Getäuscht, verkauft, missbraucht

  • Menschenhandel - 30.07.2021

Carmen war 16 und hatte ein Kind im Bauch, als sie in die Albergue Rosa Virginia nahe Paraguays Hauptstadt Asunción kam. Das Mädchen weinte lange, als es von seiner Schwangerschaft erfuhr. Carmen wollte nach Hause. Doch das konnte sie nicht. Zu ihrem Schutz. Der Vater steht im Verdacht, die eigene Tochter verkauft zu haben. Wie lange sie sexuell ausgebeutet wurde, hin und her geschleppt, von Bett zu Bett, von Mann zu Mann, darüber ist, ein Jahr nach ihrer Befreiung, immer noch wenig bekannt.
 

Mit zusammengepressten Knien sitzt Carmen nun im Aufenthaltsraum des Schutzhauses Rosa Virginia. In den Armen hält sie ihren fünf Monate alten Sohn, der ab und an fröhlich gluckst. Rundherum in Pastelltönen überzogene Sofas, ein Fernseher, Spiele, selbst gemalte Bilder. Auf einem Pappschild steht in bunten Lettern geschrieben: „Die Vergangenheit können wir nicht verändern, die Zukunft schon.“

Die Herberge Rosa Virginia gibt es seit 2015. Versteckt hinter unscheinbaren Mauern, irgendwo in der Nähe der Hauptstadt Asunción, finden Opfer von Menschenhandel und sexueller Ausbeutung Schutz. Getragen wird das staatliche Schutzhaus vor allem von dem Frauenorden Nuestra Señora de la Caridad del Buen Pastor. Finanzielle Unterstützung bekommen die Ordensfrauen vom Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat. Ein kleines Team aus Ordensschwestern, Sozialarbeiterinnen, Erzieherinnen und Psychologinnen versucht den Mädchen zu helfen, sich selbst wieder wertschätzen zu lernen. Und erneut Vertrauen zu fassen, in einer Gesellschaft, die sie getäuscht, verkauft und misshandelt hat. „Das ist ein ganz langsamer und behutsamer Prozess“, sagt Sozialarbeiterin Lida Vargas, „diese Mädchen wurden auf ihren Körper reduziert und zu einer Ware degradiert.“

Falsche Versprechen

Rosa Virginia ist ein Schutzraum, in dem keine Fragen gestellt, niemand vorverurteilt wird. „Die Mädchen öffnen sich ganz langsam, oft sind es die Nächte, in denen es ihnen gelingt, sich uns anzuvertrauen.“ Viele der Geschichten ähneln sich: Am Anfang stand oft ein Versprechen: auf leicht verdientes Geld, einen lukrativen Job, vielleicht sogar im benachbarten Argentinien oder Brasilien. „Die Mädchen steigen mit großen Träumen in den Bus, wollen ihren Familien helfen. Am Ankunftsort treffen sie auf eine andere Realität.“ Der Pass wird weggenommen, sie werden weggesperrt, versklavt. Gerade, in der Pandemie, wurden an der Grenze zu Brasilien Dutzende Mädchen aufgegriffen, die aus Zwangsarbeit und Prostitution in Brasilien geflohen waren. „Frauen, die tagsüber als Näherinnen in Sweatshops gearbeitet hatten, nachts sexuell ausgebeutet wurden“, erzählt Vargas. „Weil Fabriken schließen mussten, wurden die Mädchen einfach auf die Straße gesetzt.“ 

Fehlender politischer Wille

Paraguay ist zentrales Ursprungs- und Transitland für Menschenfänger in Südamerika. Die meisten Opfer sind Frauen oder Mädchen. Nach Angaben der Spezialeinheit zur Bekämpfung von Menschenhandel sind 60 bis 70 Prozent der Betroffenen in Paraguay Minderjährige. 45.000 Mädchen, die in den vergangenen zehn Jahren sexuell ausgebeutet wurden, hatten noch nicht einmal das 13. Lebensjahr erreicht, und das sind die offiziellen Zahlen der Staatsanwaltschaft. „Die Dunkelziffer schätzen wir auf doppelt bis dreimal so hoch“, sagt Anibal Cabrera, er leitet die Koordinationsstelle für die Rechte von Kindern und Jugendlichen (CDIA). Dennoch ist die Herberge Rosa Virginia das einzige integrale Schutzhaus, das es gibt. Nicht nur in Asunción, sondern im gesamten Land. Zwölf Betten und drei Babykrippen. „Es gibt keinen politischen Willen, die Problematik ernsthaft anzugehen“, sagt Cabrera trocken. „Wir bekommen keine Finanzierung, es gibt keine Präventionsarbeit, auch nicht an den Schulen, geschweige denn eine Politik der Armutsbekämpfung.“ 

„Es gibt keinen politischen Willen, die Problematik ernsthaft anzugehen.“

— Anibal Cabrera, Leiter der Koordinationsstelle für die Rechte von Kindern und Jugendlichen

Engagiert gegen Menschenhandel: Schwester Elena Barrio der Kongregation Nuestra Señora de la Caridad del Buen Pastor

Oliver Schmieg/Adveniat

Die Schwächsten der Gesellschaft sind die ersten Opfer. In Paraguay, das in den vergangenen Jahren ein beträchtliches Wirtschaftswachstum verzeichnet hat, leben weiter Tausende in extremer Armut, meist direkt neben den riesigen Sojaplantagen, mit denen gigantische Exportgewinne erzielt werden. „Es gibt kein Land, keine Arbeit, keine Perspektiven, die Familien können ihre eigenen Kinder nicht ernähren“, sagt Cabrera von der CDIA. Dazu komme eine tief verwurzelte Kultur des Machismo, sagt Ordensschwester Elena Barrio Cardoso. Ein Erbe auch der traumatischen Erfahrung des sechs Jahre andauernden Tripel-Allianz-Krieges gegen Argentinien, Brasilien und Uruguay, der Paraguay 1870 fast entvölkert zurückließ. 60 bis 80 Prozent der Bevölkerung waren umgekommen, vor allem Männer. So existiert noch immer das System des sogenannten „Criadazgo“, bei dem arme Familien oder Alleinerziehende ihre Kinder zur „Adoption“ an reiche Familien abgeben, im Grunde nichts anderes als versteckte Leibeigenschaft, die Missbrauch und Ausbeutung fördere. 

Kreislauf der Abhängigkeiten

Ayelén war 14, als sie auf die Hacienda, den großen Gutshof nahe Pedro Juan Caballero im Nordosten Paraguays, geschickt wurde. Sie solle dort mithelfen, versprach man den Großeltern, die das Kind in ihrer Holzhütte aufgezogen hatten, im Austausch für Verpflegung und Schulausbildung. Das Mädchen schuftete von frühmorgens bis spätabends, nachts wurde sie vom Gutsherrn missbraucht. Als dessen Frau davon erfuhr, gab sie dem Mädchen Natriumhydroxid zu trinken. „Eine gute Seele auf dem Hof hatte Mitleid und rettete das Kind“, erinnert sich Vargas. „Ihre Kehle war verätzt, wir haben sie hier monatelang nur mit der Sonde ernähren können.“ Trotz all der durchlebten Qual wollte das Mädchen keine Anzeige erstatten. Aus Angst, dass die Gutsherren ihren Großeltern etwas antun könnten. „Es waren Großgrundbesitzer mit viel Einfluss und jeder weiß: Die Justiz steht selten auf der Seite der kleinen Leute.“

Welttag gegen Menschenhandel: Lida Vargas, Sozialarbeiterin Mädchenherberge Rosa Virginia. Foto: Oliver Schmieg/Adveniat

Lida Vargas, Sozialarbeiterin Mädchenherberge Rosa Virginia

Oliver Schmieg/Adveniat

„Korruption und Straflosigkeit sind ein großes Problem“, sagt Vargas. Sie hat oft Fälle erlebt, bei denen die Verstrickungen bis in die höchsten Ebenen der Macht reichen, Ermittlungen schnell im Sand verlaufen, Migrationsbeamte keine Fragen stellen, wenn Minderjährige ohne Ausweisdokumente über Staatsgrenzen geschafft werden. „Es gibt sehr mächtige Netzwerke“, sagt die Sozialarbeiterin, und dementsprechend wenig Unterstützung für ihre Arbeit. „Jede einzelne Person ist eine Welt“, sagt Ordensschwester Elena Barrio Cardoso. „Auch wenn wir wenige sind, viel zu wenige für so viel Not, haben wir die Verantwortung für die Mädchen, die bei uns sind und die wir retten können.“ Die spirituelle Unterstützung ist auch für die Erzieherinnen und Psychologinnen ein Halt. 

Werkzeuge zur Selbstbestimmung

Im Schutzhaus sollen die Mädchen lernen, mit der Vergangenheit umzugehen, ohne dass sie ihre Zukunft bestimmt. Aus dem Nebenraum schallt helles Lachen herüber, dann Föngeräusche. Gerade findet der Frisör-Workshop statt, wie jeden Montagvormittag. „Die Struktur ist ganz wichtig“, erklärt Lida Vargas, „sie gibt Halt, hält davon ab, dass die Gedanken ständig und ständig um das Erlebte kreisen.“ Die Kurse – Computer, Maniküre, Bildende Kunst – sind Werkzeuge, um sich wieder in die Gesellschaft zu integrieren. Ohne Abhängigkeiten, mit Träumen. „Ich arbeite jetzt, um meinen Sohn auf die Schule schicken zu können“, erzählt Carmen. Sie hat sich mit Hilfe des Schutzhauses zur Konditorin ausbilden lassen, verdient nun ihr eigenes Geld, Ayelén konnte sich eine Operation finanzieren, sie kann wieder normal essen, holt ihre Schulausbildung nach. „Es sind kleine Schritte, aber sie machen uns ungemein glücklich und stolz.“ Und Ordensschwester Elena Barrio Cardoso fügt hinzu: „Wir können nicht die ganze Welt retten, wir können nur unseren Teil leisten. Denn jede Person ist eine Welt.“

Laut Schätzungen sind rund 40 Millionen Menschen auf der Welt Opfer von moderner Sklaverei und organisiertem Menschenhandel. Sie werden als Zwangsarbeiter und, vor allem Frauen und Kinder, als Prostituierte oder auch für den Organhandel ausgebeutet. Im Kampf gegen den Menschenhandel setzt die Kirche auf internationale und interreligiöse Zusammenarbeit.


Zum Dossier

Die Namen der jungen Frauen wurden zu ihrem Schutz geändert.

Text: Anne Herrberg

© Adveniat