Südsudan: Die Hoffnung lebt weiter im „jüngsten Staat der Welt“

Frau im Südsudan bestellt ein Feld. Bild: Paul Jeffrey/CNS photo/KNA
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  • Juba - 09.07.2021

Wehende Flaggen, Trommeln, Freiheitsrufe – und darüber die Gewissheit, dass man dafür nicht mehr ins Gefängnis muss: Vor zehn Jahren feierten die Südsudanesen auf den Straßen ihren unabhängig gewordenen Staat. Der Bürgerkrieg, der die jüngste Nation der Welt kaum eineinhalb Jahre später einholte, dämpfte jedoch die Euphorie. 400.000 Menschen starben; mehr als zwei Millionen sind als Flüchtlinge unterwegs. Dazu kommen acht Millionen Bewohner, die derzeit auf humanitäre Hilfe angewiesen sind. Weshalb am Freitag dennoch gefeiert wird? Der Grund heißt: Hoffnung.

„Es stimmt, dass viele Hoffnungen zerstört wurden. Aber wenn das jüngste Friedensabkommen umgesetzt wird, haben wir tatsächlich Chancen darauf, ein Land mit Freiheit und Möglichkeiten aufzubauen“, sagt der südsudanesische Menschenrechtsanwalt Biel Boutros Biel. Er meint den Friedensdeal zwischen Präsident Salva Kiir Mayardit und dessen Erzrivalen, dem ehemaligen Vizepräsidenten Riek Machar. 2020 gründeten die Bürgerkriegsgegner nach jahrelangem Blutvergießen wieder eine gemeinsame Regierung. Der Krieg gilt seither als beendet.

„Nach der Unabhängigkeit erlebten wir schlechte Regierungsführung – aber die kann korrigiert werden“, so Boutros. Aus seiner Sicht gibt es für die ehemals unterjochte Nation zum Zehn-Jahres-Jubiläum etwas „Größeres“ zu feiern: „die Gewissheit, dass wir jetzt frei sind vom Neokolonialismus der Araber“.

Ähnlich denkt der Bürgeraktivist Festo Bali Christopher in Juba. „Wir haben ein Land, das wir unser Eigen nennen können, unabhängig vom derzeitigen Stand der Dinge.“ Bali ist Direktor der South Sudan Community Change Agency (SOSUCCA). Die Organisation fördert den Dialog unter den Südsudanesen und setzt sich unter anderem für Sport, Theater, Nachbarschaftskomitees und Landwirtschaft ein –  um Frieden zu schaffen. Diese Bemühungen braucht das Land dringender denn je. Denn seit dem Ende des Bürgerkriegs hat sich der Konflikt auf verfeindete Kommunen verlagert: Viehdiebstahl und Zusammenstöße zwischen verschiedenen Ethnien kosten immer noch Tausende Leben.

Der UN-Sondergesandte für den Südsudan, Nicholas Haysom, sprach kürzlich von „grassierender Unsicherheit“, die die ostafrikanische Nation zurückwerfe und die Entwicklung bremse: Laut UNO hätten bloß 28 Prozent der Südsudanesen Zugang zu Strom; weniger als die Hälfte der Bevölkerung verfüge über ein Telefon. Was das Leben ebenfalls erschwere, sei die Tatsache, dass etwa 60 Prozent der Straßen während der Regensaison unbefahrbar würden.

Die Kirchen waren maßgeblich am Friedensprozess im Südsudan beteiligt. Zugleich versuchen die Religionsvertreter, Entwicklung anzukurbeln. Die 2006 gegründete Initiative Solidarity with South Sudan (SWSS) etwa bringt junge Südsudanesen aller Volksgruppen zusammen, um sie in Kollegs auszubilden. „Sie lernen nicht nur ihren Beruf, sondern gleichzeitig, was es heißt, Diversität im Alltag zu leben“, sagt der Direktor, Pfarrer Jim Greene, in Juba. „Indem wir Jugendliche als Lehrer, Krankenpfleger, Geburtshelfer, Pastoralarbeiter und Farmer ausbilden, tragen wir auf einfache Art dazu bei, einen neuen Südsudan aufzubauen.“

2022 soll im Land erstmals gewählt werden. Allerdings stellt das die Nation schon jetzt auf die Probe – und mit ihr die fragile Waffenruhe zwischen den Bürgerkriegsgegnern. Viele Beobachter bezweifeln, dass im gegenwärtigen Klima faire Wahlen stattfänden. Es gebe kein Wählerregister; mehr als 1,6 Millionen Südsudanesen seien als Binnenflüchtlinge vertrieben, und die Meinungsäußerung sei eingeschränkt. Eine Verschiebung der Wahl gilt als wahrscheinlich.

Dennoch sieht der Autor und Friedensaktivist John Ashworth einen Fortschritt: „Von kolonialer Unterdrückung auszubrechen, ist ein Grund zu feiern, selbst wenn es Rückschläge gibt.“ Er erinnert an Staaten wie die USA, Irland oder Äthiopien, wo es nach Erlangung der Unabhängigkeit ebenfalls Krieg gab. Die Südsudanesen seien sich „bewusst, dass die gegenwärtigen Probleme zumindest ihre eigenen sind, die sie unter sich lösen können, und keine von außen auferlegten“.

Von Markus Schönherr (KNA)

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