Aus Angst vor Überfällen liegen Nigerias Felder brach

  • Nigeria - 06.06.2019

In Nigeria beginnt in diesen Wochen die Regenzeit. Für die Farmer bedeutet das Hochsaison. Doch viele werden ihre Felder nicht bestellen, da die Angst vor Entführungen zu groß ist. Das kann katastrophale Folgen haben.

Sabu Abubakar steht inmitten riesiger Körbe, die randvoll mit Tomaten sind. Auf dem Gemüsemarkt der nordnigerianischen Stadt Kaduna vertritt er als Vizepräsident den Interessenverband der Tomatenhändler. Die Früchte, die auf Käufer warten, sind rot und reif. Das Geschäft scheint gut zu laufen. Doch Abubakar hält ein Schreiben in den Händen. Seine Organisation ist zu einem Gespräch eingeladen worden, denn Nigerias Landwirtschaft steckt in der Krise. „Darüber müssen wir endlich sprechen“, sagt er wütend. „Es ist so unsicher, Landwirtschaft zu betreiben. Wir trauen uns gar nicht mehr, zu den Farmern in die Dörfer zu fahren.“

Grund dafür ist in verschiedenen Regionen Nigerias die steigende Zahl von Entführungen. Niemand führt eine genaue Statistik darüber, wie viele Menschen jede Woche verschwinden. Doch es sind Dutzende. Besonders betroffen sind die Bundesstaaten Kaduna, Zamfara sowie neuerdings Katsina. Meist sind es bewaffnete Banden, die Straßensperren errichten. Mitunter werden auch mutmaßlich wohlhabende Nigerianer gezielt gekidnappt.

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Im Nordosten Nigerias liegen aufgrund der Terrorgefahr durch die Miliz Boko Haram und die Splittergruppe ISWAP Islamischer Staat in der westafrikanischen Provinz viele Felder schon seit Jahren brach. Militäroffensiven haben zwar in der Provinzhauptstadt Maiduguri und verschiedenen Kreisstädten mehr Sicherheit gebracht, nicht jedoch in ländlichen Regionen, in die sich die Terroristen oft zurückziehen.

Nach Schätzungen der nigerianischen Farmer-Organisation AFAN könnte die Produktion von Lebensmitteln um 50 Prozent zurückgehen. Im Bundesstaat Kebbi, wo Reis angebaut wird, hätten mindestens 350 Landwirte ihre Höfe verlassen müssen, so AFAN. FEWS Net, ein 1985 gegründetes Frühwarnsystem für Nahrungskrisen in West- und Zentralafrika, prognostiziert von Juni bis September eine angespannte Situation in den meisten Bundesstaaten im Norden. In weiten Teilen Bornos, Hochburg des islamistischen Terrors, wird die Notsituation anhalten. Eine Krise wird für Yobe und den äußersten Norden Adamawas vorausgesagt. Erschwert wird die Situation durch das Bevölkerungswachstum. Im Land leben etwa 200 Millionen Menschen, jährlich kommen etwa fünf Millionen hinzu.

Sabu Abubakar (r.), Tomatenverkäufer und Vizepräsident des Interessenverbands der Tomatenhändler in Kaduna, steht vor Körben mit Tomaten auf dem Gemüsemarkt von Kaduna, Nigeria.

Katrin Gänsler/KNA

„Entführungen sind eine Gefahr für unsere Existenz“, sagte auch Landwirtschaftsminister Audu Ogbeh während eines Besuch an der Ahmadu-Bello-Universität in Zaria. „Wenn wir das Ernährungsproblem nicht lösen können, dann können wir auch kein anderes lösen.“ Hunger führe zudem zu Unzufriedenheit. Bis heute ist etwa jedes dritte Kind im Land mangelernährt. In Nigeria, wo nach Einschätzung der Weltarmutsuhr 93,7 Millionen Menschen in extremer Armut leben, geht die Schere zwischen Arm und Reich weit auseinander.

Dabei galt in den vergangenen Jahren ausgerechnet die Landwirtschaft als Antwort auf den sinkenden Ölpreis und die Rezession. Ogbeh verwies auf Schätzungen der nigerianischen Zentralbank), wonach sich die Lebensmitteleinfuhren im vergangenen Jahr um 21 Milliarden US-Dollar verringert hätten. 13 Millionen Menschen verdienen ihr Einkommen als Reisfarmer, knapp zwei Millionen weitere als Produzenten. Ob das weiterhin so bleibt, ist fraglich.

In Kaduna fordert Saleh B. Momale, Verantwortlicher der staatlichen Friedenskommission, deshalb, endlich über Entführungen im ländlichen Raum zu sprechen. Dort entwickle sich gerade ein Teufelskreis. „In einigen Gegenden haben Farmer schon keinen Zugang mehr zu ihren Feldern, die nur zwei bis drei Kilometer entfernt liegen. Werden sie entführt, muss die Familie die wenigen Erträge, die noch bleiben, verkaufen.“ Betroffen seien allerdings auch die Viehzüchter. „Wo sollen die Hirten mit den Tieren hin? Die Weideflächen in den Dörfern reichen nicht aus, weshalb viele ihre Rinder verkaufen müssen.“ Ändere sich das nicht, würden einige Kommunen in eine tiefe Krise geraten, so Momales düstere Prognose.