Studie: Mit indigenen Sprachen bricht auch Heil-Wissen weg

  • Indigene Gemeinschaften - 10.06.2021

Mit dem Aussterben indigener Sprachen gehen laut einer neuen Studie auch wertvolle medizinische Kenntnisse verloren. Die Autoren einer am Mittwoch vorgestellten Untersuchung der Universität Zürich schätzen, dass weltweit 75 Prozent der Anwendungen jeweils in nur einer Sprache bekannt sind. Urvölker geben ihr Wissen über Heilpflanzen mündlich weiter.

Auch Heilpflanzen werden in indigenen Sprachen benannt und als natürliche Apotheke nutzbar gemacht. Das Wissen, welche Pflanzen helfen und welche töten können, wird so von Generation zu Generation weitergegeben.

Laut der Studie werden heute weltweit fast 7.400 Sprachen gesprochen. Die meisten davon seien aber nicht schriftlich festgehalten, und viele würden auch kaum mehr an die nächste Generation weitergegeben. Das führe gemäß Schätzungen von Linguisten dazu, dass 30 Prozent aller Sprachen bis zum Ende des Jahrhunderts verschwinden werden.

In einer neuen Studie analysierten Rodrigo Camara-Leret und Jordi Bascompte, Professor für Ökologie in Zürich, wie indigene Heilpflanzen-Kenntnisse mit den jeweiligen Muttersprachen verknüpft sind. Sie erforschten dazu die indigenen Sprachen Nordamerikas, aus dem nordwestlichen Amazonasgebiet und in Neuguinea. Sie untersuchten rund 3.600 Heilpflanzenarten und deren 12.500 Anwendungen in Verbindung mit 236 indigenen Sprachen. 

„Wir fanden heraus, dass über 75 Prozent der Verwendungszwecke von Arzneipflanzen jeweils nur in einem indigenen Volk – und daher nur in einer Sprache – bekannt sind“, so Camara-Leret. In Nordamerika und Amazonien würden mehr als 86 Prozent des Wissens über Heilmittel jeweils nur in einer bedrohten indigenen Sprache vermittelt; in Neuguinea seien es 31 Prozent. Dabei galten weniger als 5 Prozent der Heilpflanzenarten als unmittelbar bedroht.

Die Studie belegt laut den Autoren die Bedeutung der für die nächsten zwei Jahre ausgerufenen „Internationalen Dekade der indigenen Sprachen“. Die Vereinten Nationen wollen damit weltweites Bewusstsein für die kritische Situation vieler indigener Sprachen schaffen. Entscheidend wären, so die Forscher, groß angelegte, partizipative Projekte, um gefährdetes medizinisches Wissen zu dokumentieren, bevor es zu spät ist.

Weisheit der Vorfahren mit heutigen technischen Kenntnissen verbinden

In Querída Amazonía, dem nachsynodalen Schreiben zur Amazonas-Synode heißt es, es sei gut „die Weisheit der Vorfahren mit den heutigen technischen Kenntnissen zu verbinden, wobei immer ein nachhaltiger Umgang mit dem Gebiet zu gewährleisten ist, der zugleich den Lebensstil und die Wertesysteme der Bewohner bewahrt". An anderer Stelle heißt es, es sei notwendig, mit Blick auf die ursprünglichen Völker „ihren eigenen Sprachen und Kulturen bestimmte Kommunikationsformen« zu fördern".

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