US-Kirche bremst Erwartungen an Missbrauchsgipfel

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  • Weltkirche - 19.02.2019

Die Erwartungen der US-Katholiken an das von Papst Franziskus einberufene Bischofstreffen zum Thema Missbrauch sind enorm. Doch viele Beobachter zweifeln, ob ihnen der globale Krisengipfel gerecht werden kann.

Als der Leiter der Bischofskongregation im Vatikan, Kardinal Marc Ouellet, im November die Einwände gegen ein Vorpreschen der US-Bischöfe im Missbrauchsskandal vortrug, ließ sich das unterschiedliche Tempo bei der Bewältigung der Krise kaum mehr verbergen. Während die US-Bischöfe schnellstmöglich einen Maßnahmenkatalog und Verhaltensregeln veröffentlichen wollten, um sich dem herben Glaubwürdigkeitsverlust entgegenzustemmen, ging es Kardinal Ouellet vor allem darum, die Einheit der Weltkirche zu betonen. Der Kanadier bremste seine Mitbrüder. Die US-Amerikaner sollten die Ergebnisse des von Papst Franziskus einberufenen internationalen Bischofstreffens zum Thema Missbrauch von Donnerstag bis Sonntag im Vatikan abwarten.

Unbeabsichtigt steigerte er damit aber die Erwartungen der US-Kirche an den Vatikan-Gipfel auf ein Niveau, das einem Beobachter wie dem Jesuiten Thomas Reese unrealistisch erscheint. „Das Treffen kann zu einer Enttäuschung für die meisten Amerikaner werden, während die Universalkirche darin einen Erfolg sieht“, schreibt Reese in seiner Kolumne für das Presseportal „Religion News Service“.

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Auch die Deutsche Ordensobernkonferenz (DOK) spricht nach der Veröffentlichung der Studie über Missbrauch in der katholischen Kirche über einen notwendigen „tiefgreifenden Wandel“. „Die Erneuerung der Kirche steht bestenfalls am Anfang: zu viel Macht, zu wenig Evangelium“, erklärte die DOK-Vorsitzende Katharina Kluitmann am Dienstag in Fulda.


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Der Erfolg bestünde darin, die Kirchenführer in anderen Teilen der Welt dafür zu sensibilisieren, nicht die Fehler der US-Katholiken zu wiederholen. Eine Enttäuschung dürfte sich aus womöglich allzu unkonkreten Maßnahmen ergeben, die im Vatikan beschlossen oder nicht beschlossen werden.

Franziskus gab Ende Januar bereits zu erkennen, dass ihm die Problematik bewusst ist. „Die Erwartungen müssen reduziert werden“, sagte er auf dem Rückflug vom Weltjugendtag in Panama über die Konferenz mit den Vorsitzenden von rund 100 nationalen Bischofskonferenzen und weiteren Teilnehmern.

Der Vorsitzende der US-Bischofskonferenz, Kardinal Daniel DiNardo, betrieb seinerseits Erwartungsdiät. Sicher wünschten sich viele, „alle Aspekte des sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen anzugehen“, sagte er nach Veröffentlichung einer Liste von Missbrauchspriestern in Texas einem TV-Sender in Houston. „Aber ich bin nur ein Präsident von nur einer Bischofskonferenz.“

Während der Papst das Treffen als Katechese begreift, will die US-Kirche dringend mit praktischen Schritten Vertrauen zurückgewinnen. Seit eine Grand Jury in Pennsylvania im Sommer 2018 ihren Bericht über mehr als 300 Missbrauchspriester vorlegte, beeilten sich die Diözesen, Transparenz zu schaffen.

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Ende Januar legte Kardinal DiNardo für die 15 Bistümer in Texas eine Liste mit 278 Namen von Priestern vor, die glaubwürdig beschuldigt werden, sich an Minderjährigen vergangen zu haben. Es gehe darum, die Geschichten der verletzten Betroffenen sichtbar zu machen, erklärte er. „Auch die Kirche selbst ist dadurch schwer angeschlagen.“

Das persönliche Verhalten des Kardinals macht die Dinge aus Sicht von Opfervertretern nicht besser. Michael Norris vom „Survivors Network“ meint, es sei befremdlich, dass DiNardo einem Missbrauchspriester erlaubte, die Messe zu feiern, obwohl dieser bereits auf der Liste stand. „Entweder sie entfernen jemanden aus dem Dienst oder nicht.“

Texas ragt mit der Zahl der absoluten Fälle aus den mehr als 50 US-Bistümern und -Ordensgemeinschaften heraus, die seit August die Namen von mehr als 1.250 Priestern öffentlich machten. Trotz Fortschritten im Umgang mit dem Klerus bleibt ungeklärt, wie die Bischöfe selbst zur Rechenschaft gezogen werden.

Das Epizentrum des neuerlichen Missbrauchsbebens, dass die US-Kirche 2018 erschütterte, bleibt mit dem Namen Theodore McCarrick (88) verbunden. Der Ex-Kardinal von Washington soll vor mehr als 50 Jahren gegenüber zwei damals Minderjährigen sexuell übergriffig geworden sein. Sein Nachfolger, Kardinal Donald Wuerl (78), trat seinerseits zurück, nachdem klar wurde, dass er mehr wusste, als er zugab. Hinzu kommt der Druck der US-Staatsanwaltschaften, die auf Ebene der Bundesstaaten und in Pennsylvania nun auch auf Bundesebene ermitteln. Allein in Illinois beschuldigt der Generalstaatsanwalt mindestens 500 Priester.

All das erklärt die Ungleichzeitigkeiten zwischen Rom und den USA. Der Kolumnist Reese meint, das Bischofstreffen im Vatikan werde den US-Bischöfen vermutlich nicht das Maßnahmenbündel mit auf den Weg geben, das sich viele erhofften. „Die meisten Amerikaner werden das Treffen als Ausfall betrachten.“