Vom Wunsch nach Frieden im Herzen

  • Afrikatag 2021 - 10.01.2020

Die meisten von ihnen haben unvorstellbar Grausames erlebt. Frauen, Männer, Kinder, die in Nigeria vor Boko Haram geflohen sind. Einige von ihnen fanden Zuflucht bei der katholischen Kirche in Yola. Was sie und ihre Familien erlebten, ist für viele schmerzhaft und ständig präsent. Schwester Maria Vitalis Timtere will ihnen helfen. Auch, indem sie zuhört.

Bitte, lasst mir wenigstens einen meiner beiden Söhne

Keviana*, 46, Witwe, Mutter dreier ermordeter Söhne, die im Dorf Kaya von der Landwirtschaft lebte

Keviana vor ihrer provisorischen Unterkunft in Yola. Sie ist eine von über zwei Millionen Menschen, die vor der Terrormiliz Boko Haram floh.

Hartmut Schwarzbach/Missio Aachen

Es war der 18. Januar, 2018, ein Donnerstag. Als sie kamen, war es schon dunkel. Mein jüngster Sohn Innocent, 17, und ich schliefen in einem Zimmer, die beiden anderen Söhne Kenneth, 25, und David, 23, zusammen in einem anderen. Die Töchter Salomi, 28, und Sarah, 26, beide verheiratet, lebten nicht mehr zu Hause. Meine Jüngste, Rose, 17, war für ein Englisch-Examen in die Stadt Yola gefahren. (Keviana wechselt plötzlich in die Gegenwartsform)

Schüsse fallen. Sie dringen in unseren Hof ein. Ich schaue mich um. Mein Jüngster sagt: ‚Mami, lass uns die Tür verbarrikadieren.‘ Zu spät. Sie sind im Haus. Wir können nichts tun. Ich sage: ‚Jetzt kann nur noch Gott helfen‘ und verstecke ihn unter der Matratze. Ich staple Matten darüber. Sie brechen die Tür auf und schreien: ‚Geld her!‘ Ich flehe sie an: ‚Ich habe nichts. Mein Mann ist tot. Ich bekomme kein Geld. Ich leide mit meinen Kindern.‘ Sie schlagen mich, drohen, mich umzubringen, wenn ich ihnen kein Geld gebe. Ich sage: ‚Okay, bringt mich um. Ich habe nichts.‘ Sie raffen all meinen Besitz zusammen. Als sie die Matratzen greifen, entdecken sie meinen Jungen. Sie schießen auf ihn... Draußen versuchen andere Kämpfer, in den Raum einzudringen, in dem Kenneth und David sich eingeschlossen haben. ‚Öffnet die Tür. Öffnet die Tür!‘, schreien sie. Die beiden reagieren nicht. Die Islamisten fesseln mich, zerren mich auf den Hof. Ich flehe sie an: ‚Bitte, lasst mir wenigsten einen meiner beiden Söhne! Ich kann nie wieder Kinder bekommen.‘ Ich sehe, wie sie schießen, zweimal, ich sehe das Feuer aus den Gewehren.

Sie zielten nur auf die Christen

Tabitha*, 38, Mutter und Ehefrau, die auf der Flucht 2014 ein Kind verlor

Tabitha floh 2014 mit ihrer Familie vor Boko Haram aus ihrem Heimatdorf.

Hartmut Schwarzbach/Missio Aachen

Ich komme aus Ngosh. In unserem Dorf lebten Christen und Muslime zusammen. Es gab ein Fest, ausgelassene Stimmung. Die Feier zog sich mehrere Tage. Es kamen immer mehr Menschen. Schließlich fuhren viele Geländewagen und Männer auf Motorrädern ins Dorf. Wir glaubten, sie kommen zum Fest. Doch dann schossen sie plötzlich. Sie zielten nur auf die Christen. Sie forderten die Muslime auf, sich ihnen anzuschließen. Wer sich weigerte, den erschossen sie. Ich glaube einige der Boko-Haram-Leute hatten sich schon vorher unter die Feiernden gemischt.

Mein Mann und ich griffen uns die Kinder. Wir haben acht Kinder. Eine Woche zuvor hatte ich Zwillinge bekommen. Wir rannten. Alle rannten. Ich sah wie mein Bruder erschossen wurde.

Wir versteckten uns in den Bergen und von da gingen wir nach Kamerun. Wir brauchten drei Tage. Auf der Flucht erkrankte Andrawus, einer meiner Zwillingsjungen. Kurz darauf starb er. Wir fanden Aufnahme in einem Flüchtlingscamp. Doch dann brach in dem Lager eine Krankheit aus. Viele Leute erkrankten und starben. Da kehrten wir nach Nigeria zurück, hierher nach Yola.

Wir wussten nicht, ob unsere Kinder noch lebten

Rebecca*, 37, Mutter von sieben Kindern aus Dar, Ehefrau von Augustin

Rebecca und ihr Ehemann Augustin mit ihrer kleinen Tochter Guada.

Hartmut Schwarzbach/Missio

Als Boko Haram 2014 unser Dorf überfiel, waren unsere Kinder mit einer Verwandten allein zu Hause. Wir haben sieben Kinder. Mein Mann Augustin war krank und lag im Hospital in Michika. Ich besuchte ihn gerade.

Das war die Zeit, in der Boko Haram die Dörfer noch nicht niederbrannte. Sie besetzten die Dörfer, töteten die Männer. Kinder und Frauen versteckten sich in den Häusern.

Mein Schwiegervater hörte von dem Überfall und davon, dass die Boko Haram-Kämpfer planten, die Frauen und Kinder auf Lastwagen abzutransportieren. Sie wollten sie in den Sambisa-Wald bringen. Er schlich sich nachts in das Dorf. Es gelang ihm, die Kinder aus dem Haus zu holen. Tagelang liefen sie durch den Busch, hielten sich versteckt. Als mein Mann und ich von dem Überfall hörten, wussten wir nicht, ob unsere Kinder noch lebten – zwei Wochen lang. Schließlich die erlösende Nachricht: Sie sind in Yola. Wir holten sie sofort zu uns.

Augustin*, 42, Ehemann von Rebecca,

Vor der Flucht habe ich als Gesundheitshelfer gearbeitet. Eigentlich wollte ich studieren, aber der Boko-Haram-Konflikt hat all meine Pläne zunichte gemacht. Wir können in unserem Leben nicht das tun, was wir uns vorgenommen haben. Ich würde gerne zurückkehren in unser Dorf. Aber wir sind immer noch hier. Es gibt keinen Frieden in unserem Dorf. Boko Haram erobert unsere Dörfer und Städte. Sie jagten uns.

Im Mai 2015 kamen Soldaten und trieben sie zurück in den Busch. Einige von uns kehrten daraufhin zurück. Sie wurden von Boko Haram ermordet. Immer, wenn wir in unsere Dörfer zurückkommen, greifen sie an, töten uns und ziehen sich dann zurück. Die Regierung hat nicht genug unternommen, um sie zu bekämpfen.

Manchmal kehre ich mit einigen Männern für ein, zwei Wochen zurück. Doch sie können jederzeit wieder über uns herfallen. Wir leben in Angst. Wir haben keinen Frieden im Herzen. Darum sind wir hier.

Ich hoffe, wir können hier einen sicheren Platz finden. Wir hoffen, eines der Häuser**, die die Kirche für uns baut, zu bekommen. Ich möchte dort auch etwas Land bebauen. Vielleicht können wir auch ein kleines Geschäft gründen. Unsere Kinder werden in die Schule gehen können und sich eine Zukunft aufbauen.

*Zum Schutz der Betroffenen nennen wir keine Nachnamen.

**Für die Familien errichtet die Kirche mit Hilfe von Missio Häuser bei einer bereits bestehenden Dorfgemeinschaft nahe Yola. Zu jedem Haus gehört auch ein Stück Land, auf dem etwas angebaut werden kann.

Die Menschen hier haben nicht zugelassen, dass ihr Ärger und ihr Schmerz sie auffressen

Schwester Maria Vitalis Timtere, 39, Krankenschwester und Hebamme, die den Flüchtlingen zuhört

Tabitha verlor auf der Flucht mit ihrer Familie ein Kind. Schwester Maria ist da und hört zu.

Hartmut Schwarzbach/Missio Aachen

Angefangen hat alles, als ich Novizin war. Ein Dorf in der Nähe unserer Gemeinschaft in Jos wurde angegriffen. Also sind wir dort hingegangen, haben uns die Geschichten der Überlebenden angehört und ihnen geholfen, mit der Situation fertig zu werden.

Von da an interessierte ich mich dafür, den Menschen zuzuhören und sie zu ermutigen, nicht aufzugeben. Es macht mir Freude. Ich kann nichts Materielles geben, mit dem die Betroffenen ein neues Leben beginnen können, aber ich kann zuhören und das ist etwas Gutes. Ich habe das Gefühl, wenn ich ihre Geschichten höre, hilft ihnen das herauszufinden, was in ihrem Inneren vorgeht und was sie bedrückt. So haben die Menschen die Möglichkeit, Entscheidungen zu treffen. Dann ermutige ich sie dazu. Manchmal kann ich ihnen einen Rat geben.

Manchmal, wenn ich zu viel aufnehme, kann ich nicht schlafen. Mitten in der Nacht kommt dann die Erinnerung an ihre Geschichten und ich wache auf. Ich weiß nicht, wie sie mit ihrer Situation zurechtkommen. Es gibt Zeiten, da sage ich, dass ich nicht zurückgehen kann, aber dann mache ich es doch.

Mir macht Hoffnung, dass die Menschen hier nach allem, was sie durchgemacht haben, noch immer lieben können. Manche nehmen Kinder auf, die ihre Eltern verloren haben, und sorgen für sie. Da ist die Frau, die ein Kind ruft. Wenn ich sie frage, wessen Kind das sei, sagt sie: ‚Oh, es ist das Kind meiner Nachbarin.‘ Für mich ist das Liebe. Wenn die Flüchtlinge mit dieser Einstellung weitermachen, werden diese Kinder nicht voller Hass auf andere Menschen aufwachsen.

Boko Haram: Symptom eines kranken Staates

Der Nordosten Nigerias, der an Niger, Tschad und Kamerun grenzt, besteht überwiegend aus Savanne. Einer der letzten Wälder dort ist der Sambisa-Wald. Das frühere Wildreservat mit seinen Sümpfen dient der Terrormiliz Boko Haram als Rückzugsort.

Hartmut Schwarzbach/Missio Aachen

Seit 2009 verübt die islamistische Terrormiliz in Nigeria Anschläge, mordet, entführt und versklavt Menschen, Christen wie Muslime. Der nigerianische Staat erscheint den Islamisten gegenüber hilflos. Vieles deutet darauf hin, dass Personen aus Politik und Militär die Terroristen durch Geld und Verrat unterstützt haben. Das halbherzige Vorgehen der Regierung ermöglichte es Boko Haram 2014, ein Gebiet so groß wie Belgien zu besetzen und ein Kalifat auszurufen. Über zwei Millionen Menschen ergriffen die Flucht. Nur mit militärischer Hilfe von Nachbarstaaten konnte die Miliz zurückgedrängt werden. 2015 erklärte Nigerias Regierung Boko Haram für besiegt. Ein fataler Trugschluss. Die Kämpfer zogen sich in den unzugänglichen Sambisa-Wald zurück und verüben ausgehend von dort weiter Anschläge. Bis heute. Dort werden auch die Chibok-Mädchen vermutet. 2014 entführte Boko Haram 276 Schulmädchen aus dem Ort Chibok. Die Islamisten versklavten sie und zwangen sie zum Islam zu konvertieren. Einige der Mädchen konnten fliehen, rund einhundert befinden sich bis heute in der Gewalt der Islamisten – ein sichtbares Zeichen der Demütigung für einen Staat, der seine Bürger nicht schützt.

Afrikatag 2021

„Damit sie das Leben haben“: Unter diesem Leitwort steht der Afrikatag 2021, den die katholische Kirche in Deutschland an einem Sonntag im Januar feiert. Die Kollekte ist die älteste gesamtkirchliche der Welt. Papst Leo XIII. rief sie 1891 ins Leben und bat um Spenden für den Kampf gegen Sklaverei und Menschenhandel auf dem afrikanischen Kontinent. Heute steht die Kollekte für Hilfe zur Selbsthilfe. Ihre Einnahmen ermöglichen es, Männer und Frauen wie Schwester Marie Vitalis Timtere auszubilden, die den Menschen vor Ort zur Seite stehen und ihnen neue Lebensperspektiven eröffnen.

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© Text: Bettina Tiburzy/Missio Aachen