Nach der Amazonas-Synode die Frauen-Synode?

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  • Amazonas-Synode - 17.10.2019

Adveniat-Hauptgeschäftsführer Pater Michael Heinz ist erstmals auf einer Synode dabei und erlebt angeregte Diskussionen unter den Teilnehmern. Als Teil der Synode hat er selbst einen Redebeitrag gehalten und darin unter anderem das Engagement der Frauen in der Kirche gelobt. Es kursiert sogar der Vorschlag, bald eine eigene Synode zu dem Thema abzuhalten, berichtet er im Interview.

Frage: Pater Heinz, wie haben Sie die vergangenen Tage auf der Synode erlebt?

Pater Michael Heinz: Für mich ist es die erste Teilnahme an einer Synode und mir ist die sehr offene Atmosphäre aufgefallen. Wir können den Redebeiträgen relativ einfach folgen, weil die meisten auf Spanisch und Portugiesisch gehalten werden und wir ohne Übersetzungen die Menschen so verstehen, wie sie reden. Ich finde die Dynamik auch sehr gut. Es wird sowohl im Plenum gearbeitet als auch in Gruppen. Da ist die Beteiligung dann noch größer als in der großen Synodenaula.

Frage: In der Aula haben Sie sich auch schon selbst mit einem Redebeitrag zu Wort gemeldet. Was waren die zentralen Forderungen?

Heinz: Ich konnte am Samstagnachmittag in der Synodenaula sprechen. Dazu hat jeder nur einmal für vier Minuten die Gelegenheit. Ich habe in meinem Vortrag noch einmal darauf hingewiesen, dass wir von Adveniat als Teil des Panamazonischen kirchlichen Netzwerks Repam eingeladen wurden. Wir versuchen, den Indigenen und allen Menschen Amazoniens in Deutschland eine Stimme zu geben. Ich habe auch noch einmal ausdrücklich den Frauen gedankt, die im Amazonas aktiv sind. Ordensfrauen und Missionarinnen leben und arbeiten dort an der Basis mit den Indigenen. Danach habe ich so drei größere Vorschläge gemacht, die wir mit Adveniat unterstützen möchten: Erstens eine bevorzugte Option für die Schöpfung, eine Kirche mit einem amazonischen Gesicht, was die Inkulturation und die Frage der Ämter für Frauen und Männer in der Kirche angeht, und im dritten Punkt die Frage eines neuen Wirtschafts- und Landwirtschaftssystems beziehungsweise die Frage einer ganzheitlichen Ökologie.

Adveniat-Hauptgeschäftsführer Pater Michael Heinz mit Mate-Tee in der Synodenaula.

Adveniat

„Ordensfrauen und Missionarinnen leben und arbeiten an der Basis mit den Indigenen.“

— Adveniat-Hauptgeschäftsführer Pater Michael Heinz

Frage: Weil Sie das Engagement der Frauen in der Kirche so gewürdigt haben – sind Sie optimistisch, dass sich bei der Synode mit Blick auf die Ämter für Frauen in der Kirche etwas bewegen wird?

Heinz: In der ersten Woche haben wir über 200 Beiträge gehört, darunter auch die Gruppe der Frauen. Es sind etwa 36 Frauen bei der Synode, von denen sich sicher auch schon über 20 zu Wort gemeldet haben. Da kommt natürlich das Thema der Ämter immer wieder auf – bei den Frauen, aber auch den Männern. Dem Papst wurde unter anderem vorgeschlagen, aufgrund der Wichtigkeit des Themas eine eigene Synode dafür abzuhalten. Im Moment ist es noch nicht sicher, wo die Reise hingeht. Bei uns in den Gruppen ist das Thema immer wieder aufgekommen, es wird auch von den Bischöfen eingebracht. Es ist aber schwer abzusehen, wie es sich im Abschlussdokument niederschlägt oder ob der Papst am Ende wirklich eine eigene Synode ansetzt.

Frage: Sie haben in Ihrem Wortbeitrag auch den Einsatz von viri probati, also verheirateten Priestern, vorgeschlagen. Wie sehen Sie hier die Chancen?

Heinz: Auch hierzu gab es sehr viele Wortbeiträge – sowohl dafür als auch dagegen. Aber die Pro-Meldungen zu diesem Thema überwiegen. In den Gruppenarbeiten wird sich die Synode länger damit beschäftigen. Ich könnte mir vorstellen, dass dieses Thema auch ins Abschlussdokument in der nächsten Woche mit aufgenommen wird.

Frage: Sie haben auch eine neue und soziale Art des Wirtschaftens gefordert. Sind die Forderungen, die ja mittlerweile vielerorts auch von der Zivilgesellschaft gefordert werden, zu radikal oder nicht radikal genug?

Heinz: Die lateinamerikanische Kirche ist bei diesen Forderungen einer gerechten Wirtschaft und ganzheitlichen Ökologie gerade auch im Amazonas-Gebiet sehr stark aufgestellt. Ich kann mir vorstellen, dass diese Forderungen auch im Abschlussdokument formuliert werden und sowohl an die Zivilgesellschaft in Lateinamerika weitergetragen werden, aber durch den Papst auch noch einmal weltweit gelesen und gehört werden. Das unterstreicht, was im Moment schon passiert. Hier kann man wirklich von einem Entscheidungsmoment der vergangenen Monate sprechen – von den Klimaprotesten der Schüler über die großen Waldbrände in Brasilien und Bolivien jetzt zur Amazonas-Synode. Das läuft alles in eine Richtung. Diese Forderungen werden wohl auch von unseren Politikern in Deutschland stärker gehört werden, denn sie merken den Effekt dieser Themen auch bei den Wahlen. Von daher glaube ich schon, dass es direkte Konsequenzen in den Ländern haben wird.

Amazonas-Synode - 12.10.2019

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Frage: Und mit Blick auf die brasilianische Regierung? Sind Sie da optimistisch, dass es durch die Forderungen der Amazonas-Synode Konsequenzen geben wird? Schließlich ist ihr die Synode ja von vorne herein ein Dorn im Auge gewesen.

Heinz: Ich glaube, dass die Kirche im Moment wieder ihre prophetische Stimme erhebt. Auch mit dem Risiko, das zu bereuen, weil einzelne Kirchenleute dafür dann bestraft und verfolgt werden. Es gab auch Stimmen auf der Amazonas-Synode, die sich fragten: Was passiert mit den Menschen, die sich prophetisch für die Indigenen oder den Umweltschutz einsetzen und damit ihr Leben riskieren. Da ist aber sowohl bei den indigenen Völkern als auch bei Ordensleuten, Priestern und Bischöfen eine große Bereitschaft da. Sie sind sich des Risikos bewusst, die Stimme zu erheben, aber sie tun es auch, weil sie sich sicher sind: Es ist im Moment angesagt. Das spürt man auch in der Überzeugung und im Zeugnischarakter dieser Personen.

Frage: Der Papst hat zugleich auch davor gewarnt, indigene Völker zu idealisieren. Wie sehen Sie das?

Heinz: Es gibt natürlich auch bei indigenen Völkern Menschen, die einen anderen Lebensstil leben wollen und auch leben. Es ist nicht nur so, dass die indigenen Völker nur ihre alte Lebensweise pflegen, die sehr gut für die Natur ist. Die Indigenen sind die besten Umweltschützer, aber es gibt immer Leute, die die Situation ausnutzen, wenn sie mit Firmen Kontakt haben und ihre Völker vertreten sollen. Korruption herrscht auch dort – ebenso wie bei uns. Aber ich würde nicht sagen, dass das die große Mehrheit wäre, sondern die meisten Indigenen sind sich bewusst, dass es hier um alles oder nichts geht und die Erde und der Amazonas als Lunge der Erde beschützt werden müssen.

Frage: Welche Ergebnisse wünschen Sie sich von der Amazonas-Synode im Abschluss-Schreiben des Papstes?

Heinz: Die Menschen in der Synodenaula kommen zu rund 85 Prozent von der Basis – da rechne ich auch die Amazonas-Bischöfe dazu, denn sie kennen ihre Gebiete und wissen, wie es dort aussieht. Ich rechne natürlich auch die Indigenen-Vertreter und die Ordensleute hinzu, die aus diesem Gebiet kommen. Von daher wird es sicher ein sehr pastorales und praktisches Dokument werden, wo konkrete Dinge angesprochen werden, die die Ortskirche in Amazonien angehen aber darüber hinaus werden sicher Vorschläge gemacht, wie wir in der Weltkirche besser zusammenarbeiten können, um das gemeinsame Haus zu schützen.

Das Interview führte Claudia Zeisel.

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