Papst Leo XIV. lockert Sprachregeln im Vatikan
Vatikanstadt ‐ Ein neues Regelwerk stellt den Sprachgebrauch im Vatikan auf den Kopf: Latein, einst unantastbar, wird zur bloßen Option. Dabei hatte der Vatikan bisher die alten Traditionen hochgehalten und sich dabei kreativ gezeigt.
Aktualisiert: 26.11.2025
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Latein ist ab sofort nicht mehr die bevorzugte Amtssprache im Vatikan. Das geht aus dem in dieser Woche veröffentlichten neuen Regelwerk für die Römische Kurie hervor, das von Papst Leo XIV. genehmigt wurde. Im Kapitel über die im Vatikan zu gebrauchenden Sprachen heißt es jetzt: „Die Behörden der Kurie schreiben ihre Akten in der Regel in Latein oder in einer anderen Sprache.“ Bislang waren moderne Sprachen nur als Ausweichoption erlaubt.
Aber immerhin bleibt Latein als eine unter mehreren Sprachen im Vatikan erhalten und damit auch die Notwendigkeit, einen Wortschatz des modernen Lateins festzuschreiben, um die klassische Kirchensprache in die Moderne zu führen.
Dafür wurde unter Papst Paul VI. im Jahr 1976 die Stiftung „Latinitas“ gegründet. Dass ausgerechnet Paul VI. die Latein-Institution gründete, entbehrt nicht einer gewissen Ironie - war er es doch, der ab 1970 durch die Einführung von Messbüchern in den Nationalsprachen den liturgischen Gebrauch des Lateinischen weltweit zurückdrängte. Seither überlebt die alte Kirchensprache, die noch beim Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) die einzige zugelassene Debattensprache war, nur noch an wenigen Stellen in der römisch-katholischen Kirche.
Bei wichtigen Texten war es schon länger nicht mehr erforderlich, dass sie auf Latein im vatikanischen Amtsblatt, den „Acta Apostolicae Sedis“, erschienen, damit sie Gültigkeit erlangen. Dennoch erscheinen bis heute wichtige Papstschreiben auch in einer lateinischen Fassung - das unterstreicht ihre universale Geltung.
So kann man beispielsweise in der Umwelt-Enzyklika „Laudato si“ von 2015 studieren, wie die Latinisten des Papstes Begriffe aus der Ökologie übersetzen. Dort finden sich Worte wie „Contaminatio et climatis mutatio“ (Umweltverschmutzung und Klimawandel) und die Forderung „ut dioxydi carbonici aliorumque gasiorum perlate inquinantium efficaciter diminuatur“ (dass der Ausstoß von Kohlendioxid und anderen stark verunreinigenden Gasen drastisch reduziert wird).
In sozialen Netzwerken wird weiter auf Latein veröffentlicht
Auch Leo XIV. scheint der lateinischen Tradition nicht abgeneigt. Von Anfang an fiel er damit auf, wieder häufiger Latein zu beten und zu singen. So wundert es nicht, dass der polyglotte Pontifex auch den lateinischen Social-Media-Account der Päpste weiter bespielt und dort seine Botschaften in der alten Kirchensprache verbreitet.
Dass dafür einiges an Kreativität gefragt ist, zeigten schon Kirchenmänner vergangener Jahrhunderte. Nachdem 1791 in der Stadt Assisi ein Blitz eingeschlagen war und die Kuppel der damals neuen Basilika Santa Maria degli Angeli beschädigte, ordnete Papst Pius VI. (1775-1799) an, die Kuppel wieder aufzubauen und sie vor künftigen derartigen Ereignissen zu schützen. Dies geschah durch den Einbau einer technischen Vorrichtung, die 40 Jahre zuvor in Nordamerika ein gewisser Benjamin Franklin erfunden hatte: An der Kuppel wurden Blitzableiter angebracht.
Daran erinnert in Assisi eine in Stein gemeißelte lateinische Inschrift. Ihr Wortlaut lässt erahnen, wie die damals noch strikt lateinisch denkenden Beamten des Papstes darum rangen, die segensreiche moderne Erfindung in einer Sprache auszudrücken, die Blitzableiter noch nicht kannte. Sie wählten eine Umschreibung. Die Blitzableiter nannten sie „electricae Franklinii virgae“, auf Deutsch etwa: Franklins elektrischen Ruten. Als solche sind sie bis heute auf der Inschrift verewigt.
Im vatikanischen Wörterbuch für die „aktuelle lateinische Sprache“, dem „Lexicon recentis latinitatis“ von 1992, sucht man Franklins Ruten jedoch vergeblich. Das Lexikon ist ein Werk des Südtiroler Augustiner-Chorherrn Karl Egger (1914-2003). Er entschied sich beim Stichwort Blitzableiter für die Neuschöpfung „apagogus fulminum“ (Ableiter der Blitze).
Bisher griffen die päpstlichen Beamten bei ihrer Arbeit noch oft zu diesem Wörterbuch mit rund 15.000 Einträgen. Dort fanden sie Hilfe, wenn es darum ging, über Börsenspekulationen zu sprechen („speculatio bursae“) oder technische Begriffe wie Computer („instrumentum computatorium“) und E-Mail („litterae electronicae“) korrekt zu übersetzen.
Mit dem Wegfall der Lateinpflicht im Vatikan könnte dieses Helferlein bald in den Bücherregalen des Vatikans verstauben, weil nun noch weniger Kurienmitarbeiter als bisher sich die Mühe machen werden, auf Latein zu schreiben. Und so behalten die alten Lateiner wieder einmal recht, die schon immer wussten: tempora mutantur - die Zeiten ändern sich.
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