Vor 40 Jahren wurde Oscar Romero in El Salvador ermordet

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  • El Salvador - 24.03.2020

Am 24. März ist es 40 Jahre her, dass Oscar Romero ermordet wurde. Als „Bischof der Armen“ wird er in seiner Heimat El Salvador und darüber hinaus verehrt. Das war nicht immer so.

Sein Konterfei prangt auf Bechern und T-Shirts, es gibt ihn als Wandbild und überlebensgroße Büste. In den Kirchen hängt sein Porträt, dem wichtigsten Flughafen des Landes leiht er seinen Namen. 40 Jahre nach seiner Ermordung ist Oscar Romero in seiner Heimat El Salvador allgegenwärtig: als Ikone und Nationalheld; als Symbol für die Hoffnung auf Frieden in einem Staat, dessen Gesellschaft tief gespalten ist – auch mehr als 25 Jahre nach dem Ende jenes blutigen Bürgerkriegs, der mit dem von der Militärjunta betriebenen Attentat auf den Erzbischof von San Salvador begann.

Und doch steht Romero noch gar nicht so lange derart hoch im Kurs. Als „umstrittene Figur“ charakterisiert ihn Kardinal Gregorio Rosa Chavez. Erst nachdem Papst Franziskus ihn 2018 heiliggesprochen habe, habe eine Neuentdeckung des Menschen Romero eingesetzt, so der Weihbischof in San Salvador, der sich maßgeblich für diesen Schritt einsetzte.

Auch in den eigenen Reihen war man uneins über Romero. Kurz nach der Heiligsprechung bat der aktuelle Erzbischof von San Salvador, Jose Luis Escobar Alas, öffentlich um Vergebung „für jenen Teil der Kirche, der Romero schlecht behandelt und diffamiert hat, einschließlich seiner Mitbischöfe“.

Das Erbe des Heiligen bleibt sperrig. Sein Werdegang von einem eher konservativen Kirchenmann, der sich aus den Konflikten zwischen dem Militär und der linksgerichteten FMLN-Guerilla heraushalten wollte, zum Sympathisanten der innerkirchlich lange umstrittenen „Theologie der Befreiung“ und scharfzüngigen Kritiker der Regierung entzieht sich einfachen Deutungen.

Er war ein unbequemer Kämpfer für Gerechtigkeit. Sein kompromissloses Eintreten für die Menschen am Rande der Gesellschaft machte Oscar Arnulfo Romero zu einer Symbolfigur für eine Kirche an der Seite der Armen. Der Erzbischof von San Salvador wurde am 24. März 1980 während eines Gottesdienstes von einem Scharfschützen ermordet.


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Heute gilt Romero vielen Menschen als eine Art Heilsbringer, egal welchem religiösen oder politischen Bekenntnis sie anhängen. Ein wichtiger Gedenkort ist die Krankenhauskapelle „Ospitalito“ in San Salvador. Hier wurde Romero am 24. März 1980 mit einem gezielten Schuss aus einem vorbeifahrenden Auto getötet. Im Altarraum ist eine Silhouette an der Stelle eingelassen, wo der Geistliche zusammenbrach. Wer die Tat beging, ist immer noch unklar. Der Drahtzieher, ARENA-Gründer und Geheimdienstler Roberto D'Aubuisson, starb 1992, ohne dass er sich je vor Gericht hätte verantworten müssen.

Mit Romeros Geschichte eng verknüpft ist ein weiteres Gotteshaus, die Kirche San Jose in El Paisnal, etwa 40 Kilometer nördlich von San Salvador. Ganz in der Nähe, in Aguilares, leitete der Jesuit Rutilio Grande eine Pfarrei. Zeitzeugen erinnern sich, wie der Pater immer wieder die Ausbeutung von Landarbeitern anprangerte und dadurch die Besitzer der großen Plantagen gegen sich aufbrachte.

„Er hat Gerechtigkeit gepredigt“, sagen sie über Rutilio Grande. Der Ordensmann bezahlte mit seinem Leben. Am 12. März 1977 wurde er zusammen mit zwei Begleitern auf einem Zuckerrohrfeld erschossen. Die Bluttat brachte eine Wende in der Haltung der Kirche gegenüber den Armen El Salvadors – und einen Gesinnungswandel bei Romero, der in El Paisnal die Totenmesse hielt und Aufklärung des Verbrechens forderte. In der Folge geriet auch Romero immer stärker ins Fadenkreuz von Großgrundbesitzern und Militärs. „Mich könnt ihr töten, nicht aber die Stimme der Gerechtigkeit“, rief der Erzbischof in seiner letzten Predigt aus.

Es herrschte „Ruhe im Land“. Die politische Macht lag bei der Armee, die wirtschaftliche bei den „großen Familien“. Eine Hand wusch die andere. Einheiten der Guardia Nacional waren gleich neben den großen Plantagen stationiert. So konnten deren Besitzer unmittelbar darauf zurückgreifen und jede „Unbotmäßigkeit“ im Keime ersticken.


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Gerechtigkeit hat auch ein halbes Menschenleben nach der Ermordung von Grande und Romero nicht Einzug gehalten. Ende Januar mahnte Romeros Nachfolger auf dem Bischofsstuhl von San Salvador, Erzbischof Jose Luis Escobar Alas, die während des Bürgerkriegs begangenen Verbrechen aufzuklären. Immer noch wüssten viele Hinterbliebene nicht, wo die sterblichen Überreste ihrer Angehörigen liegen. „Die Zeit heilt nicht die Wunden; im Gegenteil, sie werden noch tiefer.“

Seine letzte Ruhestätte hat Romero in der Krypta der Kathedrale von San Salvador gefunden. Jeden Tag pilgern Menschen aus allen Schichten hierher, um vor dem Grab in stillem Gebet zu verharren. Es scheint, als ob ein Toter schafft, was den Lebenden immer noch so schwer fällt: das Land mit seiner schwierigen Geschichte zu versöhnen.

Von Jochim Heinz (KNA)

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