Vatikanpapier sorgt auch in den USA für Debatten

  • Debatte - 18.03.2021

Bestsellerautor James Martin hat einen Verdacht, warum der Vatikan unerwartet sein Verdikt zur Segnung gleichgeschlechtlicher Paare gefällt hat. Es könnte an dem Druck von Traditionalisten liegen, die mit dem Reformprozess in Deutschland, dem Synodalen Weg, nicht einverstanden sind, twitterte der Chefredakteur des Jesuiten-Magazins „America“. Und fügte hinzu, einige deutsche Bischöfe hätten „Offenheit gegenüber solchen Segnungen geäußert“.

In der Tat zeigte sich der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Georg Bätzing, „nicht glücklich darüber“, dass der Vatikan sich zum jetzigen Zeitpunkt so massiv in die Debatte über die Möglichkeit des Segens für gleichgeschlechtliche Paare einbringt. Das erwecke den Eindruck, als wolle Rom die in vielen Teilen der Weltkirche geführte theologische Auseinandersetzung möglichst schnell beenden, sagte der Limburger Bischof der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). „Das ist aber gar nicht möglich.“

Martin kennt die Debatte. Der Jesuit sah sich wegen seines Buchs über das Verhältnis der Kirche zu LGBT-Christen in den USA („Building a Bridge: How the Catholic Church and the LGBT Community Can Enter Into a Relationship of Respect, Compassion, and Sensitivity“) massiver Kritik aus dem rechtskatholischen Lager ausgesetzt. Er rät nun, bei aller Enttäuschung über den harschen Ton der Verlautbarung die positiven Elemente nicht zu übersehen. Die Kirche sei weiterhin berufen, LGBT-Christen die Hand zu reichen. „Es bleibt eine Reise für beide.“

Laut der am Montag verbreiteten Erklärung der Vatikanischen Glaubenskongregation hat die Kirche keine Vollmacht, homosexuelle Partnerschaften zu segnen. Zwar sei bei solchen Initiativen „der aufrichtige Wille“ zu erkennen, homosexuelle Personen zu begleiten. Da aber solche Verbindungen nicht dem göttlichen Willen entsprächen, könnten sie nicht gesegnet werden.

Schwester Simone Campbell von der progressiven „Network Lobby for Catholic Social Justice“ erklärte: „Man kann einzelne Personen segnen (in einer gleichgeschlechtlichen Verbindung), aber man kann nicht den Partnerschaftsvertrag segnen.“ An dem Gefühl der Betroffenen, als Paar von der Kirche abgelehnt zu werden, dürfte diese Unterscheidung aber wenig ändern.

„Es tut einfach nur weh“, sagt Julia Erdlen, die Systematische Theologie am jesuitischen Boston College studiert und eine Gruppe für LGBT-Theologie-Studierende leitet. „Mir fällt es schwer zu verstehen, wie eine solche Erklärung von Franziskus kommen kann“, schreibt sie im Magazin „America“. Derselbe Papst, der sich im Herbst offen gezeigt habe für eingetragene zivile Partnerschaften Gleichgeschlechtlicher, habe nun dieses Dokument abgezeichnet. Erdlen verwies auch auf den vielzitierten Franziskus-Satz über seine Haltung gegenüber Homosexuellen: „Wer bin ich, zu urteilen.“

Viele Betroffene zeigen sich enttäuscht und verwirrt von den als widersprüchlich empfundenen Signalen aus Rom. Bryan Massingale, der als katholischer Priester und Professor an der katholischen Fordham University offen zu seiner Homosexualität steht, sagte, die Seelsorge werde in den Untergrund gedrängt, „aber weitergehen“.

Während die US-Bischofskonferenz schweigt, applaudieren erzkonservative Laienvereinigungen wie die „Catholic League“ der Anordnung aus Rom. „Es wird keine Anerkennung homosexueller Gemeinschaften oder Ehen durch die katholische Kirche geben“, freute sich der Vorsitzende der Organisation, Bill Donohue. „Da gibt es nichts zu verhandeln. Ende der Geschichte.“

Angesichts dessen, dass laut Umfragen 61 Prozent der Kirchenmitglieder in den USA gleichgeschlechtliche Ehen gutheißen, könnte der Druck aber weiter wachsen. Die vielen kritischen Reaktionen aus dem Kirchenvolk deuten darauf hin, dass das Thema noch nicht abgeschlossen ist. Die Chefredakteurin des „National Catholic Reporters“, Heidi Schlumpf, brachte den Konflikt bei CNN auf den Punkt: „Katholische Priester segnen die Kranken, Studenten und Lehrer, Gefangene, neue Gebäude, Autos und selbst Gewehre und Kriegsschiffe“, sagte sie. Da sei es „verwunderlich“, dass sie „gleichgeschlechtliche Paare, die geheiratet haben, nicht segnen dürfen“.

Belgiens Bischöfe: Nein zu Segnung „schmerzhaft“ für Betroffene

Belgiens katholische Bischöfe äußern sich zurückhaltend zum Nein der Vatikanischen Glaubenskongregation zur Segnung homosexueller Paare. Das am Montag erfolgte römische Verdikt werde von vielen gläubigen gleichgeschlechtlichen Paaren sowie ihren Familien und Freunden als „besonders schmerzhaft empfunden“, heißt es in einer am Mittwoch veröffentlichen Stellungnahme der Belgischen Bischofskonferenz.

Seit vielen Jahren arbeite die katholische Kirche in Belgien auf allen Ebenen mit anderen sozialen Akteuren für ein „Klima des Respekts, der Anerkennung und der Integration“ zusammen, geben die Bischöfe zu bedenken. „Viele von ihnen sind auch auf kirchlicher Ebene oder in christlichen Institutionen tätig.“

Die Bischöfe ermutigen ihre Mitarbeiter, diesen Weg fortzusetzen. Sie fühlen sich nach eigenen Worten durch das Schreiben „Amoris laetitia“ von Papst Franziskus zu Ehe und Familie unterstützt. Genau hinzusehen, zu begleiten und zu integrieren – das alles bleibe Richtschnur ihres Handelns, so die belgischen Bischöfe.

Von Thomas Spang (KNA)

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