskus, der in Sachen Liturgie bislang einen eher leidenschaftslosen Eindruck machte, zeigt im Begleitbrief ungewöhnlich viel Emotion.

Zwar gebe es in alle Richtungen Missbräuche in der Liturgie. „Aber ich bin dennoch traurig, dass der instrumentalisierte Gebrauch des Missale Romanum von 1962 oft durch eine Ablehnung nicht nur der Liturgiereform, sondern des Zweiten Vatikanischen Konzils selbst gekennzeichnet ist.“

Befragung zeigt Missstände

Für seine Entscheidung beruft sich der Papst auf eine in den vergangenen beiden Jahren durchgeführte Umfrage der Glaubenskongregation. Die wollte von Bischöfen wissen, welche Erfahrungen sie mit dem außerordentlichen Ritus gemacht haben. Was genau die Bischöfe antworteten, hat die Kongregation bislang nicht verraten; nicht einmal die Tatsache der Befragung wurde offiziell kommuniziert. Laut Franziskus zeigt sie aber die erwähnten Missstände.

Autoren traditionalistischer Foren meinten vor Monaten, die Befragung habe ergeben, wie beliebt der alte Ritus oft auch bei jungen Katholiken sei. Ein solcher Trend lässt sich hier und da feststellen. In einigen Ländern ist die alte Liturgie auch bei einer Reihe angehender Priester beliebt.

Johannes Paul II. hatte bei seinen ersten Erlassen 1984 und 1988 zur Feier nach altem Ritus eine mögliche Einigung mit der schismatischen Priesterbruderschaft Pius X. im Blick. Auch Benedikt XVI. hoffte mit „Summorum Pontificum“, eine Brücke zu den abtrünnigen Anhängern von Erzbischof Marcel Lefebvre (1905-1991) schlagen zu können – obschon sein Anliegen darüber hinausging.

Davon ist bei Franziskus keine Rede. Ihm geht es allein um die Tendenz, dass sich rund um die „Alte Messe“ traditionalistische Kreise und Geistliche scharen, die das Konzil (1962-1965) mit seinen Errungenschaften ablehnen und sich mitunter als einzig wahre Kirche begreifen.

Das Anliegen Benedikts XVI., mit zwei Formen des einen lateinischen Ritus konservative und progressive Strömungen in der katholischen Kirche zu versöhnen, sieht er als gescheitert an. Auch Kardinal Gerhard Ludwig Müller bezeichnete im Gespräch mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) die damalige Entscheidung Benedikts als „unklug“.

Ob Franziskus' Kehrtwende die Lage beruhigt, steht dahin. In seinem Brief beschwört er die Bischöfe, es sei an ihnen, mit ihren Entscheidungen vor Ort für Einheit zu sorgen. Anhänger des alten Ritus indes empören sich an diesem „Black Friday“ im Internet bereits über die Aufkündigung eines „liturgischen Friedens“.

Wie das Papstschreiben zur „Alten Messe“ aufgenommen wurde

Für den britischen Vatikan-Berichterstatter Christopher Lamb (The Tablet) und seinen französischen Kollegen Nicolas Seneze (La Croix) ist die Tatsache bemerkenswert, dass der Erlass zuerst nur auf Italienisch und in Englisch veröffentlicht wurde – inzwischen auch auf Spanisch. Dies, so Lamb, sei ein Indiz, dass die traditionelle lateinische Messe „vor allem im anglo-amerikanischen Raum genutzt wird, um Spaltung zu säen“. Es seien anglo-amerikanische Traditionalisten gewesen, die Franziskus vom ersten Tag seines Pontifikats an attackiert hätten.

Ähnlich bewertet der langjährige Vatikan-Experte John Allen vom US-Portal „Crux“ die Beweggründe für „Traditionis custodes“. Zumindest „ein Teil von Franziskus' Abneigung“ bestehe darin, dass viele Katholiken „am älteren Ritus festhalten, um ein politisches Statement abzugeben“. Niemand komme zu einer Messe im Syro-malabarischen Ritus oder im Ambrosianischen Ritus, um eine politische Aussage über das Konzil oder etwas anderes zu machen, „aber dasselbe kann man sicher nicht über den Tridentinischen Ritus sagen“, so Allen.

Allen weist auch daraufhin, die mit Abstand meisten Orte, an denen Messen in der alten Form angeboten werden, gebe es in USA: 657. Das seien mehr als dreieinhalb mal so viele wie in Frankreich (199). In den allermeisten Ländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas ist die lateinische Messe indes kein Thema.

In Frankreich, durchaus einer Hochburg von Anhängern des Traditionalismus, sorgte das Papstschreiben für einige Bewegung. In Sozialen Medien war von liturgischem Ausverkauf, Kurzsichtigkeit und gnadenlosem Ausdörren von Frömmigkeit und Tradition die Rede. Der Vize-Vorsitzende der Bischofskonferenz, Bischof Olivier Leborgne von Arras, äußerte sich „überrascht“ über den für französische Ohren harten Ton des Papstes und lobte die Anhänger des Alten Ritus für ihre „sehr schöne Spiritualität“.

In ihrer offiziellen Erklärung als Reaktion auf das Motu Proprio bemühen sich die französischen Bischöfe um Besonnenheit und Ausgleich – hatte doch auch die katholische Zeitung „La Croix“ von zuletzt nachlassenden Spannungen zwischen Traditionalisten und Diözesen berichtet. Es gelte vor allem, so die Bischöfe, die bewährte Gemeinschaft aufrechtzuerhalten. Laut Leborgne muss der Gebrauch des außerordentlichen Ritus fortan „in völliger Gemeinschaft mit dem Bischof“ erfolgen. In den allermeisten Orten Frankreichs sei dies der Fall; „nur an wenigen Stellen ist die Situation angespannter“.

Benedikt XVI. habe mit der außerordentlichen Form des Messbuchs „eine absolut nicht-traditionelle Initiative ergriffen“, so Leborgne. Alle katholischen Riten, der Römische, der Chaldäische, der Syro-Malabarische, hätten „ein festes Messbuch und keine außerordentliche Form“. Benedikt XVI. habe den außerordentlichen Ritus um der Nächstenliebe willen eingeführt – doch leider hätten „einige Leute ihn gegen das verwandt, wozu er eigentlich dienen sollte“.

„Rote Karte“ für die alte Messform?

Die traditionalistische, vom Papst getrennte „Priesterbruderschaft Pius X.“ in Deutschland, Österreich und der Schweiz sieht in dem neuen Erlass einen „weiteren Beweis der Unsicherheit des gegenwärtigen Lehramtes“. Wettere Franziskus sonst überall gegen Mauern, errichte er nun selbst welche, heißt es in einem Kommentar auf der Webseite der Organisation.

Una Voce, die internationale Vereinigung von Anhängern der Tridentinischen Messe, zeigte sich enttäuscht sowohl von der „Charakterisierung der Katholiken“, die an der „Alten Messe“ hängen, „als auch von den harten neuen Einschränkungen“. Es seien „der Respekt vor dem Heiligen und der Sinn für die Kontinuität der Tradition“, die Menschen in erster Linie zur traditionellen Messe hinzögen, „nicht theologische oder pastorale Diskussionen der Vergangenheit“.

Der italienische Vatikan-Experte Sandro Magister nennt in seinem Blog „Settimo Cielo“ den neuen Papsterlass eine „Rote Karte“ für die alte Messform. Schon jetzt werde die Debatte hässlicher, Spaltungen würden tiefer.

Nach Aussage von Kardinal Gerhard Ludwig Müller ist es klare Absicht des neuen Erlasses, „die außerordentliche Form langfristig zum Aussterben zu verdammen“. Franziskus' Begleitschreiben sei eine „Darstellung seiner subjektiven Reaktion“, schrieb er in einem Gastbeitrag für das US-Portal „The Catholic Thing“. Angemessener gewesen wäre eine „stringente und logisch verständlich theologische Argumentation“. In der aktuellen Debatte jedoch könnten etwas mehr Kenntnis katholischer Dogmatik und Liturgiegeschichte der „unglücklichen Formierung“ oppositioneller Lager entgegenwirken.

© KNA/Roland Juchem und Alexander Brüggemann (KNA)