Erste Europäische Konferenz der Santa Marta Gruppe zum Menschenhandel beendet

Bonn ‐ Auf Einladung der Migrationskommission der Deutschen Bischofskonferenz und des Erzbistums Köln fand am 8. und 9. Februar 2022 die erste Europäische Tagung der Santa Marta Gruppe gegen Menschenhandel statt. Ziel der Online-Veranstaltung mit über 100 Teilnehmenden aus 23 Staaten war es, die Zusammenarbeit zwischen der Kirche, der Polizei und anderen Akteuren zu fördern. Zu diesem Zweck wurde ein Aktionsplan vorgestellt und diskutiert, der Kernprobleme und Schritte der Bekämpfung des Menschenhandels benennt.

Erstellt: 10.02.2022
Aktualisiert: 14.09.2022
Lesedauer: 

Der Aktionsplan enthält Handlungsempfehlungen zu acht Bereichen des Opferschutzes und der Verbrechensbekämpfung. So fordern die Santa Marta Gruppe und die Deutsche Bischofskonferenz darin unter anderem, das Verbrechen des Menschenhandels in der Öffentlichkeit stärker sichtbar zu machen. „Das Thema Menschenhandel und Ausbeutung muss in der Mitte der Gesellschaft ankommen, damit das Verbrechen gesehen und als Problem verstanden wird“, so Weihbischof Ansgar Puff (Köln), Vorsitzender der Arbeitsgruppe Menschenhandel der Deutschen Bischofskonferenz. Ausreichende staatliche Mittel seien notwendig, unter anderem um spezialisierte Abteilungen in Polizei- und Strafverfolgungsbehörden zu schaffen und Fachleute auszubilden. Wenn illegale Gewinne aus Ausbeutung und Sklaverei eingezogen werden könnten, ermögliche dies nicht nur die Entschädigung der Opfer, sondern erhöhe das Risiko für die Täter. Denn „Menschenhandel darf sich nicht lohnen!“, betonte Weihbischof Puff. Die Santa Marta Gruppe und die Deutsche Bischofskonferenz werden den Aktionsplan nach der Auswertung der in der Konferenz geführten Diskussionen gegenüber Vertretern der Politik vorstellen und in die nächste internationale Konferenz der Santa Marta Gruppe einbringen. Die Umsetzung der im Aktionsplan empfohlenen Schritte soll in den nächsten Jahren begleitet und evaluiert werden.

In seiner Begrüßung hob der Vorsitzende der Migrationskommission der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Dr. Stefan Heße (Hamburg), hervor, dass „auch die Kirche noch über viele Möglichkeiten verfügt, den Kampf gegen die Ausbeutung zu verstärken. Das gilt nicht zuletzt für unsere Verantwortung als Arbeitgeber und Einkäufer“. Weihbischof Rolf Steinhäuser, Apostolischer Administrator des Erzbistums Köln, beschrieb die Aktivitäten in seiner Erzdiözese. So sind Mitarbeiter kirchlicher Organisationen wie der Caritas täglich in der Beratung und Betreuung der Opfer des Menschenhandels aktiv. Er betont aber auch, dass noch viel mehr geschehen muss, „um die ausbeuterischen Verhältnisse im Keim zu ersticken und Menschenhändler wie die Profiteure des Menschenhandels zu stoppen“.

In die Tagung führten der Präsident der Santa Marta Gruppe und Vorsitzende der Bischofskonferenz von England und Wales, Kardinal Vincent Nichols, und der langjährige Sonderberater der Santa Marta Gruppe, Kevin Hyland (OBE), irisches Mitglied der Expertengruppe gegen Menschenhandel des Europarates (GRETA), ein. Hyland forderte eine stärkere Beachtung der Auswirkungen des Menschenhandels im alltäglichen Leben, um die Aufmerksamkeit für die Opfer zu erhöhen, und betonte die Bedeutung europäischer und nationaler Lieferkettengesetze. Das Ziel der Santa Marta Gruppe fasste er in die knappe Formel „leadership by example“ – mit gutem Beispiel vorangehen und so viele überzeugen.

Die Koordinatorin der EU gegen Menschenhandel, Diane Schmitt, schlug einen Bogen vom zeitgleich stattfindenden „Safer Internet Day“ zur Ausbeutung und betonte, dass die Anonymität des Internets auch Ausbeutung und kriminelle Strukturen des Menschenhandels erleichtere. Eine ähnliche Funktion auch der Finanzsektor, der durch Anonymität und weltweite Vernetzung den Profiteuren des Menschenhandels nützlich sein könne. Daniel Thelesklaf von der United Nations University New York stellte mit der FAST Initiative ein Projekt vor, das international tätige Banken bei der Suche nach effektiven Gegenmitteln gegen illegale Geldströme unterstützen soll.

Referenten von Polizei, Opferhilfe, Wissenschaft und Politik wie Dr. Wolfgang Spadinger (Task Force Menschenhandel im österreichischen Außenministerium), stellten die Bedeutung von Kooperationen in allen Bereichen der Bekämpfung des Menschenhandels heraus. „Eine effektive Bekämpfung moderner Sklaverei gelingt nur grenz- und sektorenübergreifend“, fasste Weihbischof Puff zusammen. „Wir müssen dazu auch die Perspektive der Heimatländer mit einbeziehen und zu Beginn der Kette der Ausbeutung und Versklavung mit unserer Hilfe ansetzen. Neue Gesetze alleine lösen das Problem nicht.“

In einer engagierten Diskussion um die Rolle von Arbeitgebern und Arbeitnehmerorganisationen waren sich Prof. Dr. Ulrich Hemel, Vorsitzender des Bundes Katholischer Unternehmer (BKU), und Jeroen Beirnaert vom Internationalen Gewerkschaftsbund (ITUC) einig, dass es einer Mischung aus Regulierung, effektiver Überwachung bestehender Gesetze und Eigenverantwortung von Unternehmen und Konsumenten bedürfe. Auch Prof. Dr. Joachim von Braun (Präsident der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften) wies darauf hin, dass die Aktivitäten zur Bekämpfung von Menschenhandel auf vielen Feldern verstärkt werden müssten. Thomas Wissing (ILO) untermauerte dies und machte auf die Bedeutung von Bildung und eines Beschwerdemechanismus für Opfer aufmerksam, wo sie eventuell auch ihren Anspruch auf Entschädigung geltend machen könnten. Erzbischof Heße bilanzierte: „Die Vielfalt der Perspektiven in der Tagung hat uns deutlich gemacht, wie wichtig dieser Austausch ist. Zugleich kann die Kirche als weltweites Netzwerk ein wichtiger Impulsgeber für den Austausch sein.“

Menschenhandel ist weltweit verbreitet und findet in vielen Branchen statt. Er betrifft Menschen, die unter erbärmlichen Bedingungen in der Nahrungsmittelindustrie arbeiten, oder solche, die in der sogenannten 24-Stunden-Pflege tätig sind, ebenso zum Beispiel Bauarbeiter und Saisonarbeiter. Ein besonderes Feld stellt die Prostitution dar. Genaue Zahlen sind schwer zu erheben, Schätzungen gehen von 30 – 45 Millionen betroffener Menschen weltweit aus.

Papst Franziskus hat die Bekämpfung der Sklaverei und des Menschenhandels zu einem Schwerpunkt seines Pontifikats gemacht. So sind 2019 die „Pastoralen Orientierungen zum Menschenhandel“ des vatikanischen Dikasteriums für den Dienst zugunsten der ganzheitlichen Entwicklung des Menschen erschienen, die wertvolle Hilfen für die internationale Arbeit in diesem Bereich liefern.

Die Santa Marta Gruppe ist eine Kooperation von hochrangigen kirchlichen Vertretern und Organisationen, Polizeibeamten aus über 30 Ländern sowie weiteren staatlichen und nichtstaatlichen Organisationen, die sich seit 2014 auf Einladung von Papst Franziskus und auf Initiative der Bischofskonferenz von England und Wales zweijährlich im Vatikan getroffen haben. Ziel der Gruppe ist es, „gemeinsame und effektive Strategien“ von staatlichen und zivilgesellschaftlichen Akteuren gegen den Handel mit und die Ausbeutung von Menschen zu entwickeln. 

© DBK