Afrikas tausend Sprachen

    • © Bild: Jörg Böthling/missio München
  • Indigene Völker - 02.01.2019

In vielen Ländern Afrikas ist es normal, verschiedene Sprachen zu nutzen – je nachdem, ob man zu Hause, in der Schule, der Kirche oder beim Einkaufen ist. Nun hat die Unesco 2019 zum Jahr der indigenen Sprachen erklärt.

Umar Aliyu, der in Nigerias Hauptstadt Abuja sein Geld als Taxifahrer verdient, ist gerade zum dritten Mal Vater geworden. Da er beruflich viel unterwegs ist und die drei Söhne manchmal tagelang nicht sieht, übernimmt seine Frau einen Großteil der Erziehung. Eins war für den 45-Jährigen aber von Anfang an enorm wichtig: „Zu Hause wird Fulbe gesprochen“, sagt Aliyu, der der ethnischen Gruppe der Fulani angehört.

Fulbe ist vor allem im Norden des Landes, auch in den Nachbarstaaten weit verbreitet, aber nirgendwo offizielle Unterrichtssprache. Dennoch sollen die Kinder die Muttersprache der Eltern fließend sprechen und Traditionen und Kultur kennenlernen. Englisch und Hausa, Nordnigerias bedeutendste Verkehrssprache, würden die Jungs beim Spielen auf der Straße und später in der Schule noch früh genug lernen, erklärt Aliyu, der selbst mühelos zwischen den drei Sprachen hin- und herwechselt.

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In diesem Dossier werden die Glaubens- und Lebenswelt ausgewählter indigener Völker vorgestellt.


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Mehrsprachigkeit ist in vielen Ländern des Kontinents, auf dem nach Einschätzung der US-amerikanischen Harvard-Universität 1.000 bis 2.000 Sprachen gesprochen werden, die Regel. Der „Ethnologue“, eine seit 1951 jährlich erscheinende Publikation über die Sprachen der Welt und deren Zustand, zählt allein für das mehr als 190 Millionen Einwohner große Nigeria 526 Sprachen, sieben davon sind mittlerweile ausgestorben. Im Nachbarland Benin, wo rund 11,3 Millionen Menschen leben, sind es immerhin noch 55. Selbst in Botsuana im südlichen Afrika, das lediglich 2,2 Millionen Einwohner hat, werden 55 verschiedene Sprachen gesprochen. Eine davon ist nach Einschätzung des „Ethnologue“ vom Aussterben bedroht.

Dieser Sprachenvielfalt nimmt sich im nächsten Jahr auch die Unesco an, die 2019 zum Jahr der indigenen Sprachen erklärt. Grund dafür ist, dass Sprache ein Menschenrecht und der Schlüssel zu qualitativ hochwertiger Bildung ist. Sie fördert darüber hinaus kulturelle Identität sowie interkulturellen Dialog. Dennoch ist es um viele Sprachen schlecht bestellt. 2016 gab es zwar noch rund 6.700 Sprachen. Das Ständige Forum für Indigene Angelegenheiten (UNPFII) geht jedoch davon aus, dass 40 Prozent im Verschwinden begriffen sind. Auch darauf soll 2019 aufmerksam gemacht werden.

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Sie gehört zu den Grundrechten und ist in vielen Ländern Mangelware: Bildung. Durch vielfältige Projekte und Initiativen setzt sich die katholische Kirche weltweit dafür ein, dass Kinder und Erwachsene Bildungsmöglichkeiten erhalten.


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Selbstverständlich ist der Gebrauch indigener Sprachen freilich nicht immer. Zwar beherrschen sie vor allem in ländlichen Regionen die Alltagskommunikation, und offizielle Sprachen – je nach ehemaliger Kolonialmacht meist Englisch oder Französisch – spricht dort kaum jemand. Über das ostafrikanische Uganda schreibt der Autor Bwesigye bwa Mwesigire jedoch, dass Kinder bestraft würden, sollten sie in der Schule ihre Muttersprache sprechen. Auch während der Apartheid war das in Südafrika gängige Praxis.

Eine 2016 veröffentlichte Studie aus Nigeria, für die 40 Schulkinder sowie jeweils ein Elternteil befragt wurden, zeigt allerdings auch, dass vor allem in Städten Eltern gute Englischkenntnisse als immer wichtiger erachten. In der Untersuchung ging das zu Lasten der Sprache Yoruba, einer weiteren bedeutenden Verkehrssprache, die im Südwesten Nigerias sowie im Nachbarland Benin gesprochen wird. Nur knapp drei Prozent der befragten Kinder gaben an, Yoruba besser als Englisch zu beherrschen.