„Wichtiger Schritt in Richtung Normalisierung“

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  • Frieden - 18.08.2020

In einem historischen Schritt haben Israel und die Vereinigten Arabischen Emirate diplomatische Beziehungen aufgenommen. Dafür stellt die Regierung von Benjamin Netanjahu ihre Annexionspläne im Westjordanland vorerst zurück. 

Die Palästinenser sind dennoch empört. Bei der Annäherung gehe es vor allem auch um wirtschaftliche Interessen, sagt der Bischof von Arabien, Paul Hinder (78), im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Der Schweizer Kapuziner ist als Apostolischer Vikar im Rang eines Bischofs für die Katholiken auf der ganzen Arabischen Halbinsel zuständig.

Frage: Herr Bischof, überrascht Sie die Annäherung zwischen Jerusalem und Abu Dhabi?

Bischof Hinder: Sie kommt nicht aus heiterem Himmel. In diskreter Weise wurde sie schon seit Jahren eingeleitet, ohne dabei großen Lärm zu machen. Natürlich ist jetzt das formale Agreement für die meisten eine Überraschung, weil von der Annäherung wenig gesprochen wurde.

Frage: Wie bewerten Sie den Schritt?

Hinder: Sie ist ein wichtiger Schritt in Richtung Normalisierung der Beziehungen zwischen der arabischen Welt und dem Staat Israel. Beide Seiten müssen über ihren Schatten springen, damit Bewegung in eine seit vielen Jahrzehnten blockierte Situation kommt. Dass aus dieser Fühlungnahme für beide Seiten auch wirtschaftliche Vorteile resultieren, ist wohl mehr als nur ein intendierter Nebeneffekt.

Frage: Gibt es jüdisches Leben in den Emiraten?

Hinder: Ja, auf einem bescheidenen Niveau. Bei den interreligiösen Veranstaltungen waren in den vergangenen Jahren regelmäßig auch die Juden vertreten. Kürzlich verabschiedeten wir bei einer Video-Konferenz den anglikanischen Pastor in Abu Dhabi. Da war selbstverständlich auch der jüdische Rabbiner dabei. Beim geplanten abrahamitischen Zentrum ist seit Beginn auch eine Synagoge vorgesehen.

Frage: Antisemitismus gehört in vielen arabischen Ländern zur politischen Kultur. Wie nehmen Sie das in den Emiraten wahr?

Hinder: Der Antisemitismus in der arabischen Welt ist vor allem eine Folge der Gründung des israelischen Staates und der damit verbundenen teilweisen Vertreibung der Palästinenser. Die vertriebenen Palästinenser wurden nie voll in andere arabische Länder integriert, sondern zum Teil bewusst als politisches Konfliktpotenzial wachgehalten.

Ich habe den Eindruck, dass ein Umdenken stattfindet. Langsam setzt sich in gewissen Teilen der arabischen Welt die Erkenntnis durch, dass ein konstruktives Verhältnis zu Israel allen Beteiligten mehr Nutzen bringt als der zum Teil künstlich aufrechterhaltene Dauerkonflikt. Dadurch wird auch der offene oder latente Antisemitismus abgebaut. Wir sollten nicht vergessen, dass in früheren Zeiten die Juden selbstverständlich mitten in den arabischen Gesellschaften lebten. Man denke nur an die lange Geschichte jüdischer Gemeinschaften im Jemen, an die sich gerade in jüngerer Zeit auch die Araber wieder erinnern.

Bischof Paul Hinder

Der Schweizer Kapuzinerpater Bischof Paul Hinder (78) ist Apostolischer Vikar für das Südliche Arabien mit Sitz in Abu Dhabi, Vereinigte Arabische Emirate (VAE). Hinder ist seit 2003 in der Kirchenleitung in Arabien tätig. Sein Zuständigkeitsbereich umfasst mit den Emiraten, Oman und Jemen einen der flächengrößten katholischen Verwaltungsbezirke weltweit. Die Zahl der Katholiken beträgt rund eine Million. Es sind fast ausschließlich Gastarbeiter aus Indien, den Philippinen, Korea, dem Libanon und Europa.

Nach dem Tod des Italieners Camillo Ballin im April 2020 übernahm Hinder auf Bitten von Papst Franziskus vorübergehend auch wieder die Leitung des Vikariates für das Nördliche Arabien mit Bahrain, Katar und Saudi-Arabien.

Beide Vikariate zusammen haben eine Fläche von rund drei Millionen Quadratkilometern und zählen damit zu den flächenmäßig größten Kirchenbezirken der Welt. Die Religionsfreiheit der Christen ist in einigen Ländern des Gebietes stark eingeschränkt, besonders in Saudi-Arabien. Insgesamt leben in den Vikariaten rund dreieinhalb Millionen Katholiken, die von nur etwa 120 Priestern betreut werden.

Die Fragen stellte Raphael Rauch (KNA)

 Text: KNA