Nigeria: Hoffnung – trotz allem (Teil 1)

  • © Bild: Hebron Giwa/Missio Aachen
  • Reportage - 16.10.2020

Die Coronakrise in Nigeria trifft die Kirche hart. Viele Menschen sind arbeitslos, Kollekten fallen aus. Bischof Stephen Mamza hält die Hilfe für Notleidende dennoch aufrecht. Doch das wird immer schwieriger.

Bischof Stephen ist keiner, der schnell aufgibt. Nicht als Tausende Menschen auf der Flucht vor Boko Haram bei der Kirche Zuflucht suchen. Nicht als sein Bruder von den Islamisten ermordet wird. Und auch nicht jetzt während der Coronakrise, die viele Menschen in Armut und tiefe Verzweiflung stürzt. „Die Menschen zählen auf mich“, sagt der Bischof von Yola, wohl wissend, dass er Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter entlassen muss und Hilfe für Menschen in Not immer schwieriger wird.

Ende Februar registrierte Nigeria die ersten Coronafälle. Die Regierung reagierte mit harten Einschränkungen. Vielerorts herrschten Ausgangsperren, Märkte und Geschäfte schlossen, Gottesdienste durften nicht mehr stattfinden. Doch die Maßnahmen konnten nicht lange durchgehalten werden. Denn ein Großteil der Bevölkerung lebt von der Hand in den Mund, als Straßenverkäufer, Markthändler oder von Dienstleistungen. Die Menschen hatten nichts mehr zu Essen. Schon bald machte das Wort vom „Hungervirus“ die Runde.

In Nigeria ist die befürchtete hohe Zahl von Toten durch das Virus bislang ausgeblieben. Die wirtschaftliche Krise im Land aber ist allgegenwärtig. Hunderttausende Menschen verloren ihre Arbeit. Preise für Lebensmittel und Transport schossen in die Höhe, nachdem die Regierung Subventionen für Benzin und Strom strich. Auch für die Kirche sind die Folgen der wirtschaftlichen Krise gravierend.

Keine Kollekte in armen Gemeinden

Die Gottesdienstbesucherinnen und -besucher im Dorf Namtari tragen Alltagsmasken in der Messe. Maximal 50 Kirchgänger sind erlaubt.

Hebron Giwa/Missio Aachen

Sonntags in Namtari, einem Dorf am Rande von Yola. Nur wenige Menschen sind zur Messe gekommen. Mit Maske und Abstand knien sie in der Dorfkirche. Die Zahl der Gottesdienstbesucher ist eingeschränkt. Maximal 50 dürften kommen, erzählt Pfarrer Emmanuel Gambo nach der Messe. „Eine Kollekte halten wir nicht mehr. Die Menschen haben nichts, was sie noch geben könnten. Im Gegenteil. Sie hoffen auf die Hilfe der Kirche“, berichtet er.

Draußen verteilen kirchliche Helfer Kleidung. Es fehlt an allem. Auch für den Pfarrer ist die wirtschaftliche Situation schwer. Normalerweise leben er und die Gemeindehelfer von Lebensmitteln, die die Gemeinde spendet. Damit helfen sie Alten, Kranken, Witwen, die sonst niemanden haben, der sie unterstützt. „Die einzige Hilfe, die wir im Moment bekommen, erhalten wir durch den Bischof“, erzählt Pfarrer Emmanuel, der in der Pandemie allem zum Trotz auch Gutes zu erkennen vermag: „Vielleicht hat Gott entschieden, uns eine Lektion zu erteilen. Viele Menschen denken nicht an die Zukunft, nur an das Jetzt. Die Krise ist eine Gelegenheit zurückzublicken und über das eigene Leben nachzudenken.“

Kinder sehnen sich nach Schule

Die Kinder im IDP-Camp in Yola hoffen darauf, dass die Schulen bald wieder geöffnet werden. Homeschooling gibt es für sie nicht.

Fotonachweis: Hartmut Schwarzbach/Missio Aachen

Etwas Gutes kann der zwölfjährige Abraham Bitrus in der Krise nicht erkennen. Der Junge lebt mit seinen Eltern in einem Lager für Geflüchtete. Sie mussten vor Boko Haram fliehen. Seit sechs Jahren werden sie von der Kirche auf dem Kirchengelände der Kathedrale in Yola versorgt, leben in provisorischen Unterkünften.

Vor der Coronakrise hatte Bischof Stephen alle Kinder aus dem Camp in Schulen untergebracht. Doch seit Monaten sind die jetzt wegen Corona geschlossen. Nur Abschlussklassen dürfen die Schule besuchen. Unterricht über das Internet gibt es für die Kinder nicht. Das Lager verlassen, um mit anderen zu spielen, sollen sie nicht. Für die Jungen und Mädchen eine schwierige Situation. „Ich bin traurig.“, erzählt Abraham. „Wir beten schon die ganze Zeit für das Ende von Corona. Ich will wieder zur Schule gehen.“

Für Bischof Stephen bedeutet die Schließung der Schulen, dass er die Lehrkräfte an kirchlichen Schulen entlassen musste. „Anfangs haben wir ihnen noch die Hälfte des Gehaltes zahlen können“, berichtet er. „Aber ohne Schulgebühren konnten wir das leider nicht lange durchhalten.“ Auch bei Wiederaufnahme des Schulbetriebs werde es nicht einfach, meint Bischof Stephen: „Ich fürchte, viele Eltern können die Schulgebühren nicht aufbringen. Es gibt so viele Menschen ohne Arbeit.“ Für ein Land wie Nigeria dürfte das dramatische Folgen haben. Besonders für die Zukunft vieler Mädchen, denen es auch ohne Corona sehr viel schwerer gemacht wird, eine Schule zu besuchen.

Der Corona-Test

Während Bischof Stephen sich noch über die Finanzierung von Schulpersonal bei einem Schulstart den Kopf zerbricht, erreicht ihn das Ergebnis seines Coronatests. Er hatte sich auf Verdacht testen lassen. 

 

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